Notiz

Hiddensee. Die Insel. Hidden – versteckt. Wie abgetrieben. Damals nicht korrekt auf der Landkarte verzeichnet, damit keiner weiß, wie weit es wirklich bis nach Dänemark ist. Hier spielt das Buch „Kruso“ von Lutz Seiler. Hier hat Kruso eine Utopie geschaffen. Alle, die auf die Insel kommen, auf der Flucht vor dem System der DDR, auf der Flucht vor sich selbst oder auf der Flucht vor dem „Stoff der Piloten“, stranden hier wie Schiffbrüchige und dürfen offiziell nicht bleiben. Die, die es wagen, sich in die See zu stürzen und Dänemark zu erreichen, werden verschwiegen. Kruso will sie alle retten. Sie müssen nicht sterben. Er will jeden von ihnen mindestens drei Tage versteckt halten auf der Insel. Hier tauchen sie in die Gemeinschaft der Saisonkräfte ein, bekommen Verstecke zugeteilt. Hier entdecken sie eine andere Freiheit, die innere. Das innerste Ich, die Wurzel, sie schält sich hier heraus. Das Ich, dass gefangen ist in Ohnmacht oder Angst oder… Nach diesen drei Tagen des Verstecktseins kehren die Schiffbrüchigen zurück, denn sie können nicht fliehen. Aber sie sind geerdet von dieser Gemeinschaft der Insel, die in diesem Buch so zärtlich beschrieben ist, dass man beim Lesen heulen muss. Zärtliche Rituale. Selbstverständlichkeit der Hilfe. Die „ewige Suppe“. „Kummergeruch“. Eine große Freundschaft. Liebe. Lest dieses Buch. Das wollte ich mal loswerden.

Ist das Kitsch?

Im sitze im Bus zwischen Bad Düben und Leipzig, schwitze und starre durchs Fenster auf die Straße. Dort rauschen die Autos an mir vorbei, während der Bus grad an einer Landstraßen-Haltstelle wartet.

Wusch, ein Auto knallt vorbei. Als es weg ist, liegt ein Schmetterling auf der Fahrbahn. Er kann nur noch schwach mit den Flügeln schlagen, liegt dort hilflos und wird von dem Wind, den die Autos auf der anderen Spur aufwirbeln, hin und her geschmissen. Dann naht ein neues Auto und fährt über den Schmetterling. Jetzt ist er tot, denke ich. Aber als das Auto vorbei ist, liegt er immer noch dort und schlägt hilflos mit den Flügelchen. So geht das ein paar Sekunden. Auto: Wusch. Schmetterling: Zappel.

Wenn ein Auto ihn doch erlösen könnte, denke ich. Ich hab also aufgegeben. Und da kommt auch schon ein fetter Kleinbus mit ordentlich Speed. Das war’s, denke ich. Der Kleinbus bringt so viel Fahrtwind mit sich, dass der Schmetterling Auftrieb bekommt. Er schafft es hoch in die Luft, sammelt sich und fliegt davon.

Wenn ich darüber schreibe, denke ich, kann es nur kitschig werden. Aber auch für Kitsch scheint es in der Realität eine Vorlage zu geben.

Jütland

Urlaub. Urlaub.Urlaub. In diesem Jahr war er besonders schön. Im Norden Dänemarks, in Jütland. Jeder Morgen hier begann in unserem phantastischen Ferienhaus, umgeben von Wald. Man versank knöcheltief im Moos und am ersten Abend stand Herr Fuchs auf unserer Terrasse und sah uns verständnislos an.

Zweifellos einer der faszinierendsten Plätze in Jütland ist der äußerste Zipfel im Norden, in Skagen. Die Landzunge wird zum Ende hin immer schmaler, immer schmaler, bis sie nur noch ein Meterchen misst. Da braust von rechts die Ostsee heran und von links die Nordsee. In der Mitte kämpft die Gischt beider Meere miteinander und wenn man mit den Füßen drin steht, spürt man die Kraft, die dahinter steckt:

P1050411Auf der linken Nordsee-Seite (weiter ins Land hinein) besitzt das Meer mehr Bums. Da donnern große Wellen. Wie eine brausende Wand kam es mir entgegen und fiel kurz vor mir zusammen. Ich hatte mich in den Schlick gesetzt und mir meine Plastiklatschen unter den Hintern gestellt. War nix zu machen, das Meer hat sie unterspült und mir einen nassen Hintern beschert. Hab ich aber nicht fotografiert.

