Archiv der Kategorie: Aus dem Sprachgrill

Wie Blumen heißen

1826 eröffnete der erste deutsche Dahlienzüchter Christian Deegen dank eines Lottogewinns in Bad Köstritz die erste Dahliengärtnerei. Feine Sache! Heute bekommen die Dahlien-Sorten bezaubernde bis dämliche Namen von ihren Herrchen und Frauchen. Sei ihnen gegönnt. Ich glaube, Blumen züchten ist etwas Spezielles, da darf man auch mal über die Strenge schlagen. Aber der Name gleich links unten ist nun völlig daneben. P1060631P1060632P1060634 P1060636 P1060635 P1060638  

Der Katzentisch

Ich habe ein neues Wort gelernt. Das Wort kannte ich nicht, was es bezeichnet jedoch sehr wohl: Lädt man sich Gäste ein, passen nicht immer alle an den großen Tisch. Es wird dann ein weiterer Tisch an den großen herangestellt. Meist ist er kleiner als der Haupttisch und für gewöhnlich müssen dort die Kinder sitzen oder die zu spät gekommenen Gäste. Es ist natürlich keine Strafe, am Katzentisch zu sitzen, aber besonders schön mag es nicht immer sein. Eine besonders schlechte Figur am Katzentisch machen diejenigen Menschen, die sich gerade auf dem Weg vom Kindsein ins Erwachsenenalter befinden. Lang aufgeschossen versuchen sie ihre lange Beine unter dem Katzentisch zu verstauen, starren stumm auf die weiße Tischdecke und langweilen sich zu Tode. Warum dieser Tisch nun gerade Katzentisch heißt, ist mir ein Rätsel. Als ob sich Katzen einem Extra-Tisch zuweisen lassen würden! Pfffhhh! Die Katzen, die ich kenne, würden den Katzentisch höflich ignorieren und sich mitten auf die Haupttafel legen. Aber zugegeben, Katzentisch klingt echt nett und ist ja auch nett gemeint. Schließlich soll keiner draußen bleiben müssen.

Kleine Typenlehre der Poesie

Wo ist eigentlich die gute alte Poesiealbum-Zeit geblieben? Heutzutage scheint es nur noch "Freunde-Bücher" zu geben, die Kinder zur absoluten Individualität verdammen. Freundebücher fragen gnadenlos Präferenzen ab: Lieblingsfilm, Lieblingsbuch, Lieblingssänger/in, Lieblingsfarbe, Lieblingsurlaubsort, Traumjob, Lieblingstier, Hobbies... Wer hier keine Meinung hat, ist kein guter Freund! Nicht zu vergessen die Rubrik "Besondere Kennzeichen" - Kinder werden zur kritischen Selbstbetrachtung aufgefordert. Wer nicht mit einer tollen Frisur, dem größten Lego-Berg, der Kenntnis sämtlicher Star-Klone-Wars-Filme oder mit den am weitesten entfernten Urlaubszielen punkten kann, geht unter im farblosen Einheitsbrei. Das gute alte Poesiealbum dagegen lockte seine Nutzer in die Welt der Verse. Nur wer keinen Spruch besaß, gehörte nicht dazu. Aber das war kein Hindernis, denn man konnte bequem irgendwo einen Spruch abschreiben ohne dabei lügen zu müssen. Mit Poesie hatte das freilich oft wenig zu tun. Aber das war irgendwie auch egal. Unterm Strich gab es drei Poesiealbum-Typen: 1. Die Spieler, die sich meist folgenden Spruchs bedienten:

"Ganz genau vor xx Jahren

kam ein Baby angefahren,

ohne Strumpf und ohne Schuh,

lieber xxx das warst du."

Der Platz rund um diesen Spruch - meist mit dem besten Filzstift geschrieben, den man besaß - wurde liebevoll ausgestaltet mit Blümchen und anderen Zeichnungen. Manche opferten gar einen West-Aufkleber, um in ewiger positiver Erinnerung zu bleiben. Die ganz Emsigen falteten zusätzlich die vier Ecken der beschriebenen Albumseite um, und gestalteten sie als Miniatur-Briefumschläge, in denen nacheinander zu lesen war: "In allen" - "vier Ecken" - "soll Liebe" - "drin stecken". Einfach nur schön! 2. Die Dramatiker hingegen fanden sich in folgendem Spruch wieder:

"Unter einem Eisengitter

liegt ein Herz und weint so bitter.

Heb es auf und tritt es nicht,

denn es heißt Vergissmeinnicht."

Dass war schon ne große Nummer. Die Gestaltung dieser Seite bestand meist aus dicken schwarzen Filzstiftstrichen, aus denen eine blutrote Träne hervorquoll. Diese Gruppe kannte sich gefühlsmäßig aus. Sie hatte Zugang zu dumpfer Musik und Lektüre mit Endzeitstimmung. 3. Die Pragmatiker dachten hingegen, Goethe passt immer und zitierten ohne mit der Wimper zu zucken:

"Edel sei der Mensch,

hilfreich und gut."

