Kisten ziehen mich magisch an. Vor allem jene Kisten, die auf den Gehwegen stehen mit Zetteln dran wie: “Zum Mitnehmen” oder “Geschenkt” oder “Nehmt, was ihr kriegen könnt”. Da findet man witzige Vasen, Teller, Becher, Tünnef und Bücher. Meinen Sommerurlaub habe ich nur mit Büchern aus solchen Kisten verbracht: “Das sterbende Tier” von Philip Roth, ein Buch von Birgit Vanderbeke, weiß nicht mehr wie das hieß, es hatte mir nicht so sehr gefallen, da hab ich es im Urlaub gelassen und ein kleines Büchlein von Gerald Durrell. Der britische autodidaktische Autor und Zoologe zog 1933 mit seiner Familie nach Korfu, da war er 10 Jahre alt. Er hat witzige Bücher über Korfu, seine unkonventionelle Familie und über Tiere geschrieben. Kannte ich bis zu meinem Kistenfund noch nicht.
Übrigens habe ich schon einmal über Bücher aus der Kiste geschrieben, aus der Rosinenkiste, das war aber etwas anderes, hier entlang, wen es interessiert.
In meiner Straße gibt es ein Haus, deren Bewohner dem absoluten Ordnungswahn verfallen sein müssen. Vielleicht ist auch einer der Mieter für immer nach Australien gezogen oder so und muss seine Wohnung auflösen. Jedenfalls stehen da ständig Kisten mit Schenkware vor dem Haus. Wenn ich dann vom Joggen aus dem Wald komme, kann ich gleich ein paar Bücher mitnehmen. Hier habe ich auch ein ganz besonderes Buch gefunden:

Auf deutsch ist das Buch mit diesem Titel erschienen: “Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone”. Christopher, 15, ist Autist und lebt in seiner eigenen Welt. Er mag Zahlen, Ordnung und Einsamkeit. Am liebsten würde Christopher ganz allein irgendwo im Weltraum herumschweben oder ganz tief im Meer. Vielleicht im Marianengraben, weil da so gut wie niemand hinkommt. Der Marianengraben ist mit einer Maximaltiefe von 11.034 Metern die tiefste Stelle im Pazifischen Ozean. An solchen Orten würde Christopher glücklich sein. Dort wäre er z. B. vor lästigem Körperkontakt gefeit.
Eines Tages findet er den Hund der Nachbarin – mit einer Mistgabel erstochen. Christopher will heraus finden, was passiert ist, damit alles seine Ordnung hat. Seinem Vater gefällt das gar nicht, er sagt, man soll nicht in den Privatangelegenheiten anderer Leute herumschnüffeln. Ungerecht! Denn Christophers Vater ist Klempner und wenn er bei anderen Leuten zu Hause im Abfluss wühlt, kümmert er sich ganz intensiv um deren Angelegenheiten. Ich will an dieser Stelle betonen, dass es sich hier nicht um ein witziges Buch handelt. Im Gegenteil. Natürlich hat es Humor, aber es geht ganz schon zur Sache, wenn Christopher mit seinen “Ermittlungen” immer tiefer in die typischen Machenschaften der Erwachsenen dringt, deren Spielball er zum Teil war und ist. Dabei findet er Menschen sowieso ziemlich verwirrend. Wenn jemand eine Augenbraue hochzieht, kann das heißen, dass er Sex mit seinem Gegenüber haben will, aber auch genausogut, dass sein Gegenüber etwas Dummes gesagt hat. Menschen sind unberechenbar. Klarer dagegen sind die Regeln, die Christopher helfen, einen entspannten Tag zu haben. Zum Beispiel, dass sich verschiedene Sorten Essen auf dem Teller nicht berühren dürfen und das die Farben gelb und braun zu meiden sind. Wenn das alles klappt, können es supergute Tage sein. Aber es gibt eben auch schlechte Tage. In dem Buch erlebt Christopher ein paar der schlechtesten Tage in seinem jungen Leben. Und er wächst bewundernswert über sich hinaus.
Das Ganze ist so ehrlich, warmherzig und zum Teil auch ulkig geschrieben, dass man beim Lesen heulen muss und beim heulen wieder lächeln. Braucht jeder, finde ich. Die Altersempfehlung liegt übrigens bei 12-15 Jahren.