Auch das ist Weihnachten

Mitten in der Woche, morgens 9 Uhr, der Markt ist menschenleer: Eine Kita-Gruppe steht auf der kleinen Bühne des Hallenser Weihnachtsmarktes, merkwürdig heraus geputzt. Die Kinder tragen Papierservietten mit Lochmuster auf den Köpfen, die Servietten hängen mit allen vier Ecken uninspiriert am Kopf herunter, das erinnert ein bisschen an die Großmutter von Rotkäppchen.

Neben den Kindern produziert sich ein unterkühlter Weihnachtsmann, der sie altersgerecht begrüßt mit: “Schön, dass ihr so zahlreich erschienen seid”. Vor der Bühne stehen nur Eltern (wie gesagt, sonst menschenleer) mit superauflösenden Fotoapparaten. Kameras thronen auf Stativen. Tablets werden in die Luft gehalten. So singen die Kinder frierend im Blitzlichtgewitter. Die Eltern knipsen wie die Weltmeister und hauchen sich zwischendurch in die kalten Hände. Dann ist alles ganz schnell vorbei. Auch das ist Weihnachten.

Neulich im Auwald

Die kleine Hexe besaß ihr Häuschen mitten im dichten, dunklen Wald:

P1050821Wenn die Hexe übermütig war, spielte sie Dornröschen und zauberte sich eine undurchdringliche Hecke vor das Küchenfenster:

P1050804Aber eigentlich war die Hexe romantisch veranlagt:

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Tagelang saß sie schmachtend auf der kleinen maroden Bank unter ihrem Lieblingsbaum und träumte von einem schönen, klugen Mann:

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Vor lauter Träumerei ließ sie ihren Haushalt ein bisschen von der Leine. Aber eigentlich war Hausarbeit nichts für die Hexe, sie hatte ganz andere Ambitionen.

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Am liebsten schlief sie unter freiem Himmel:

P1050833Aber eines Tages war damit Schluss. Da tauchte nämlich ein Lindwurm auf. Der gab mächtig an mit seinen vielen Beinen:

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Das ließ die Hexe kalt, sie war zufrieden mit ihren zwei Beinen. Aber manchmal wurde ihr die Warterei doch zu lang. Schwere Stimmungen plagten sie. Mitunter wurde sie so wütend, dass sie mit genau einem ihrer zwei Beine ihren Geräteschuppen in die Seitenlage beförderte:

P1050831Doch eines Tages war etwas anders. Da prangte plötzlich ein Blutfleck auf der Wand – sehr gruslig:

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Der Blutfleck war vom Froschkönig. Der war in der Nacht zuvor hier gelandet – böse Zungen behaupten, eine Prinzessin hätte ihn mit der Hand geworfen, ganz weit ins Nirgendwo hinein – aber gelandet war er nun hier, bei der Hexe. Und es war ein netter Froschkönig.

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Er war geradewegs durch den Dachstuhl geplumpst. Dabei hatte er sich verletzt und den Blutfleck verursacht.

P1050847“Schwamm drüber”, sagte die kleine Hexe, lächelte still, machte den Blutfleck weg und heizte den Ofen an.

Der Katzentisch

Ich habe ein neues Wort gelernt. Das Wort kannte ich nicht, was es bezeichnet jedoch sehr wohl: Lädt man sich Gäste ein, passen nicht immer alle an den großen Tisch. Es wird dann ein weiterer Tisch an den großen herangestellt. Meist ist er kleiner als der Haupttisch und für gewöhnlich müssen dort die Kinder sitzen oder die zu spät gekommenen Gäste.

Es ist natürlich keine Strafe, am Katzentisch zu sitzen, aber besonders schön mag es nicht immer sein.

Eine besonders schlechte Figur am Katzentisch machen diejenigen Menschen, die sich gerade auf dem Weg vom Kindsein ins Erwachsenenalter befinden. Lang aufgeschossen versuchen sie ihre lange Beine unter dem Katzentisch zu verstauen, starren stumm auf die weiße Tischdecke und langweilen sich zu Tode.

Warum dieser Tisch nun gerade Katzentisch heißt, ist mir ein Rätsel. Als ob sich Katzen einem Extra-Tisch zuweisen lassen würden! Pfffhhh! Die Katzen, die ich kenne, würden den Katzentisch höflich ignorieren und sich mitten auf die Haupttafel legen.

Aber zugegeben, Katzentisch klingt echt nett und ist ja auch nett gemeint. Schließlich soll keiner draußen bleiben müssen.

Rom, prego!

Ich war in Rom. Was soll ich sagen? Dass Rom unglaublich schön ist? Engelsburg, Petersdom, Vatikanische Museen, Sixtinische Kapelle, Pantheon, Kapitol, Forum Romanum, Colosseum, Trevi Brunnen… unmöglich, diese Pracht hier zu zeigen. Ich versuche trotzdem, ein paar Momente hier zu konservieren.

