Stadt-Alphabet

Orr nee, dachte ich, als ich von Daniela Dreuth zu diesem Spiel eingeladen wurde. Initiiert wurde diese Blogparade von Birgit Ebbert.

Viel zu kompliziert und zeitaufwendig. Aber, wenn man da einmal anfängt, drüber nachzudenken, dann will man’s auch fertig kriegen. Zumal ich nicht schnöde Mädlerpassage, Rathaus und Co angeben wollte. Fast alle hier aufgezählten Leipzig-Seiten haben mit mir zu tun, oder finde ich einfach schön. Gut, da sind so ein paar Buchstaben, bei denen ist auch das Leipzig-Leben rar gesät. Aber fleißig habe ich alles mit Links untermalt, so dass Nicht-Leipzig-Eingeweihte schmökern können.

A wie Auwald und Absturz

B wie Baumwollspinnerei und Bärlauch

C wie Clara-Park und Cospudener See

D wie Deutsche Nationalbibliothek und Dokfilm-Festival

E wie Eis-Pfeifer und Eisenbahnstraße

F wie Fockeberg und Feinkost

G wie GRASSI Museum und Galerie für Zeitgenössische Kunst

H wie Hotel Seeblick und Hauptbahnhof

I wie Ilses Erika

J wie Johann Sebastian Bach und Johannisfriedhof

K wie Kinobar Prager Frühling und Karl-Heine-Kanal und Karl-Liebknecht-Straße

L wie Löffelfamilie und Lene Voigt (Ich liebe das Foto von ihr)

M wie Museum der bildenden Künste und Moritzbastei

N wie Nikolaikirche und Nato

O wie Oper und Olympiabewerbung (eine fehlgeschlagene)

P wie Plagwitz und Parkborgen Ost

Q wie Qualitätsmanagement (gibt’s sicher ne Menge, bin ich mir sicher)

R wie Rosental und Russische Gedächtniskirche

S wie Scheibenholz und Schauspielhaus

T wie Thomaskirche und Theater der Jungen Welt

U wie UT Connewitz und UV-Lesung

V wie Völkerschlachtdenkmal

W wie Werk II und Westflügel Figurentheater

X wie xtra viele Lost Places und gammlige Häuser

Y wie Yadegar Asisi (Panometer)

Z wie Zoo

Einfach schön, man eyh

Ich mag Kisten. Ich mag den Inhalt von Kisten. Kisten, die zum Beispiel an der Straße stehen mit dem Hinweis: “Zum Mitnehmen”. Darüber habe ich schon einmal geschrieben. Ich mag auch die Kisten auf Flohmärkten, an denen Hinweise stehen wie: “Jedes Teil 50 Cent” oder “Ein Teil 50 Cent, fünf Teile zwei Euro”. Dort verbergen sich Schätze, auf die niemand scharf ist. Einmal haben wir in solch einer Kiste dieses hier gefunden:

P1040909Ein Schaukasten? Ein schmückendes Schmuckstück? Ein Standbild? Auf jeden Fall macht es fassungslos. Weil es so selbstverständlich liebevoll hergestellt und dabei absolut nutzlos ist. Und hallo – hier hat jemand sein Handwerk verstanden. Die Kraniche sind so filigran geschnitzt, beim Material tippe ich auf Polystyrol oder so. Zur besseren Vorstellung: Der Kasten ist ca. acht Zentimeter breit, so ein Kranich ca. ein Zentimeter groß. Die Landschaft wurde aus einem Korken gekratzt.

Da hat jemand Sonntagnachmittage investiert, um diese kleine, wunderschöne Scheußlichkeit herzustellen. Sie erinnert mich an Uwe. Über den habe ich hier geschrieben. Und genau dort steht jetzt auch der kleine Schaukasten, neben Uwe. Sie sehen zusammen prima aus.

Stimmenverwirrung oder “Julia” – was ist los mit dir?

