Ein Preis! Ein Preis!

Mein Radio-Feature „Industrieruinen: Faszination und Wehmut“ wurde prämiert! Tatsächlich! Und zwar mit, tadaaaa: dem Journalistenpreis des Deutschen Preises für Denkmalschutz! Der „bunt getextete, mitreißend erzählte, aufregend produzierte Radiobeitrag“, schreibt das Nationalkomitee für Denkmalschutz, „spiegelt auf exemplarische Weise die Lebendigkeit ‚toter Denkmale‘ wider“.

Ich freue mich wie verrückt! Dankeschön!

Das Feature lässt sich hier nachhören: http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/industrieruinen100.html

Katerleben

Sonntagnachmittag. Ich liege auf dem Balkon in lauer Atmosphäre. Alles ist fein. Da klingelt es an der Tür. Eine fremde Frau, aufgeregt:

„Wissen Sie, ob hier jemand eine schwarz-weiße Katze besitzt?“

„Klar“, sage ich. „Das ist meine.“

Die Frau wird noch aufgeregter.

„Die Katze liegt auf einer Mauer. Sie atmet NOCH, aber sie bewegt sich nicht. Gar nicht.“

Meine Laune sinkt von Null auf Hundert in den Keller. Freddy? Möglicherweise angefahren? Sofort gehe ich raus. Draußen steht noch der dazugehörige Mann zu der Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. Alle sind sehr besorgt.

Es ist tatsächlich Freddy, der da auf der Mauer liegt. Ich streichele ihn vorsichtig und frage, ob alles in Ordnug ist mit ihm.

Erst passiert nichts. Dann kommt Bewegung in den Fellhaufen. In Zeitlupe strecken sich staatliche Katerpfoten in die Luft, laaangsam, ganz laaangsam setzt er sich auf. Mehr Bewegung geht nicht. Aus schmalen Sehschlitzen schießt er uns genervte Blicke zu. Kann man denn hier nicht mehr ein nachmittagsschläfchen abhalten, sagen sie. Dann folgt ein unglaublich weites Gähnen, die Augen weiterhin auf Halb-Acht.

Ich bin zufrieden und sage: „Was Sie hier sehen, ist gepflegter Müßiggang.“

Mit diesen Worten drehe ich mich zu den Dreien um. Sie starren mich mit aufgerissenen Augen an. Sie sind fassungslos. Sie dachten, dieser Kater wäre halbtot. Sie hätten direkt vor seinem Gesicht geklatscht, und er hätte sich Null bewegt. Sie dachten wirklich, er hätte was.

Tja, denke ich, als ich lachend wieder reingehe: Von Katzen kann man lernen.

Ostfriesland

Wir haben Ostfriesland ausprobiert. Fazit: Die Nordsee im Westen ist ganz anders als die Ostsee im Osten. Hier urlauben auch andere Menschen als im Osten. Es gibt Unterschiede, aber vielleicht liegt das nur daran, dass ich einfach zu alt bin, um zwischen Ost und West keine Unterschiede zu finden.

Um uns herum war alles lang. Auf der einen Seite Wasser, auf dem Deich gemütliche Schafe.

P1060465Hinterm Deich: Feld. Nichts. Ich liebe das. Ödnis.

P1060487P1060488Und wenn links das Wasser weg ist, sieht das dann so aus. Man kann das gar nicht mit Buchstaben beschreiben. Es macht rtschlllkkk rtschlllkkk rtschlllkkk.

P1060407Es ist friedlich, wenn das Wasser weg ist. Das Watt knistert leise vor sich hin. Weil es nicht von überbordender Schönheit ist, bleibt man hier auch allein. Das ist gut.

Suchbild mit Hase. Wer findet das Hafenhäschen?

P1060413Und wer sieht das Spiekerooger Strandhäschen?

P1060427Zum Abschluss: Wer mir eine Freude machen will, schenke mir so eine ausgediente Minitankstelle. Finde ich ganz reizend. Sie sollte in der Nähe sein.

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Richtiges Kino

Es kommt immer mal wieder vor, dass mich jemand ins Somerkino entführen will. Da sage ich „Nein“! Ich lehne Sommerkino ab. Was ist denn das für ein Kino, in dem man Sonnenuntergänge beobachten kann, und ich meine nicht etwa einen Sonnenuntergang im Film! Was ist das für ein Kino, wo nebenan die Autos vorbeiknattern und die Vögel vor der Leinwand hin- und herfliegen? Wo man die Anwohner aus den Fenstern kreischen hört und die Nachbarn am Grill über ihre blöden Autos debattieren! Das ist doch viel zu viel Realität!

Ein Kino muss dunkel sein. Im Kino gibt es nur den Film und das Publikum. Es ist dunkel, alle sind leise und es ist eng – ok, nicht schön, gehört aber so, weil viele Leute den Film gucken wollen. Muss man durch. Weil es dunkel ist, kann man auch heulen. Ich mag nämlich auch keine lustigen Filme. Ich liebe traurige Filme, denn da steckt viel mehr Wahrheit drin. Und wenn ich dann aus einem traurigen Film aus dem kleinen, dunklen, engen Kino herauskomme, ist es draußen auch dunkel. Dann kann man verheult und schniefend nach einer Zigarette in der Tasche suchen, die sich vielleicht dort noch irgendwo versteckt. Und dann ist alles wieder gut. Das funktioniert im Sommerkino einfach nicht.