Der Himmel über dem Kapitol, wie gemalt. Michelangelo hätte sich gefreut:

P1050537P1050547Lieblingsbäume:

P1050707Mein Lieblingsort, das Pantheon – die schönste Kuppel (oben offen!), hier steht die schönste Madonna – von Raffael, der hier auch begraben liegt. Aber all meine Fotos sind unbedeutend und fangen nicht im geringsten etwas von der Stimmung da drinnen ein (bei Klick aufs Bild wirds groß):

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Leute:

P1050691Körper:

P1050697Mein Lieblingsbild:

P1050711Stadt der Engel:

P1050624Ein verblüffter Hase – mein Lieblingsdetail auf sieben Kilometer Vatikanische Museen:

P1050635Ah-und Oh-Raum in den Vatikanischen Museen:

P1050640Hinterhofromantik:

P1050564Nachtleben:

P1050563In der Engelsburg:

P1050532Jetzt habe ich doch viel mehr Bilder hier reingestellt, als ich wollte. Abschließend: Die wichtigste Tat, um dort zu überleben, war, nach zwei Tagen in eine Apotheke zu krauchen und um Anti-Schmerzgel für die Beine zu betteln. Eines Tages haben wir uns verlaufen und sind statt nach Trastevere am Tiber entlang in die falsche Richtung gelaufen. Aber das war heilsam. Denn fernab des kunsttösenden Zentrums haben wir gesehen, an manchen Stellen sieht auch Rom aus wie eine halbwegs normale Stadt.

Notiz

Hiddensee. Die Insel. Hidden – versteckt. Wie abgetrieben. Damals nicht korrekt auf der Landkarte verzeichnet, damit keiner weiß, wie weit es wirklich bis nach Dänemark ist. Hier spielt das Buch „Kruso“ von Lutz Seiler. Hier hat Kruso eine Utopie geschaffen. Alle, die auf die Insel kommen, auf der Flucht vor dem System der DDR, auf der Flucht vor sich selbst oder auf der Flucht vor dem „Stoff der Piloten“, stranden hier wie Schiffbrüchige und dürfen offiziell nicht bleiben. Die, die es wagen, sich in die See zu stürzen und Dänemark zu erreichen, werden verschwiegen. Kruso will sie alle retten. Sie müssen nicht sterben. Er will jeden von ihnen mindestens drei Tage versteckt halten auf der Insel. Hier tauchen sie in die Gemeinschaft der Saisonkräfte ein, bekommen Verstecke zugeteilt. Hier entdecken sie eine andere Freiheit, die innere. Das innerste Ich, die Wurzel, sie schält sich hier heraus. Das Ich, dass gefangen ist in Ohnmacht oder Angst oder… Nach diesen drei Tagen des Verstecktseins kehren die Schiffbrüchigen zurück, denn sie können nicht fliehen. Aber sie sind geerdet von dieser Gemeinschaft der Insel, die in diesem Buch so zärtlich beschrieben ist, dass man beim Lesen heulen muss. Zärtliche Rituale. Selbstverständlichkeit der Hilfe. Die „ewige Suppe“. „Kummergeruch“. Eine große Freundschaft. Liebe. Lest dieses Buch. Das wollte ich mal loswerden.

Ist das Kitsch?

Im sitze im Bus zwischen Bad Düben und Leipzig, schwitze und starre durchs Fenster auf die Straße. Dort rauschen die Autos an mir vorbei, während der Bus grad an einer Landstraßen-Haltstelle wartet.

Wusch, ein Auto knallt vorbei. Als es weg ist, liegt ein Schmetterling auf der Fahrbahn. Er kann nur noch schwach mit den Flügeln schlagen, liegt dort hilflos und wird von dem Wind, den die Autos auf der anderen Spur aufwirbeln, hin und her geschmissen. Dann naht ein neues Auto und fährt über den Schmetterling. Jetzt ist er tot, denke ich. Aber als das Auto vorbei ist, liegt er immer noch dort und schlägt hilflos mit den Flügelchen. So geht das ein paar Sekunden. Auto: Wusch. Schmetterling: Zappel.

Wenn ein Auto ihn doch erlösen könnte, denke ich. Ich hab also aufgegeben. Und da kommt auch schon ein fetter Kleinbus mit ordentlich Speed. Das war’s, denke ich. Der Kleinbus bringt so viel Fahrtwind mit sich, dass der Schmetterling Auftrieb bekommt. Er schafft es hoch in die Luft, sammelt sich und fliegt davon.

Wenn ich darüber schreibe, denke ich, kann es nur kitschig werden. Aber auch für Kitsch scheint es in der Realität eine Vorlage zu geben.

