Wochenendmomente aus Gera-Untermhaus an der Weißen Elster

13. Februar 2012

Für Tommi Bernhard

9. Februar 2012

Meine Liebe zu Thomas Bernhard kam ziemlich spät.Vor drei Jahren schenkte mir eine Freundin “Holzfällen”. Nicht, dass ich vorher schon was über Bernhard gehört hatte, aber als ich anfing zu lesen, war ich geschockt. Ich dachte: “So was kann ich unmöglich lesen!” Diese Bandwurm-Sätze. Diese Wiederholungen. Das Gemecker. Nein Danke.

Jetzt aber habe ich verstanden.

Das Radio hat mich mit Thomas Bernhard verkuppelt. Hin und wieder arbeite ich für MDR Figaro. Letzten Sommer musste ich die Bernhard-Sendungen für das ARD Radiofestival sendefertig machen: Bernhards Autobiographie. Die hat mich umgehauen! Erst einmal, weil sie auch soooo gute Leser an Bernhards Leben gesetzt haben. Bis auf Ulrich Matthes, dessen Lesestil mir nicht gefällt, sind diese Aufnahmen ein absoluter Hörgenuss. Wahrscheinlich versteht man die Bücher von Bernhard nicht, wenn man sein Leben nicht kennt. Als ich im Funkhaus mit der Tragik seines Daseins konfrontiert wurde, musste ich sogar… na ja… ein bisschen heulen. Aber, so grausame Episoden Bernhards Leben schrieb, es vermag Trost zu bieten. Wirklich. Finde ich.

Die Liebe kam mit einer Erkenntnis. Einige der Sendungen waren 1-2 Minütchen zu lang. Es galt, diese heraus zu schneiden. Nun sind 2 Minuten bei Bernhard ein einziger Satz – wenn man Glück hat. Ich dachte also, kein Problem, da ein Sätzchen raus zu schnippeln. Aber weit gefehlt. Ich hing eine Ewigkeit über der Aufnahme nach der Suche einer geeigneten Stelle. Es funktionierte nicht. Jedes Mal, wenn ich einen Satz entfernte, stimmte der Text nicht mehr. Sein Rhythmus, seine Musikalität waren zerstört. Es war ganz deutlich zu hören. Verrückt. Und natürlich, Bernhard kommt von der Musik. Wäre er nicht von dieser “Fürchterlichkeit” Krankheit gepeinigt gewesen, wäre er Musiker oder Sänger geworden. So ließ er die Musik in sein Schreiben fließen. Selten habe ich so dicht gebaute, klingende Zeilen gelesen.

Es ist ein wohldosiertes Verhältnis, dass wir miteinander pflegen. Nur wenige Seiten pro Tag. Am liebsten zu Hause, denn da kann ich laut lesen. Und das empfiehlt sich bei Bernhard, so hört man die Melodie. Ich mag sein Geschimpfe, seinen Schmerz, der wiederum ins Lächerliche übergeht in ganz feinsinnigen Etüden voller Balance. Das ist was ganz Besonderes. Es ist einzigartig. Die Gemütsschwankungen. Die Zwänge. Das Schimpfen. Das Hassen. Die Körperlichkeit. Das Sich-Beobachten. Alles das ist bei Thomas Bernhard unverwechselbar. Ich mag den alten Stinker.

Sonntagsimpressionen Friedenspark und Umgebung

5. Februar 2012

Bei Klick auf die Bilder werden die Bilder groooooß.

Komm, schenk mir ein…

3. Februar 2012

Eine der wunderlichsten Sachen auf dieser Welt ist doch die Beschreibung von Wein.

Ich liebe Wein, wenn er von dunklem Rubin schimmert. Ich seufze seinem feinsauren Abgang hinterher. Den Nachhall von Kirsch-Trüffel hört nur, wer ganz genau die Ohren spitzt. Seidige Texturen umschließen offene Zahnhälse zärtlich. Wir bleiben von lebendiger Säure umschlungen. Oder wird die Säure von hochfeiner Restsäure aufgefangen? Gut eingebunden fühle ich mich in fleischige Weine, die Noten von attraktiver Brombeermarmelade besitzen. Lachsrot mit kristallklaren Reflexen nimmt er Gedankengänge aufs Korn. Trotzdem immer wichtig: die schöne Balance, wenn sie erfrischend ausklingt. Wenn Wein uns seinen kraftvollen Körper schenkt, voll mit rassiger Säure, dann wirkt dieses Bouquet wie eine üppig sanfte Verführung, dann gluckst es moussierend, irisierend gar. Doch der letzte Schluck, erdig mit holziger Note, angereichert mit einem dichten Extract aus Zwetschgen…

Nun gut, lassen wir das. Prost, sag ich mal. Schon faszinierend, was manche Leute so alles mit dem Mund können.