Pam! Das saß! Da gab es keine Widerrede, kein Platz für enttäuschte Erwartungen. Und wozu war das Ganze eigentlich gut? Zur besseren Navigation im Klassenkollektiv!

Sprachschreck

Eine Email quer lesen und dabei die wichtigsten Wörter scannen, das kann ich gut. Flattert letztens eine Email herein und ich lese NUR zwei Wörter und werde blass. Ich mag diese Wörter hier nicht ausschreiben. Das erste Wort ist der Nachname der Sekreteuse, welche die Email schrub. Ihr Nachname ist der Vorname des widerlichsten Mannes der deutschen Geschichte. Er ließ Millionen Menschen ermorden und hat unbegreiflicherweise immer noch Anhänger. Das zweite Wort lautete "Naturparkdetektive-Camp", wobei das Wort NaturParkDetektive vor Camp nicht ausgeschrieben, sondern nur mit den drei groß geschriebenen Buchstaben abgekürzt war. Alles klar? Und jetzt könnt ihr euch ausmalen, was ich gedacht habe. Und als sich beim näheren Hinsehen - wie gesagt, NaturParkDetektive war ja abgekürzt - bemerkte, dass es sich um eine ernst gemeinte und völlig arglose Email just aus dem Ferienlager in den sächsischen Bergen handelte, in dem sich mein kleiner heiß geliebter Herr Urz gerade herumtrieb, da dachte ich: na hoi. Vielleicht sollten wir dort in der Sächsischen Schweiz für ein bisschen mehr Feingefühl im Umgang mit Sprache werben. Damit Mütter nicht gleich einen Schreck bekommen, wenn sie ihr Outlook öffnen.

Drei Herren vermisst!

An diesem Wochenende tauchten hier urplötzlich drei alte Bekannte auf. Es waren Karl Napp uff de Rennbahn, Jimmi Glitschi und mein lieber Scholli. Jimmi Glitschi ist ein Phänomen. Alle, die Jimmi Glitschi kennen, behaupten steif und fest, diesen während ihrer Kindheit gemeinsam mit Sandkastenfreunden ersonnen zu haben. Komisch nur, dass so viele Kinder über die ganze Republik verteilt fast zeitgleich einen Jimmi Glitschi erfanden. Dieser Typ scheint mir so eine Art kollektives Gedächtnis zu verkörpern. Seine unterschiedlichen Fähigkeiten jedoch besitzen ein verbindendes Element: Sie sind allesamt atemberaubend:

Jimmy Glitschi - der Mann aus der Tube

Jimmy Glitschi  - der Mann zwischen Wand und Tapete

Jimmy Glitschi - der Mann ohne Knochen

Jimmy Glitschi - der Mann, der barfuß Funken schlägt

Jimmy Glitschi - der Mann der sich beim Pupsen den Hintern gebrochen hat

Jimmy Glitschi - der Mann, der mit den Zehen schnipsen kann

Ist also ein ziemlich steiler Typ, dieser Jimmi Glitschi. Eher uncool dagegen scheint mir Karl Napp uff de Rennbahn. Wenn jemand sagt: "Du siehst aus wie Karl Napp uff de Rennbahn!", sollte man einen Blick in den Spiegel riskieren, denn irgendwas könnte nicht in Ordnung sein. Während Jimmi Glitschi bei den meisten in der DDR-Aufgewachsenen allseits bekannt ist, könnte Karl Napp (der sicher auch für die Nappsülze Pate stand) ein westdeutsches Phänomen sein. Dass meine Mutter einen Teil ihrer Kindheit in Westfalen verbrachte, erhärtet diese Vermutung, denn von ihr kenne ich diesen Ausdruck. Es soll wohl noch zwei weitere Identitäten von Karl Napp geben, einmal Karl Arsch vom Dienst und Karl Napf von der Scherbeninsel. Für weitere Hinweise bin ich sehr dankbar. Kommen wir zum dritten Mann: Mein lieber Scholli. Jeder wiegt anerkennend seinen Kopf, wenn er auftaucht: Mein lieber Scholli! Ein Mann der Superlative. Tatsächlich stammt Scholli wohl von dem französischen Adjektiv schön: jolie. Das hat allerdings nichts mit Brad Pitt und Angelina Jolie zu tun, denn es heißt ja auch nicht meine liebe Scholli. Wer hat die drei noch gesehen?