Ich muss beruflich oft nach Halle fahren. Der dortige Straßenbahnverkehr – in mancher Stadt das normalste und manchmal auch das ödeste von der Welt – bringt mich immer wieder zum Staunen. Es beginnt damit, dass sich gleich am Bahnhof die einfahrende Linie 10 verwandelt und als Linie 9 weiter fährt – wie von Geisterhand. Flexibel sind sie, die Hallenser Straßenbahnen. Auch die Linie 4 verblüfft mit atypischen Verhalten. Normalerweise ist es ja so, dass an einem Gleis alle Bahnen in eine Richtung fahren und auf dem gegenüberliegenden Gleis alle Bahnen in die entgegen gesetzte Richtung. Nicht so die Linie 4, sie fährt ein, kommt zum Halten und fährt dann in die gleiche Richtung zurück. Das muss man erst einmal wissen.

Jetzt hat sich die Hallesche Verkehrs-AG wieder was Neues ausgedacht. Du fährst nichtsahnend herum und plötzlich sagt eine bemüht deutlich klingende Kinderstimme die nächste Haltestelle an. Die nächste wird – nicht besonders gut – von einem Mann angesagt und die darauf von einem wahrscheinlich noch jüngeren Kind.

Diese Haltestellenansagen wurden unlängst am Tag der offenen Tür bei der HAVAG aufgenommen. Jeder, der wollte, durfte. Das soll den Fahrgästen “ein Lächeln ins Gesicht zaubern”. Hat bei mir heute nicht geklappt. Ich dachte erst, “Julia” hätte ein Problem. So heißt nämlich die reguläre Ansagestimme.

Wie das wohl in Leipzig klingen würde? Nächster Halt: “Morglebersch, wer will, soll naushüppe.” Ach ja, die Öffis sind doch immer wieder für eine Überraschung gut. Was aber mal ein echter Brüller wäre, wenn Verkehrsbetriebe entgegen allen Trends die Fahrschnipsel günstiger machen würden statt immer wieder teurer und noch mal teurer und noch mal teurer… Na das wäre eine echte Überraschung.

Bühnenschwund

P1040887Eine Treppe in der Pampa und sie führt ins Nirgendwo. Entdeckt habe ich sie im Berliner Schönholz. Später erfuhr ich, dass hier früher mal das Leben auf einer Freiluftbühne tobte. Dass Bühnen verrotten und Theater geschlossen werden, gehört leider nicht der Vergangenheit an, sondern scheint schale Zukunftsmusik zu sein. Ach ja.

Wer hat, der hat!

Es ist nicht schlecht, wenn man was auf Halde hat, wenn man was auf die hohe Kante legt, wenn man vorsorgt. Wie hier an diesem Bahnhof. Da ist der geschwungene Schriftzug immer vorrätig und im Advent braucht er einfach nur noch illuminiert zu werden, zack, fertig ist die Laube!

P1040859P.S: Das ist der Geraer Bahnhof. Ich sah mir dort die Wismut-Kunstausstellung an – meine Erkenntnisse:

1. Die furchtbaren sozialistischen Wandbilder-Monstren sind mir immer noch vertraut, weil sie früher überall rumhingen.

2. Ich mag Hans Ticha. (wusste ich vorher schon, hat sich aber bekräftigt)

3. Das Lieblingsbild der Ausstellung ist “Schichtbus” von Lutz R. Ketscher.

4. Zu sehen waren außerdem tolle Bergmann-Alltags-Fotografien von Frank Schenke, ein Geraer Fotograf, der auch gemeinsam mit Angelika Schenke die Fotos zu dem Buch beisteuerte, was unter meiner Mitarbeit im Dezember 2013 erschien.

5. Ich empfehle in diesem Zusammenhang die Lektüre von Werner Bräunigs “Rummelplatz” – ein unglaublich guter Roman.

Finderglück

Ich könnte mal wieder was finden, dachte ich letztens so vor mich hin. Ich mag das Finden von Sachen. Finden bedeutet Glück, egal ob man vorher danach gesucht hat oder nicht. Vor allem mag ich aber die gefundenen Sachen, die ich vorher eben nicht gesucht habe. Diese Fundstücke erobern mein Herz. Gerade erst im Vorbeigehen erspäht und schon mit einer ausladenden Bewegung vom Gehweg gerettet.

Heute war es dann so weit: Ich habe etwas gefunden:

P1040850Ist sie nicht wunderschön? Eine Eins! Ein Schild! Eine Eins mit einem Geheimnis: Denn wie mag das akkurat abgetrennte Stück oben links in der Ecke verloren gegangen sein? Also ich bins zufrieden. Wann findet man schon einfach so eine Nummer Eins auf der Straße, mitten im Dreck?