Kosmos Schule

29. Januar 2012

“Tag der offenen Tür” in der Schule ist ein aufregender Tag. Frisch geduschte Eltern schieben sich durch die Gänge. Während Herr Urz die Früchte seiner Projektwoche präsentiert, flaniere ich in die Klassenräume, in die Mensa und in die Toiletten. Erinnerungen werden wach. Schule, das war ne ganze Menge Schönes und Unschönes und vor allem so absolut. Da kam keiner dran vorbei. Das musste sein. Genauso wie heute. Trotzdem war damals vieles anders. Es folgen: Bilder von heute und Erinnerungen von damals:

Projektarbeit:

Wandbrunnen (nicht mehr funktionstüchtig):

Klosprüche:

Ich sehe was, was du nicht siehst.

Dynamik im Schulhaus: Flure, Gänge, Treppenhäuser…

Was ist Schule?

Tafel abwischen und hinterher Stinkehände haben

Große Jungs auf der Hofpause beobachten

Dem Vordermann das Lineal unter den Popitsch schieben

Blumendienst für hässliche Blattpflanzen

Milchdienst sein und den Milchkasten aus dem Keller holen

Aufstehen, wenn der Lehrer hereinkommt

Pioniergruß

Fahnenappell

In Leichtathletik scheitern

Gräupchensuppe mit ekligem Speck

Käuzchenkuhle

Schulbücher, die nach alten Tempos riechen

Grölende Kerle im Speiseraum

Jungs, die ins Treppenhaus aulen und laut rülpsen

Sich in den Deutschlehrer verknallen

Widerwärtige Mädchentoiletten

Wandzeitung für den 16. April gestalten: Thälmann-Geburtstag

Schweineaugen sezieren

Grundmoräne, Endmoräne, Sander und Urstromtal

Lütt Matten und die weiße Muschel

“Willst du mit mir gehen?” – “Aber nur bis zur nächsten Ecke!”

Obacht vor dem Hausmeister

Sich früh im Seiteneingang treffen und sich über das Westfernsehen vom Vortag austauschen

Nackt unter Wölfen

Essengeld einsammeln

Wegen Kirchenchor den Pioniernachmittag schwänzen

Gdje nachodjetsja dostoprimelschatelnosti?

PA-Unterricht (Produktive Arbeit) im Reichsbahnausbesserungswerk

Dort in hässlichen Blaumann-Latzhosen an den Lehrlingen in der Kantine vorbeimüssen

Sport frei

Fasching im Klubhaus mit Adi von “Machs mit, Machs nach, Machs besser”

1. Platz Schreibwettbewerb: eine Bonbonkette von Gojko Mitic bekommen

Zirkel Schreibender Arbeiter im Pionierhaus “Soja Kosmodemjanskaja”

Blaue Tintenfinger

Verschimmeltes Brot im Ranzen finden

Komponisten im Musikbuch mit Bärten versehen

Turnbeutel vergessen

Moor und die Raben von London

Leninsche Klassendefinition

Mitschülerinnen, die zu jeder Sportstunde ihre Tage haben

Stühle hochstellen

Spickzettel im Klo verstecken

Lehrer mit Mundgeruch

Kampf gegen Imperialismus

Senfeier

Feueralarm zur Probe

Hab ich was vergessen?

Stadtausflug: Leipziger Osten, Teil 1

21. Januar 2012

Immer im eigenen Stadtteil versauern, ist doof. Deshalb lautet einer der Vorsätze für 2012: Flanieren, und zwar in fremden Stadtteilen. Die Bürgersteige sollen durch unsere Sohlen schreien!

So machte sich unsere flanierwillige Dreiermeute auf in den Leipziger Osten, mit dessen Ruf es ja nicht zum Besten steht. Nun erst recht. Unser Trip war saublöd geplant, denn es gab kalten nassen Schneeregen von oben im 45-Grad-Winkel direkt ins Gesicht und in jede Lücke, die unsere Schals frei ließen. In diesem Dilemma kippte uns die Straßenbahn Nummer 8 auf die Eisenbahnstraße und wir versuchten, wenigstens für eine Stunde das Beste daraus zu machen. Land und Leute zu treffen war natürlich vergebens, denn bei diesem Wetter waren nur Verrückte wie wir unterwegs. Trotzdem, auf dem harten Weg zum Torgauer Platz gab es zwischen ca. 30 Dönerläden und erstaunlich vielen grünen Ecken ein paar Entdeckungen, auf welche die Südvorstadt wohl noch lange warten muss:

So z. B. der Laden des freundlichsten Verkäufers der Stadt (ehrlich!): Hier waren mindestens 20 verschiedene Biersorten in den Regalen nach Marke geordnet und als nach vorn ausladendes Dreieck gestellt. Großartig anzusehen. Ein Mekka für Kronkorkensammler, wie Herr Urz und Herr Schlönske welche sind. Jede einzelne Zahnpastatube wurde hier liebevoll mit achtsamen Abstand drapiert.

