Archiv der Kategorie: Menü des Tages

MEIN König

Unsere kleine gut gelaunte Runde schwappt in ein unbekanntes thailändisches Restaurant – unbekannt, weil wir uns in Regensburg befinden. In dem Restaurant läuft Rockmusik aus den 70er Jahren. Die Wände sind tapeziert mit Mike Jagger, den Doors, Jimi Hendrix und mit einem asiatischen Saxophonspieler. Den kennt keiner von uns. Wir fragen die Dame, die uns bedient. Kaum ist die Frage ausgesprochen, geht ein Ruck durch die kleine Frau, ihr Gesicht wird ernst, und feierlich sagt sie: „Das ist MEIN König.“ – und entfernt sich prompt. Wir sind platt. Tatsächlich handelt es sich um den Mann auf dem Bild um König Bhumibol von Thailand (1927 geboren), der leidenschaftlicher Saxophonspieler ist. Später kommt sie noch einmal an unseren Tisch, jetzt nicht mehr so feierlich und bekräftigt, dass wir wissen müssen, dass ihr König ein guter König sei: „Alle Menschen aus Thailand lieben ihn.“ Die Musik, die im Restaurant läuft, verdanken wir aber dem Geschmack ihres Chefs. Der sagt immer zu ihr: „Vergiss nicht, meine Musik zu spielen.“ Der Chef wird sich über unseren Kommentar freuen, beteuert sie.

Ein Preis! Ein Preis!

Mein Radio-Feature "Industrieruinen: Faszination und Wehmut" wurde prämiert! Tatsächlich! Und zwar mit, tadaaaa: dem Journalistenpreis des Deutschen Preises für Denkmalschutz! Der "bunt getextete, mitreißend erzählte, aufregend produzierte Radiobeitrag", schreibt das Nationalkomitee für Denkmalschutz, "spiegelt auf exemplarische Weise die Lebendigkeit 'toter Denkmale' wider". Ich freue mich wie verrückt! Dankeschön! Das Feature lässt sich hier nachhören: http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/industrieruinen100.html

Katerleben

Sonntagnachmittag. Ich liege auf dem Balkon in lauer Atmosphäre. Alles ist fein. Da klingelt es an der Tür. Eine fremde Frau, aufgeregt: "Wissen Sie, ob hier jemand eine schwarz-weiße Katze besitzt?" "Klar", sage ich. "Das ist meine." Die Frau wird noch aufgeregter. "Die Katze liegt auf einer Mauer. Sie atmet NOCH, aber sie bewegt sich nicht. Gar nicht." Meine Laune sinkt von Null auf Hundert in den Keller. Freddy? Möglicherweise angefahren? Sofort gehe ich raus. Draußen steht noch der dazugehörige Mann zu der Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. Alle sind sehr besorgt. Es ist tatsächlich Freddy, der da auf der Mauer liegt. Ich streichele ihn vorsichtig und frage, ob alles in Ordnug ist mit ihm. Erst passiert nichts. Dann kommt Bewegung in den Fellhaufen. In Zeitlupe strecken sich staatliche Katerpfoten in die Luft, laaangsam, ganz laaangsam setzt er sich auf. Mehr Bewegung geht nicht. Aus schmalen Sehschlitzen schießt er uns genervte Blicke zu. Kann man denn hier nicht mehr ein nachmittagsschläfchen abhalten, sagen sie. Dann folgt ein unglaublich weites Gähnen, die Augen weiterhin auf Halb-Acht. Ich bin zufrieden und sage: "Was Sie hier sehen, ist gepflegter Müßiggang." Mit diesen Worten drehe ich mich zu den Dreien um. Sie starren mich mit aufgerissenen Augen an. Sie sind fassungslos. Sie dachten, dieser Kater wäre halbtot. Sie hätten direkt vor seinem Gesicht geklatscht, und er hätte sich Null bewegt. Sie dachten wirklich, er hätte was. Tja, denke ich, als ich lachend wieder reingehe: Von Katzen kann man lernen.