Lützschena-Taumel

Nicht nur Himmelfahrt/Männertag bietet sich für eine Landpartie an. Ingrid und ich haben uns letztens wieder in Richtung Lützschena geschraubt. Aber zuerst haben wir uns natürlich ordentlich einen angetrunken, damit wir auf voll

P1060283waren, und zwar 1a. Mit drei acht im Turm sind wir dann zur alten Sternburg-Brauerei getaumelt, aber die war irgendwie nich mehr in Betrieb:

P1060288Dafür haben wir merkwürdige Gesichter dort entdeckt. Oder lag das an unserem Pegel?

P1060290Der absolte Gipfel sind die Giebel von Lützschena:

P1060294Aufmerksamen Betrachtern wird nicht entgangen sein, das in dem unteren Bullauge Richard Wagner steht. Der war auch nicht mehr nüchtern.

Dann sind wir in die Gartenstadt von Lützschena getorkelt. Die Reformarchitektur von ca. 1910 sollte Stadt und Land angenehm miteinander verbinden. Sehr schön. Hicks. Es gibt aber auch noch frühere Siedlungszeugnisse in der Umgebung zu sehen, frühe Asphaltzeit würde ich sagen:

P1060301Die Gartenstadt war damals sicher noch lauschiger. Vielleicht lag es an unserem Rausch, der uns den Blick vernebelte, aber die Häuschen haben doch sehr unter den Modernisierungsmaßnahmen gelitten. In vielen Häusern sind zum Beispiel Haustüren eingebaut, die in ihrem Design an die auf fetzig getrimmten Pullover der DDR-Jugendmode erinnern, die am Ende doch einfach nur hässlich waren, weil aus unmöglichem Material und mit schaurigem Muster. Nur, wenn man nach oben schaut, sieht es noch ein bisschen nett aus:

P1060322P1060324Die Anwohner betrachteten uns denn auch mit gekräuselten Lippen. Es gefiel ihnen gar nicht, dass zwei trunkene Frauen in ihre Vorgärten atmeten und dann wollten sie auch noch wissen, wofür die Fotos wären, die wir machten. Nur dem kleinen Faun am Jungfernbrunnen war alles egal. Er versuchte verzweifelt, seiner Panflöte Töne zu entlocken, Publikum hatte er nicht:

P1060315Da brauchten wir dringend innere Erhöhung, die wir im Bismarckturm fanden:

P1060304Wir stiegen auf die erste Plattform und da mussten wir uns ganz schön festhalten. Und wir fragten uns, was Otto wohl von dieser pragmatischen Formation gehalten hätte. Ist ja eigentlich schön, wenn man alles beisammen hat:

P1060311Na ja, wir ließen es dann gut sein und schliefen in der Landschaft unseren Rausch aus. Es gehört unbedingt zu einem Ausflug, dass man seine Spuren hinterlässt:

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Mein neues Radio-Feature

Seit ich nach Leipzig gezogen bin, wohne ich in der Nähe der Karl-Liebknecht-Straße, mal weiter oben, mal weiter unten. Jetzt durfte ich für MDR FIGARO ein Radio-Feature über diese Straße machen, die schon ein bisschen in die Jahre gekommen und abgehalftert ist, aber dennoch irgendwie charmant.

Hier lässt sich das Feature nachhören:

http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/adolf-suedknecht-strasse102.html

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The creepy Hand

Jemand hat mir eine aus Papier gefaltete Hand in den Briefkasten geworfen. Was soll mir das sagen? Was soll ich dazu sagen? Ich finde sie gruslig. Davon abgesehen fasziniert mich auch die filigrane Art der Faltung, die wie skelettiert aussieht.

P1060041 P1060043Die Hand streckt also ihre knochigen Finger nach meiner Post aus. Sie wird enttäuscht sein! Ich bekomme fast nur Rechnungen, andere formale Briefe, langweilige Werbung und hin und wieder Postkarten. Deren Inhalt teile ich gern, sind es doch meist Nachrichten von glücklichen Menschen an schönen Plätzen.

Wie soll ich jetzt mit dem bleichen Händchen verfahren? Gebe ich ihr einen Platz in meiner Spezialitätensammlung oder nehme ich den Wunsch des/der Händefalters/in ernst und lege sie zurück in den Briefkasten? Dort begrabbelt sie dann meine Post. Einsamer Job.

Eigentlich könnte ich manchmal eine dritte, zusätzliche, Hand gebrauchen. Die Frage ist nur, ob sie sich mit meinen anderen Händen versteht und nicht hinten einreißt, was vorne geschaffen wurde.  Das werden wir alles sehen – vorerst willkommen, kleine, bleiche, knochige Hand, ich reich dir meine.