Sehr zu empfehlen ist der Eisenbahnladen auf der Eisenbahnstraße. Im Schaufenster steht eine Modelleisenbahnlandschaft… der pure Wahnsinn. Wir haben erst nach fünf Minuten Daraufstarren die etwa 0,5 cm großen Schimpansen entdeckt, die sich an einer Brücke entlang hangelten. Sogar der Tod leibhaftig stand auf einem der grünen Hügel. Geht hin und schauts euch an!

Und jetzt noch ein paar Momente:

Die optimale Bank für alle, die allein bleiben wollen. Wo gibt es schon so viel Individualismus?

Auffällig: Liebevoller Umgang mit leeren Bierflaschen.

Hier wurde nicht etwa Holi (indisches Frühlingsfest der Farben) gefeiert, hier hat sich ein Hauswandverschönerer mit der Farbe verkalkuliert.

Ein Aldi mit einer berrückenden Fassade. Einkaufen mit Stil.

Kunst!

Noch mal Kunst!

Irgendwie auch Kunst.

Der Potsdamer Platz des Leipziger Ostens!

Wenn das Wetter sich bessert, wird der Osten intensiver unter die Lupe genommen.

Wie man Dänisch lernt!

19. Januar 2012

Manchmal bekomme ich aufmunternde Post, die zu meinem Profil passt. So sagt man doch heute? Ich will nämlich auch mal Dänisch lernen. Also wirklich. Nicht nur Hape-Kerkeling-Dänisch. Mit der folgenden Anleitung scheint es zu funktionieren:

Neue Rechtschreibung

Erster Schritt: Wegfall der Großschreibung.
einer sofortigen einführung steht nichts im weg, zumal schon viele grafiker und werbeleute zur kleinschreibung übergegangen sind.

zweiter schritt: wegfall der dehnungen und schärfungen.
dise masname eliminiert schon di gröste felerursache in der grundschule, den sin oder unsin unserer konsonantenverdoplung hat onehin nimand kapirt.

driter schrit: v und ph ersezt durch f / z und sch ersezt durch s. das alfabet wird um swei buchstaben redusirt, sreibmasinen und sesmasinen fereinfachen sich, wertfole arbeitskräfte könen der wirtsaft sugefürt werden.

firter srit: q, c und ch ersest durch k / j und y ersest durch i / pf ersest durch f. est sind son seks bukstaben ausgesaltet, di sulseit kan sofort von nein auf swei iare ferkürst werden, anstat aktsig prosent rektsreibunterikt könen nüslikere fäker wi fisik, kemi, reknen mer geflegt werden.

fünfter srit: wegfal fon ä, ö und ü seiken.
ales uberflusige ist iest ausgemerst, di ortografi wider slikt und einfak, naturlik benotigt es einige seit, bis dise fereinfakung uberal riktik ferdaut ist, fileikt sasungsweise ein bis swei iare.
anslisend durfte als nakstes sil di fereinfakung der nok swirigeren und unsinigeren gramatik anfisirt werden.

….und siehe da, nach fünf Schritten können wir Dänisch. Prima!

A bissel Cat-Content…

13. Januar 2012

… braucht man schon… hin und wieder. Hier mit Tulpen und einem Hauch Paul Newman:

Schaufenster, die fünfte

12. Januar 2012

Is wirklich wahr: Seit fast einem Jahr nun habe ich nicht mehr über das kleine Schaufenster aus der Hardenbergstraße berichtet. Das lag schlicht daran, dass sich dort nicht viel getan hat – einen einsamen Plastikpudel wollte ich meinen Lesern nicht zumuten. Zur Zeit aber gibt es wieder was zu sehen, diesmal sehr gnomwichteligwaldschratig:

Inzwischen habe ich dem Alternativ-Schaufenster eine eigene Kategorie (siehe nebenan im Menü) gewidmet. Ich finde, ein unabhängiges Schaufenster ist vom gleichen Schlag wie eingestrickte Fahrradständer (Guerilla-Stricken) – und daher unersetzlich für ein Stadtbild.

Im Hause Text-Burger reift außerdem eine Idee heran: Herr Urz und ich planen eine Installtion (!), die wir genau in diesem Schaufenster ausstellen wollen. Ha! Aber bis dahin braucht es noch ne Weile.

Weihnachten ist gelaufen

9. Januar 2012

Wer es immer noch nicht glaubt: Hier ist der Beweis. Die Weihnachtsmarktweihnachtsbaumfreude, die Kinderaugen zum Leuchten bringen soll und Hunden das Wasserlassen im urbanen Raum erleichtert, wurde geschreddert. Dann können wir ja jetzt weitermachen. Hat jemand schon ne Idee?