Ostfriesland

Wir haben Ostfriesland ausprobiert. Fazit: Die Nordsee im Westen ist ganz anders als die Ostsee im Osten. Hier urlauben auch andere Menschen als im Osten. Es gibt Unterschiede, aber vielleicht liegt das nur daran, dass ich einfach zu alt bin, um zwischen Ost und West keine Unterschiede zu finden. Um uns herum war alles lang. Auf der einen Seite Wasser, auf dem Deich gemütliche Schafe. P1060465Hinterm Deich: Feld. Nichts. Ich liebe das. Ödnis. P1060487P1060488Und wenn links das Wasser weg ist, sieht das dann so aus. Man kann das gar nicht mit Buchstaben beschreiben. Es macht rtschlllkkk rtschlllkkk rtschlllkkk. P1060407Es ist friedlich, wenn das Wasser weg ist. Das Watt knistert leise vor sich hin. Weil es nicht von überbordender Schönheit ist, bleibt man hier auch allein. Das ist gut. Suchbild mit Hase. Wer findet das Hafenhäschen? P1060413Und wer sieht das Spiekerooger Strandhäschen? P1060427Zum Abschluss: Wer mir eine Freude machen will, schenke mir so eine ausgediente Minitankstelle. Finde ich ganz reizend. Sie sollte in der Nähe sein. P1060460

Mein neues Radio-Feature

Seit ich nach Leipzig gezogen bin, wohne ich in der Nähe der Karl-Liebknecht-Straße, mal weiter oben, mal weiter unten. Jetzt durfte ich für MDR FIGARO ein Radio-Feature über diese Straße machen, die schon ein bisschen in die Jahre gekommen und abgehalftert ist, aber dennoch irgendwie charmant. Hier lässt sich das Feature nachhören: http://www.mdr.de/mdr-figaro/hoerspiel/feature/adolf-suedknecht-strasse102.html P1060275

The creepy Hand

Jemand hat mir eine aus Papier gefaltete Hand in den Briefkasten geworfen. Was soll mir das sagen? Was soll ich dazu sagen? Ich finde sie gruslig. Davon abgesehen fasziniert mich auch die filigrane Art der Faltung, die wie skelettiert aussieht. P1060041 P1060043Die Hand streckt also ihre knochigen Finger nach meiner Post aus. Sie wird enttäuscht sein! Ich bekomme fast nur Rechnungen, andere formale Briefe, langweilige Werbung und hin und wieder Postkarten. Deren Inhalt teile ich gern, sind es doch meist Nachrichten von glücklichen Menschen an schönen Plätzen. Wie soll ich jetzt mit dem bleichen Händchen verfahren? Gebe ich ihr einen Platz in meiner Spezialitätensammlung oder nehme ich den Wunsch des/der Händefalters/in ernst und lege sie zurück in den Briefkasten? Dort begrabbelt sie dann meine Post. Einsamer Job. Eigentlich könnte ich manchmal eine dritte, zusätzliche, Hand gebrauchen. Die Frage ist nur, ob sie sich mit meinen anderen Händen versteht und nicht hinten einreißt, was vorne geschaffen wurde.  Das werden wir alles sehen - vorerst willkommen, kleine, bleiche, knochige Hand, ich reich dir meine.

Ist das Kitsch?