Während Skagen Ende des 19. Jahrhunderts von vielen Malern heim gesucht wurde – wegen des Lichts – war Saeby, unser Nachbarörtchen, die Stadt der Dichter. Diese Dame hier:

P1050389wurde als Erinnerung daran aufgestellt, dass Henrik Ibsen hier einst zu seinem Stück “Die Frau am Meer” inspiriert wurde.

Mitten in der Heidelandschaft Jütlands erheben sich plötzlich riesige Sandberge: eine Wanderdüne – die Rubjerg Knude zwischen Lønstrup und Løkken. Durch Wind und Wetter erreicht sie mittlerweile eine Höhe von 50 Metern, deshalb musste 1968 der Betrieb des Leuchtturmes eingestellt werden. Das Haus am Fuße des Leuchtturms hat die Wanderdüne bereits zerstört. Es sind nur noch Steine und Mauerreste übrig. Auf der Düne fühlt man sich wie mitten in der Wüste, aber zum Glück befindet sich in ihrem Rücken das weite, blaue Meer. Allerdings muss man erst einmal hier hochkommen, es geht extrem steil nach oben und alles nur Sand. Hinter mir kraxelten zwei alte Damen und ein Herr mit Gehstock hinauf. Sie waren bestimmt an die 80. Oben auf der höchsten Dünenspitze hörte ich, wie eine der Damen gedankenverloren und sehnsüchtig sagte: “Hier hinunterkullern. Das muss so einen Spaß machen.”

Diese Düne ist ein irgendwie ein erhebender Ort. Bei Klick auf’s Bild wird’s ganz groß – für einen besseren Eindruck des Sand-Giganten:

P1050468P1050477P1050473P1050500P1050505P1050506P1050480Manchmal sieht Dänemark aus wie Mallorca:P1050429Und Glotzer am Strand gibt es ja überall:

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Und noch einmal in eigener Sache:

Heute, am 15. August, 14:00 Uhr, hat Bayern 2 mein erstes Kinderhörspiel gesendet. Es heißt “Weltverbesserer” und eine der Rollen spricht ChrisTine Urspruch, bekannt als “Sams” und “Alberich” aus dem Münsteraner Tatort. Sie macht das phänomenal, ich freu mich wie verrückt!

Hier gehts zur Sendung

Und hier ist der Podcast

Mein erstes Radio-Feature

Ich war auf Entdeckertour, habe Leute getroffen und Erinnerungen gesammelt, habe mit geschnitten, gesammelt, geschrieben, geschnipselt, hin- und her geschoben und jetzt ist es fertig: Mein erstes Radio-Feature. Es heißt “Industrieruinen – Faszination und Wehmut”. Hauptdarsteller sind die leerstehenden Fabriken von Leipzig.

Das Feature lief am 9. August 2014 auf MDR FIGARO. Dort kann man es ein Jahr lang nachhören und runterladen. Einfach hier klicken.

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Eine App, eine App!

Letztes Jahr war ich schwer unterwegs, z. B. zum Beispiel in Hoyerswerda, Senftenberg, Bad Liebenwerda oder im Pomologischen Schau- und Lehrgarten Plessa… Ergebnis: Die Deutsche Bahn verwöhnt ihre Gäste mit einem Audio-Guide durch das extrem schöne Elbe-Elster-Land. Acht Städte auf dieser langen Hör-Reise habe ich mit dem Aufnahmegerät bereist und spannende Geschichten aufgespürt.

Hier geht’s entlang zum kostenlosen Download: http://www.bahn.de/regional/view/regionen/berlin_brbg/services/audioguides.shtml Gute Reise!

Früher

Neulich war ich seit Jahren mal wieder in der Stadt, in der ich aufgewachsen bin. Ich hatte noch so meine Vorstellungen, aber jetzt, da ich groß und alt bin, erschien mir alles so klein! Riesige Straßenzüge aus meiner Erinnerung waren zu wenigen Metern zusammen geschmolzen. Dazu kommt, dass vieles inzwischen längst saniert, verbuntet oder schlichtweg abgerissen ist. Aber nicht alles, wie man hier sieht:

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P1050155Diese drei Kolleginnen hier standen an der Ecke des KäKo-Parkes. Als kleines Mädchen habe ich stets jeder einen Kuss auf den Schnabel gegeben, wenn mein Weg an ihnen vorbei führte. Übrigens standen sie ein paar Meter neben dem Intershop!

