Plutsche

Sie war unglaublich flauschig, hatte riesige, sanfte Augen und ein kleines Gewichtsproblem. Deshalb nannten wir sie “Plutsche”. Ihr “Herrchen” hatte auch schon panisch auf ihrem Halsband gewarnt: “Diese Katze hat ein Zuhause, bitte nicht füttern.” Daran hielten wir uns, sie besuchte uns trotzdem gern. Es begann damit, dass sie unglaublich lange auf unserer Balkonbank schlief. Manchmal kam sie auch rein und tat so, als wäre sie wie von Geisterhand auf unserer Couch gelandet. Unser Kater Freddy akzeptierte das irgendwie – sonst duldet er keine andere Fellfresse neben sich. Als es kalt wurde, schlief sie immer noch tagsüber auf unserem Balkon, deshalb baute ich ihr ein Häuschen, was sie zu schätzen wusste. Sie hatte eben ein gemütliches Wesen. Gestern wurde sie in unserer kleinen, stillen Straße direkt vor unserer Haustür überfahren. Irgendein Raser nahm sie frontal. Plutsche rannte gleich in unseren Hof. Dort fiel sie einfach um und starb. Jetzt isse weg und das Häuschen bleibt leer:

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Jahreswechselblues

Es ist wieder vollbracht. Tschüssi 2014, Hallo 2015. Die Straßen versinken in Müll. In meiner Straße geliert im Moment die größte Kotzlache der Stadt. Silvester-Diven hatten ihren Auftritt, nun sind entweder alle Hoffnungen begraben oder es läuft… Die Warnungen vor Schäden lauern gleich nebenan.

Ich wünsche allen ein gutes, neues Jahr. Und wenn ich es sage, meine ich alle. ALLE. Bitte!

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Auch das ist Weihnachten

Mitten in der Woche, morgens 9 Uhr, der Markt ist menschenleer: Eine Kita-Gruppe steht auf der kleinen Bühne des Hallenser Weihnachtsmarktes, merkwürdig heraus geputzt. Die Kinder tragen Papierservietten mit Lochmuster auf den Köpfen, die Servietten hängen mit allen vier Ecken uninspiriert am Kopf herunter, das erinnert ein bisschen an die Großmutter von Rotkäppchen.

Neben den Kindern produziert sich ein unterkühlter Weihnachtsmann, der sie altersgerecht begrüßt mit: “Schön, dass ihr so zahlreich erschienen seid”. Vor der Bühne stehen nur Eltern (wie gesagt, sonst menschenleer) mit superauflösenden Fotoapparaten. Kameras thronen auf Stativen. Tablets werden in die Luft gehalten. So singen die Kinder frierend im Blitzlichtgewitter. Die Eltern knipsen wie die Weltmeister und hauchen sich zwischendurch in die kalten Hände. Dann ist alles ganz schnell vorbei. Auch das ist Weihnachten.

Neulich im Auwald

Die kleine Hexe besaß ihr Häuschen mitten im dichten, dunklen Wald:

P1050821Wenn die Hexe übermütig war, spielte sie Dornröschen und zauberte sich eine undurchdringliche Hecke vor das Küchenfenster:

P1050804Aber eigentlich war die Hexe romantisch veranlagt:

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Tagelang saß sie schmachtend auf der kleinen maroden Bank unter ihrem Lieblingsbaum und träumte von einem schönen, klugen Mann:

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Vor lauter Träumerei ließ sie ihren Haushalt ein bisschen von der Leine. Aber eigentlich war Hausarbeit nichts für die Hexe, sie hatte ganz andere Ambitionen.

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Am liebsten schlief sie unter freiem Himmel:

P1050833Aber eines Tages war damit Schluss. Da tauchte nämlich ein Lindwurm auf. Der gab mächtig an mit seinen vielen Beinen:

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Das ließ die Hexe kalt, sie war zufrieden mit ihren zwei Beinen. Aber manchmal wurde ihr die Warterei doch zu lang. Schwere Stimmungen plagten sie. Mitunter wurde sie so wütend, dass sie mit genau einem ihrer zwei Beine ihren Geräteschuppen in die Seitenlage beförderte:

P1050831Doch eines Tages war etwas anders. Da prangte plötzlich ein Blutfleck auf der Wand – sehr gruslig:

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Der Blutfleck war vom Froschkönig. Der war in der Nacht zuvor hier gelandet – böse Zungen behaupten, eine Prinzessin hätte ihn mit der Hand geworfen, ganz weit ins Nirgendwo hinein – aber gelandet war er nun hier, bei der Hexe. Und es war ein netter Froschkönig.

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Er war geradewegs durch den Dachstuhl geplumpst. Dabei hatte er sich verletzt und den Blutfleck verursacht.

P1050847“Schwamm drüber”, sagte die kleine Hexe, lächelte still, machte den Blutfleck weg und heizte den Ofen an.