Im sitze im Bus zwischen Bad Düben und Leipzig, schwitze und starre durchs Fenster auf die Straße. Dort rauschen die Autos an mir vorbei, während der Bus grad an einer Landstraßen-Haltstelle wartet. Wusch, ein Auto knallt vorbei. Als es weg ist, liegt ein Schmetterling auf der Fahrbahn. Er kann nur noch schwach mit den Flügeln schlagen, liegt dort hilflos und wird von dem Wind, den die Autos auf der anderen Spur aufwirbeln, hin und her geschmissen. Dann naht ein neues Auto und fährt über den Schmetterling. Jetzt ist er tot, denke ich. Aber als das Auto vorbei ist, liegt er immer noch dort und schlägt hilflos mit den Flügelchen. So geht das ein paar Sekunden. Auto: Wusch. Schmetterling: Zappel. Wenn ein Auto ihn doch erlösen könnte, denke ich. Ich hab also aufgegeben. Und da kommt auch schon ein fetter Kleinbus mit ordentlich Speed. Das war's, denke ich. Der Kleinbus bringt so viel Fahrtwind mit sich, dass der Schmetterling Auftrieb bekommt. Er schafft es hoch in die Luft, sammelt sich und fliegt davon. Wenn ich darüber schreibe, denke ich, kann es nur kitschig werden. Aber auch für Kitsch scheint es in der Realität eine Vorlage zu geben.

Jütland

Urlaub. Urlaub.Urlaub. In diesem Jahr war er besonders schön. Im Norden Dänemarks, in Jütland. Jeder Morgen hier begann in unserem phantastischen Ferienhaus, umgeben von Wald. Man versank knöcheltief im Moos und am ersten Abend stand Herr Fuchs auf unserer Terrasse und sah uns verständnislos an. Zweifellos einer der faszinierendsten Plätze in Jütland ist der äußerste Zipfel im Norden, in Skagen. Die Landzunge wird zum Ende hin immer schmaler, immer schmaler, bis sie nur noch ein Meterchen misst. Da braust von rechts die Ostsee heran und von links die Nordsee. In der Mitte kämpft die Gischt beider Meere miteinander und wenn man mit den Füßen drin steht, spürt man die Kraft, die dahinter steckt: P1050411Auf der linken Nordsee-Seite (weiter ins Land hinein) besitzt das Meer mehr Bums. Da donnern große Wellen. Wie eine brausende Wand kam es mir entgegen und fiel kurz vor mir zusammen. Ich hatte mich in den Schlick gesetzt und mir meine Plastiklatschen unter den Hintern gestellt. War nix zu machen, das Meer hat sie unterspült und mir einen nassen Hintern beschert. Hab ich aber nicht fotografiert. Während Skagen Ende des 19. Jahrhunderts von vielen Malern heim gesucht wurde - wegen des Lichts - war Saeby, unser Nachbarörtchen, die Stadt der Dichter. Diese Dame hier: P1050389wurde als Erinnerung daran aufgestellt, dass Henrik Ibsen hier einst zu seinem Stück "Die Frau am Meer" inspiriert wurde. Mitten in der Heidelandschaft Jütlands erheben sich plötzlich riesige Sandberge: eine Wanderdüne - die Rubjerg Knude zwischen Lønstrup und Løkken. Durch Wind und Wetter erreicht sie mittlerweile eine Höhe von 50 Metern, deshalb musste 1968 der Betrieb des Leuchtturmes eingestellt werden. Das Haus am Fuße des Leuchtturms hat die Wanderdüne bereits zerstört. Es sind nur noch Steine und Mauerreste übrig. Auf der Düne fühlt man sich wie mitten in der Wüste, aber zum Glück befindet sich in ihrem Rücken das weite, blaue Meer. Allerdings muss man erst einmal hier hochkommen, es geht extrem steil nach oben und alles nur Sand. Hinter mir kraxelten zwei alte Damen und ein Herr mit Gehstock hinauf. Sie waren bestimmt an die 80. Oben auf der höchsten Dünenspitze hörte ich, wie eine der Damen gedankenverloren und sehnsüchtig sagte: "Hier hinunterkullern. Das muss so einen Spaß machen." Diese Düne ist ein irgendwie ein erhebender Ort. Bei Klick auf's Bild wird's ganz groß - für einen besseren Eindruck des Sand-Giganten: P1050468P1050477P1050473P1050500P1050505P1050506P1050480Manchmal sieht Dänemark aus wie Mallorca:P1050429Und Glotzer am Strand gibt es ja überall: P1050515P1050399P1050395