P1050171Auf dieser Mauer bin ich früher balanciert. Ich schwöre, es ist die gleiche Mauer wie früher, sie wurde nicht verändert. Manche Mauern dürfen ruhig bleiben – wenn sie niederschwellig sind:

P1050168Hier, in diesem Torbogen, habe ich meinen ersten Kuss bekommen. Da war er grau und bröcklig. Jetzt bekommt er ein neues Aussehen, ich glaube, er wird lila, jedenfalls gibt es schon viel lila an den Häusern neben ihm. Vielleicht aber wird er innen auch so grau wie außen:

P1050086Das war mein Schulweg bis zur zehnten Klasse, geradewegs durch den KäKo-Park:

P1050094Und an diesem Portal unserer Schule haben wir uns jeden Morgen getroffen und uns erzählt, was wir am Abend zuvor alles heimlich im Westfernsehen angesehen haben:

P1050112Unsere 60-Meter-Bahn neben der Schule ist zugewuchert. Auf die Plätze… fertig… los:

P1050110Nach der Schule ging’s ins “Mocca-Stübchen”, ein Eclair oder ein Türmchen essen. Heute heißt das “Mocca-Stübchen” “Müntzer Klause” und steht leer.

P1050116Das ist hinter dem Dom, hier war der Eingang zu meiner wöchentlichen Chorprobe, jeden Mittwoch:

P1050130Das war mein zweiter Schulweg – bis zur 12. Klasse: gleich nach dem Domplatz durch den “Düsterngraben”:

P1050165Und hier das imposante Tor meiner Abi-Schmiede:

P1050156Neben unserer Schule stand ein klitzekleines Haus, da war en Bäcker drin. Während einer Physikstunde wurde dieser Bäcker mit der Abrissbirne entfernt. Ich weiß noch, wie wir alle am Fenster klebten samt Lehrer und unserem Bäcker hinterher weinten. Damals blieb nur eine Hinterwand der Backstube stehen, noch mit Fliesen. Diese Wand steht heute noch genauso dort, kein neues Haus hat es hier hin geschafft:

P1050158Hier habe ich Fahrradfahren gelernt:

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Und hier habe ih Abiball gefeiert, mein Mathe-Abi geschrieben und als Kind Fasching gefeiert – mit Adi von “Mach’s mit, mach’s nach, mach’s besser” aus dem Fernsehen. Und einmal habe ich mit 14 oder 15 einen Geschichtenwettbewerb in der Schule gewonnen. Bei der Preisverleihung im Clubhaus hat mir Goijko Mitic eine Bonbonkette um den Hals gelegt. Das Bild war damals in der Zeitung und ich Esel habe es verloren. Aber jetzt ist nüscht mehr los:

P1050175Gleich über die Straße war die “Yvetta” – die Disse, in der wir glaubten, Cola mit Eierlikör schmeckt echt super. Da standen wir aufgebrezelt an dem roten Geländer (war es damals schon rot?) und warteten darauf, eingelassen zu werden:

P1050174Und hier ist es immer noch schön:

P1050154Und hier:

P1050150Und das hier:

P1050139Und das schöne alte Pflaster:

P1050117Es fällt einem so viel ein, wenn man die Wege der Kindheit entlang schleicht. Ein Zeichenlehrer, der mit dem Schlüsselbund geworfen hat und an der “Straße der Besten” hing. Ein cooler Chemielehrer, der mit uns einen Dia-Ton-Vortrag über Plaste und Elaste im VEB Schkopau produzierte. Das erste Treffen mit dem Apfelwein ausm Konsum. Das Sommerbad, in dem man immer aufgerissene Füße bekam. Das Tiergehege, in dessen Streichelzoo keine Ziege Bock auf Kontakt hatte. Ach ischluss jetzt mit dem Vergangenheitskram. Am Ende eines älteren Postes über die Schule meines Sohnes hatte ich mal eine Aufzählung gewagt, die ich so mit Kindheit und Schule verbinde, wer Lust hat, hier geht’s lang: http://text-burger.de/?p=1029.