Der Katzentisch

Ich habe ein neues Wort gelernt. Das Wort kannte ich nicht, was es bezeichnet jedoch sehr wohl: Lädt man sich Gäste ein, passen nicht immer alle an den großen Tisch. Es wird dann ein weiterer Tisch an den großen herangestellt. Meist ist er kleiner als der Haupttisch und für gewöhnlich müssen dort die Kinder sitzen oder die zu spät gekommenen Gäste.

Es ist natürlich keine Strafe, am Katzentisch zu sitzen, aber besonders schön mag es nicht immer sein.

Eine besonders schlechte Figur am Katzentisch machen diejenigen Menschen, die sich gerade auf dem Weg vom Kindsein ins Erwachsenenalter befinden. Lang aufgeschossen versuchen sie ihre lange Beine unter dem Katzentisch zu verstauen, starren stumm auf die weiße Tischdecke und langweilen sich zu Tode.

Warum dieser Tisch nun gerade Katzentisch heißt, ist mir ein Rätsel. Als ob sich Katzen einem Extra-Tisch zuweisen lassen würden! Pfffhhh! Die Katzen, die ich kenne, würden den Katzentisch höflich ignorieren und sich mitten auf die Haupttafel legen.

Aber zugegeben, Katzentisch klingt echt nett und ist ja auch nett gemeint. Schließlich soll keiner draußen bleiben müssen.

Rom, prego!

Ich war in Rom. Was soll ich sagen? Dass Rom unglaublich schön ist? Engelsburg, Petersdom, Vatikanische Museen, Sixtinische Kapelle, Pantheon, Kapitol, Forum Romanum, Colosseum, Trevi Brunnen… unmöglich, diese Pracht hier zu zeigen. Ich versuche trotzdem, ein paar Momente hier zu konservieren.

Der Himmel über dem Kapitol, wie gemalt. Michelangelo hätte sich gefreut:

P1050537P1050547Lieblingsbäume:

P1050707Mein Lieblingsort, das Pantheon – die schönste Kuppel (oben offen!), hier steht die schönste Madonna – von Raffael, der hier auch begraben liegt. Aber all meine Fotos sind unbedeutend und fangen nicht im geringsten etwas von der Stimmung da drinnen ein (bei Klick aufs Bild wirds groß):

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Leute:

P1050691Körper:

P1050697Mein Lieblingsbild:

P1050711Stadt der Engel:

P1050624Ein verblüffter Hase – mein Lieblingsdetail auf sieben Kilometer Vatikanische Museen:

P1050635Ah-und Oh-Raum in den Vatikanischen Museen:

P1050640Hinterhofromantik:

P1050564Nachtleben:

P1050563In der Engelsburg:

P1050532Jetzt habe ich doch viel mehr Bilder hier reingestellt, als ich wollte. Abschließend: Die wichtigste Tat, um dort zu überleben, war, nach zwei Tagen in eine Apotheke zu krauchen und um Anti-Schmerzgel für die Beine zu betteln. Eines Tages haben wir uns verlaufen und sind statt nach Trastevere am Tiber entlang in die falsche Richtung gelaufen. Aber das war heilsam. Denn fernab des kunsttösenden Zentrums haben wir gesehen, an manchen Stellen sieht auch Rom aus wie eine halbwegs normale Stadt.

Notiz

Hiddensee. Die Insel. Hidden – versteckt. Wie abgetrieben. Damals nicht korrekt auf der Landkarte verzeichnet, damit keiner weiß, wie weit es wirklich bis nach Dänemark ist. Hier spielt das Buch „Kruso“ von Lutz Seiler. Hier hat Kruso eine Utopie geschaffen. Alle, die auf die Insel kommen, auf der Flucht vor dem System der DDR, auf der Flucht vor sich selbst oder auf der Flucht vor dem „Stoff der Piloten“, stranden hier wie Schiffbrüchige und dürfen offiziell nicht bleiben. Die, die es wagen, sich in die See zu stürzen und Dänemark zu erreichen, werden verschwiegen. Kruso will sie alle retten. Sie müssen nicht sterben. Er will jeden von ihnen mindestens drei Tage versteckt halten auf der Insel. Hier tauchen sie in die Gemeinschaft der Saisonkräfte ein, bekommen Verstecke zugeteilt. Hier entdecken sie eine andere Freiheit, die innere. Das innerste Ich, die Wurzel, sie schält sich hier heraus. Das Ich, dass gefangen ist in Ohnmacht oder Angst oder… Nach diesen drei Tagen des Verstecktseins kehren die Schiffbrüchigen zurück, denn sie können nicht fliehen. Aber sie sind geerdet von dieser Gemeinschaft der Insel, die in diesem Buch so zärtlich beschrieben ist, dass man beim Lesen heulen muss. Zärtliche Rituale. Selbstverständlichkeit der Hilfe. Die „ewige Suppe“. „Kummergeruch“. Eine große Freundschaft. Liebe. Lest dieses Buch. Das wollte ich mal loswerden.