 

Tunnelblick

Seit Jahrzehnten (o.k. fast ein bisschen übertrieben) ziehe ich in meinem Kiez von links nach rechts und zurück, immer an der Karli verbleibend. Deswegen kenne ich diese Straße auch ziemlich gut. Umso größer war mein Erstaunen, als ich letztes Wochenende um die Häuser zog. Mal abgesehen von den hässlichen Baustellen, deren Endprodukt diese Straße auf ewig verkrunksen wird, waren da wie über Nacht komplett neue Kneipen eröffnet.

Hab ich gar nicht bemerkt, dachte ich bei mir, dabei bin ich hier doch mehrmals die Woche unterwges. Aber es hat sich etwas verändert. Musste ich vor Mitte Dezember auf dem Weg ins Nachbar-Halle mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren, um dort in den Zug zu steigen, nutze ich inzwischen den City-Tunnel. Das heißt, ich wackele nur ein paar Minuten hoch zum Einstieg beim Mitteldeutschen Rundfunk und fahre von dort direkt bis nach Halle durch, ohne Umsteigen – und bis zum Bahnhof unter Leipzig durch. Es ist einfacher und bequemer. Ja. Aber wie man nun sieht, entfremdet mich dieses Verkehrsmittel meiner Wahlheimatstadt.

Wenn aber zukünftig immer Verlass ist auf die S-Bahn, und nicht früh am Morgen eine Minute vor Abfahrt über die Anzeige kund tut, dass der nächste Zug mal wieder ausfällt… wenn die neue S-Bahn vor allen Dingen genügend Plätze für alle Mitfahrer parat hat (ich meine ALLE), ohne dass die Hälfte stehen muss und bissige Streite zwischen den Reisenden-mit-Fahrrad und Reisenden-ohne-Fahrrad die Luft verpesten … dann verzeihe ich ihr das vielleicht. Also, liebe S-Bahn, streng dich bitte an.

Heute früh genoss ich auf dem Weg zum City-Tunnel-Zustieg MDR einen wundervoll nebligen Blick:

Der Kohlrabi-Zirkus mit seinen zwei Kuppeln (doch es sind zwei, bitte genau hinschauen):

P1040833Die russische Kirche schmollt im Hintergrund wie ein riesiger, eingerüsteter Schatten:

P1040835Ein Teil des MDR’s neben dem Gasometer, wo es derzeit ein 360°-Panorama zur Völkerschlacht zu glotzen gibt:

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Ein Fall von Parallel-Leserei

Vor einiger Zeit wechselten zwischen mir und Hans-Jörg drüben von der Flohbude Emails über „Im Stein“ von Clemens Meyer. Nur so viel: Wir waren verschiedener Meinung. Aber irgendwie ist es ja bereichernd, sich auch den anderen Standpunkt anzuhören. Aus Geigel sagte ich: Vielleicht sollten wir zusammen ein Buch lesen und dann darüber schreiben. Hans-Jörg machte daraus Ernst.

Das erste Buch, das wir lasen, durfte ich aussuchen. Meine Wahl fiel auf Terezia Mora: „Alle Tage“. Weil ich dieses Buch seit seinem Erscheinen 2006 lesen will und nun dachte ich, jetzt hat sie den Buchpreis bekommen, jetzt wird’s ja mal Zeit. Hans-Jörg nickte alles ab und wollte sich nach den ersten 100 Seiten melden. Das tat er prompt und fast wäre das Parallel-Lese-Experiment gescheitert. Lest selbst bei ihm: http://www.flohbu.de/blog. Aber ein Scheitern lassen wir nicht gelten, denn egal, wie weit ein Buch bei uns kommt, der Wille war da, die Schönheit der Literatur aber liegt im Auge des Lesers.

P1040817Zunächst: In „Alle Tage“ passiert nicht wirklich was, jedenfalls nicht auf den ersten 250 Seiten meiner Ausgabe. Es gibt keine „echte“ Geschichte mit Spannungsbogen, die mich an der Stange hält. Das Problem für mich an diesem Buch: Terezia Mora lässt mich nicht in ihren „Haupthelden“ Abel Nema reinschauen. Niemals können wir seine Gedanken hören, niemals gibt er Auskunft darüber, wie er sich fühlt. Einzig die anderen Menschen in diesem Buch berichten über ihn. Über seinen merkwürdigen Geruch, über seine lilafarbenen Augen, seine dünne Gestalt, seine unglaublichen Fähigkeiten. Wir sehen Abel Nema durch die Brille der anderen. Da ist etwas, was Abel Nema hat, dass zieht andere in den Bann. Sie können sich nicht dagegen wehren.