Dialog

Mit dem Bus unterwegs im Wurzener Land. Im Radio läuft “Zombie” von The Cranberries und der Busfahrer singt mit in englischer Lautmalerei. Draußen brüllt brutal die Sonne in die Scheibe. An der nächsten Haltestelle steigt eine alte, dicke Omi ein, sie benötigt Hilfe beim Reintragen der schweren Tasche. Es entspinnt sich ein Dialog:

Omi: “Du bist ä Gudor!” – Busfahrer: “Na manschema.”

Draußen hängen die Störche ab:

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Zweiter Fall von Parallelleserei: “Schlump”

Im Januar hatte ich mich mit Hans-Jörg drüben von der Flohbude zum Parallellesen verabredet. Damals bestimmte ich die Lektüre, jetzt war Hans-Jörg dran. Seine Wahl fiel auf “Schlump” von Hans Herbert Grimm. Hans-Jörgs wunderbare Besprechung gibt es hier zu lesen.

Als ich zu lesen begann, dachte ich erst, hier will mich jemand auf den Arm nehmen. “Schlump” spielt im Ersten Weltkrieg, der blutjunge Emil Schulz, genannt “Schlump”, muss in diesen schrecklichen Krieg ziehen. Die Grausamkeit des Krieges ist sehr wohl auch Gegenstand des Buches, aber in der Hauptsache beschreibt Grimm, wie sich das Sonnenscheinchen Schlump so durch Leichen und Verwesungsgeruch jodelt und dabei unzählige Begegnungen macht: Mädchen, französische Bauern, Mädchen, Leutnants, Mädchen, Geschäftsleute… Schlump verliert weder Mut noch seine gute Laune, findet überall eine kleine Romanze und kann dem Kriegsgeschehen durchaus gemütliche Momente abgewinnen. Nachwort-Autor Volker Weidermann bezeichnet Schlump als “Hans im Glück”. Und durch Schlumps Augen gesehen ist dieser Krieg ein Witz. Das ist er doch?

“Schlump” zu lesen fühlte sich irgendwie an, als befände ich mich in einem Zwischenraum. Dieses Buch ist eine Gratwanderung, ein “helles Buch aus dunkler Zeit” (Volker Weidermann), aber diese Erkenntnis musste ich mir erst erlesen. Nach dem ersten Drittel kommt diese Erkenntnis aber mit aller Wucht. “Schlump” ist gefährlich. Darf man denn über eine Katastrophe so ein unbeschwertes Buch schreiben? Der beste Grund, der mir einfällt, ist die Sinnlosigkeit angesichts dieses Verbrechens. Das Abschlachten von Menschen ist immer sinnlos, egal unter welchen Vorzeichen. Hans Herber Grimm hat dagegen angeschrieben, mit „Schlump-Weisheit“ (Volker Weidermann). Seine unbeschwerte Heiterkeit fällt mich von hinten an – ja, lieber Schlump, über den Krieg kann man sich nur wundern. Und die Geschichte von Grimms Buches ist der reine Wahnsinn.

P1050067Grimm veröffentlichte sein Buch 1929 unter Pseudonym bei Kurt Wolff und bekannte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg zu seinem “Schlump”. Das Pech dieses Romans war, dass Erich Maria Remarque mit “Im Westen nichts Neues” den Markt beherrschte. Im absoluten Erfolgsrausch dieses Anti-Kriegs-Romans ging “Schlump” unter. Trotzdem hatte man damals sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass in diesem Roman der Kaiser als Feigling bezeichnet wurde und wenig heldenhafte Soldaten beschrieben werden. Der Schlumpsche Ton gefiel Kriegstreibern überhaupt nicht. Unter den Nationalsozialisten kam “Schlump” schließlich zur Bücherverbrennung und wurde verboten.

Hans Herbert Grimm mauerte sein Manuskript in die Wand seines Hauses ein. Er hatte Angst vor seinem “Schlump”. Er trat in die NSDAP ein, um in Sicherheit leben zu können. Seinen Schülern aber trichterte er Toleranz ein, machte aus seiner antimilitaristischen und antifaschistischen Haltung kein Hehl. Die NSDAP-Mitgliedschaft wurde ihm nach den Zweiten Weltkrieg jedoch zum Verhängnis. Er durfte nicht mehr unterrichten – trotz Bürgschaften und Briefen u.a. vom Landrat, auch die Aufdeckung von Grimms Autorschaft über das Antikriegsbuch “Schlump” nutzte ihm nichts. 1950 bestellten die DDR-Behörden Hans Herbert Grimm zu sich. Zwei Tage später nahm er sich das Leben. Volker Weidermann schreibt in seinem Nachwort, dass niemand je erfahren hat, was das DDR-Regime dem Schlump-Autor damals eröffnete. Es kann jedenfalls nichts Gutes gewesen sein.