Jütland

Urlaub. Urlaub.Urlaub. In diesem Jahr war er besonders schön. Im Norden Dänemarks, in Jütland. Jeder Morgen hier begann in unserem phantastischen Ferienhaus, umgeben von Wald. Man versank knöcheltief im Moos und am ersten Abend stand Herr Fuchs auf unserer Terrasse und sah uns verständnislos an.

Zweifellos einer der faszinierendsten Plätze in Jütland ist der äußerste Zipfel im Norden, in Skagen. Die Landzunge wird zum Ende hin immer schmaler, immer schmaler, bis sie nur noch ein Meterchen misst. Da braust von rechts die Ostsee heran und von links die Nordsee. In der Mitte kämpft die Gischt beider Meere miteinander und wenn man mit den Füßen drin steht, spürt man die Kraft, die dahinter steckt:

P1050411Auf der linken Nordsee-Seite (weiter ins Land hinein) besitzt das Meer mehr Bums. Da donnern große Wellen. Wie eine brausende Wand kam es mir entgegen und fiel kurz vor mir zusammen. Ich hatte mich in den Schlick gesetzt und mir meine Plastiklatschen unter den Hintern gestellt. War nix zu machen, das Meer hat sie unterspült und mir einen nassen Hintern beschert. Hab ich aber nicht fotografiert.

Während Skagen Ende des 19. Jahrhunderts von vielen Malern heim gesucht wurde – wegen des Lichts – war Saeby, unser Nachbarörtchen, die Stadt der Dichter. Diese Dame hier:

P1050389wurde als Erinnerung daran aufgestellt, dass Henrik Ibsen hier einst zu seinem Stück “Die Frau am Meer” inspiriert wurde.

Mitten in der Heidelandschaft Jütlands erheben sich plötzlich riesige Sandberge: eine Wanderdüne – die Rubjerg Knude zwischen Lønstrup und Løkken. Durch Wind und Wetter erreicht sie mittlerweile eine Höhe von 50 Metern, deshalb musste 1968 der Betrieb des Leuchtturmes eingestellt werden. Das Haus am Fuße des Leuchtturms hat die Wanderdüne bereits zerstört. Es sind nur noch Steine und Mauerreste übrig. Auf der Düne fühlt man sich wie mitten in der Wüste, aber zum Glück befindet sich in ihrem Rücken das weite, blaue Meer. Allerdings muss man erst einmal hier hochkommen, es geht extrem steil nach oben und alles nur Sand. Hinter mir kraxelten zwei alte Damen und ein Herr mit Gehstock hinauf. Sie waren bestimmt an die 80. Oben auf der höchsten Dünenspitze hörte ich, wie eine der Damen gedankenverloren und sehnsüchtig sagte: “Hier hinunterkullern. Das muss so einen Spaß machen.”

Diese Düne ist ein irgendwie ein erhebender Ort. Bei Klick auf’s Bild wird’s ganz groß – für einen besseren Eindruck des Sand-Giganten:

P1050468P1050477P1050473P1050500P1050505P1050506P1050480Manchmal sieht Dänemark aus wie Mallorca:P1050429Und Glotzer am Strand gibt es ja überall:

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Und noch einmal in eigener Sache:

Heute, am 15. August, 14:00 Uhr, hat Bayern 2 mein erstes Kinderhörspiel gesendet. Es heißt “Weltverbesserer” und eine der Rollen spricht ChrisTine Urspruch, bekannt als “Sams” und “Alberich” aus dem Münsteraner Tatort. Sie macht das phänomenal, ich freu mich wie verrückt!

Hier gehts zur Sendung

Und hier ist der Podcast

Mein erstes Radio-Feature

Ich war auf Entdeckertour, habe Leute getroffen und Erinnerungen gesammelt, habe mit geschnitten, gesammelt, geschrieben, geschnipselt, hin- und her geschoben und jetzt ist es fertig: Mein erstes Radio-Feature. Es heißt “Industrieruinen – Faszination und Wehmut”. Hauptdarsteller sind die leerstehenden Fabriken von Leipzig.

Das Feature lief am 9. August 2014 auf MDR FIGARO. Dort kann man es ein Jahr lang nachhören und runterladen. Einfach hier klicken.

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Eine App, eine App!

Letztes Jahr war ich schwer unterwegs, z. B. zum Beispiel in Hoyerswerda, Senftenberg, Bad Liebenwerda oder im Pomologischen Schau- und Lehrgarten Plessa… Ergebnis: Die Deutsche Bahn verwöhnt ihre Gäste mit einem Audio-Guide durch das extrem schöne Elbe-Elster-Land. Acht Städte auf dieser langen Hör-Reise habe ich mit dem Aufnahmegerät bereist und spannende Geschichten aufgespürt.

Hier geht’s entlang zum kostenlosen Download: http://www.bahn.de/regional/view/regionen/berlin_brbg/services/audioguides.shtml Gute Reise!