Abel Nema ist hochbegabt. Er spricht 10 Sprachen, die er sich alle selbst aneignet. Er bekommt in der deutschen Stadt ein Stipendium, denn seine Fähigkeiten sind erstaunlich. Aber sonst bleibt Abel stumm. Sprache ist der Inbegriff von Kommunikation, aber beginnt Abel kaum mit den Menschen in seiner Umgebung zu interagieren. Er hat kein Interesse am Reden. Das überlässt er den anderen. Er ist ein Schweiger. Geheimnisvoll. Vielleicht liegt das an seinem Lebensweg: ein Vater, der abhaut, der Schulfreund, der seine Liebe zurückweist und schließlich der Jugoslawienkrieg, vor dem er flieht, noch so jung.

Auch Moras Sprache lässt keinen Zweifel daran, dass es hier um einen aus der Art gefallenen Menschen geht. An einer Stelle zeigt ein „Sonnenstrahl wie ein goldener Pfeil“ auf Abel Nema. An einer anderen Stelle „beugen sich Patienten wie eine Trauerweide“ über Abel Nema.

Und noch etwas lässt mich an der Sprache dieses Buches stutzen. In Zwischenräumen des Textes tauchen immer wieder eingeschobene Sätze auf, die sich auf ein „Ich“ beziehen. Die Perspektive wechselt einfach so. Man kann sich nie sicher sein. Du oder Ich, was ist das schon für ein Unterschied? Zum Beispiel: „Abel ging ziellos durch die Straßen. Sein weiter langer Mantel umschlotterte seine Glieder. Zu schwach, um weiter zu laufen, stieg er in eine Straßenbahn. Es war die Erstbeste und schien ohne Ziel. Die Bahn war voll. Ich spürte, wie das Ruckeln den Straßenbahnsitz emporkroch.“ Das ist eine von mir erfundene Stelle, sie soll verdeutlichen, was ich sagen will. Dieses plötzliche Ich. Ohne Vorwarnung taucht es immer wieder auf, als ob Mora sagen will: Pass gut auf, du kannst dir nie sicher sein.

Es liegt was in der Luft in „Alle Tage“, aber es passiert eben nichts, was die Spannung hält. Vielleicht muss das so sein. Abel Nema ist ein Flüchtling. Wie geht es Flüchtlingen, illegalen Flüchtlingen und auch Asylbewerbern, wenn sie hierher kommen. Sie können nicht wirklich agieren. Fühlt sich das Leben in diesem „Dazwischen“ – zwischen Leben/Zuhause und Durchschlagen/Überleben so an? Abel scheint wenig in seinem Leben bestimmen zu können. Er fällt von Situation zu Situation, er trifft Gestrandete, Gutsituierte, Bitterarme, Illegale – Abel geht unter im Menschenkosmos der Großstadt. Er wabert von wilden Techno-Parties über den einsamen Park hin zu einer Kommunalka-ähnlichen Musiker-WG von ähnlich Gestrandeten aus seiner Heimat. Oft weckt Abel Begehrlichkeiten, er selbst scheint nie welche zu haben. Jetzt nicht mehr. Er lässt sich treiben, bleibt unfassbar. Es ist schwer, die Geschichte von Jemandem zu lesen, der seine Geschichte nicht preisgibt.

„Alle Tage“ ist ein dunkles, schweres Buch. Abel Nema wurde darin ausgestoßen, woanders hinein geworfen, zur Einsamkeit verdammt. Das ist schnell klar. Die Frage ist, wer lange einen Gefallen daran findet. Jetzt bin ich knapp über die Hälfte, hätte fast aufgegeben, lege es aber doch noch nicht weg. Seit 100 Seiten kommt nun doch eine neue Komponente mit einer neuen Figur hinzu, die behutsam eingeführt, nun doch Spannung bei mir entfacht hat. Freundlicher wird es damit aber auch nicht.

btb Verlag