100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg nun kommt “Schlump” endlich zu seinen verdienten Ehren.

Hans Herbert Grimm: “Schlump”, Verlag Kiepenheuer und Witsch 2014

Altenburg

Hans Herbert Grimm lebte in Altenburg. Sein Sohn, Frank Grimm, war der beste Freund des Malers Gerhard Altenbourg, der gleich nebenan wohnte. Die Lektüre von “Schlump” habe ich mit einem Ausflug nach Altenburg abgeschlossen. Im Lindenau-Museum hängen viele Werke von Gerhard Altenbourg. Zum Schluss einige Impressionen aus Altenburg, zwar ganz zusammenhanglos mit “Schlump”, aber eben Altenburg, wo Hans Herbert Grimm lebte und dass am Tag des Ausflugs irgendwie menschenleer und verlassen wirkte:

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Literarische Orte zum Drüberlehnen

Hoyerswerda ist ein Geländer-Paradies! Vor den Fenstern der sanierten Wohnblocks im WK I, in den Treppenhäusern, überall gibt es diese reizenden kleinen Geländer. Entdeckt habe ich sie auf meinem letzten Ausflug nach Hoyerswerda. Letztes Jahr war ich einmal zur Einweihung des Brigitte Reimann-Zeichens dort (Bericht hier) und das zweite Mal für Tonaufnahmen für einen Audio-Giude (dazu später). Bei letzterem Besuch lernte ich Helene und Martin Schmidt vom Hoyerswerdaer Kunstverein kennen. Die beiden kannten die Schriftstellerin persönlich und luden mich damals zu einem Brigitte Reimann-Spaziergang ein. Den haben wir nun getätigt. Wir besuchten lauter Plätze, an denen Brigitte Reimann lebte und die sie in irgendeiner form schriftlich fixierte: Wo sie zu Mittag aß, wo sie ins Kino ging, wo sie Bäume pflanzte, wo sie sich sehnlichst eine “Bummelzeile” wünschte, wo sie wohnte… Immer wieder wurde dazu aus Reimanns Tagebüchern und aus “Franziska Linkerhand” vorgelesen. Ich lernte die realen Vorbilder kennen für die “Magistrale” aus der “Franziska”, erfuhr, nach welchem Vorbild sie den Architekten Landauer porträtierte. Und immer wieder blieb mein Blick dabei an diesen kleinen Geländern hängen:

P1050010P1050005-001P1050011P1040997-001Ich habe eine Schwäche für Geländer. Als Kind kann man an Geländern seinen Mut schulen, wenn es heißt: “Lehn dich bloß nicht so weit hinüber!” Oder man rutschte in gekonnter Manier das Treppengeländer hinunter, was allerdings bei dem obigen nicht so gut gegangen wäre.

Unweigerlich muss ich bei dem Stichwort Geländer an diese eine Stelle aus den Erinnerungen von Irmgard Weinhofen denken. Brigitte Reimanns beste Freundin schrieb über eine Begegnung an der Ostsee: Bei der sich die Schriftstellerin früh noch im Nachthemd freudestrahlend aus dem Fenster lehnte, mit einem Decolleté, dass jede neidisch gemacht hätte. Ich fand diese Beschreibung ihrer Freundin immer besonders zärtlich. Und so stelle ich mir vor, wie sich Brigitte Reimann über eines der Geländer, die ich hier abbilde, lehnte, oder sich aufstützte und ihr langer Zopf baumelte dabei aufrührerisch, weil sie schon wieder einen Angriff auf die Hoyerswerdaer Stadtverwaltung plante oder eine neue Idee für ihren Roman durch den Kopf schoss. Und übrigens, Brigitte Reimanns langer Zopf wurde in ihrer Hoyerswerdaer Zeit von 1960-1968 genau hier gepflegt:

P1050001-001Auch so was lernt man bei einem Brigitte Reimann-Spaziergang.