Komm, schenk mir ein…

Eine der wunderlichsten Sachen auf dieser Welt ist doch die Beschreibung von Wein. Ich liebe Wein, wenn er von dunklem Rubin schimmert. Ich seufze seinem feinsauren Abgang hinterher. Den Nachhall von Kirsch-Trüffel hört nur, wer ganz genau die Ohren spitzt. Seidige Texturen umschließen offene Zahnhälse zärtlich. Wir bleiben von lebendiger Säure umschlungen. Oder wird die Säure von hochfeiner Restsäure aufgefangen? Gut eingebunden fühle ich mich in fleischige Weine, die Noten von attraktiver Brombeermarmelade besitzen. Lachsrot mit kristallklaren Reflexen nimmt er Gedankengänge aufs Korn. Trotzdem immer wichtig: die schöne Balance, wenn sie erfrischend ausklingt. Wenn Wein uns seinen kraftvollen Körper schenkt, voll mit rassiger Säure, dann wirkt dieses Bouquet wie eine üppig sanfte Verführung, dann gluckst es moussierend, irisierend gar. Doch der letzte Schluck, erdig mit holziger Note, angereichert mit einem dichten Extract aus Zwetschgen... Nun gut, lassen wir das. Prost, sag ich mal. Schon faszinierend, was manche Leute so alles mit dem Mund können.

Wie man Dänisch lernt!

Manchmal bekomme ich aufmunternde Post, die zu meinem Profil passt. So sagt man doch heute? Ich will nämlich auch mal Dänisch lernen. Also wirklich. Nicht nur Hape-Kerkeling-Dänisch. Mit der folgenden Anleitung scheint es zu funktionieren: Neue Rechtschreibung Erster Schritt: Wegfall der Großschreibung. einer sofortigen einführung steht nichts im weg, zumal schon viele grafiker und werbeleute zur kleinschreibung übergegangen sind. zweiter schritt: wegfall der dehnungen und schärfungen. dise masname eliminiert schon di gröste felerursache in der grundschule, den sin oder unsin unserer konsonantenverdoplung hat onehin nimand kapirt. driter schrit: v und ph ersezt durch f / z und sch ersezt durch s. das alfabet wird um swei buchstaben redusirt, sreibmasinen und sesmasinen fereinfachen sich, wertfole arbeitskräfte könen der wirtsaft sugefürt werden. firter srit: q, c und ch ersest durch k / j und y ersest durch i / pf ersest durch f. est sind son seks bukstaben ausgesaltet, di sulseit kan sofort von nein auf swei iare ferkürst werden, anstat aktsig prosent rektsreibunterikt könen nüslikere fäker wi fisik, kemi, reknen mer geflegt werden. fünfter srit: wegfal fon ä, ö und ü seiken. ales uberflusige ist iest ausgemerst, di ortografi wider slikt und einfak, naturlik benotigt es einige seit, bis dise fereinfakung uberal riktik ferdaut ist, fileikt sasungsweise ein bis swei iare. anslisend durfte als nakstes sil di fereinfakung der nok swirigeren und unsinigeren gramatik anfisirt werden. ....und siehe da, nach fünf Schritten können wir Dänisch. Prima!

Wer spricht fließend bundesdeutsch?

Vor vielen Jahren, wahrscheinlich sind es neunzehn an der Zahl, klingelte der "Wessi-Student" von oben an unserer Studentenwohnung. Er fragte: "Eyh, kann ich mir mal einen Feudel von euch borgen." Ich war komplett ratlos. "Oder einen Hader?", versuchte es der Student noch einmal, woraufhin ich noch ratloser schaute. Es dauerte eine Weile, bis wir heraus fanden, dass er einen Scheuerlappen wollte. Damit in Zukunft keine Probleme mit Begriffen aus unterschiedlichen Bundesländern auftreten, hat die Philologisch-Historische Fakultät der Universität Augsburg einen "Atlas zur deutschen Alltagssprache" zusammen gestellt. Möchtet ihr bitte hier schauen. Wissenschaftler haben hier Sprachlandkarten zu Begriffen veröffentlicht.Wenn man den Begriff "gebratener Fleischklops" anklickt, sieht man, dass ich aus dem Land der Bulette komme, während sich der Norden fest in der Hand der Frikadelle befindet und das Schwabenländle vom Fleischküchle geprägt ist. Links im Menü kann man sich ganz bequem durch die erste, zweite, dritte... Runde klicken - oder ihr gebt einen bestimmten Begriff gleich in die Suchfunktion ein. Das Ganze ist bereits sehr umfangreich gediehen und jeder kann selbst an den Umfragen teilnehmen (gerade läuft die achte Runde). Dialekte sind ja stets ein willkommener Gesprächsstoff in geselligen Runden. Dank dieser Seite lässt es sich in Zukunft wundervoll gepflegt klugscheißen.

Mutterwitze

Deine Mutter arbeitet aufm Fischmarkt - als Geruch!

Seit ein paar Monaten sind sie die so genannten Mutter-Witze auch in meinen Sprachbereich geschwappt. Und gleich vorweg: Ich steh drauf. Mutterwitze sind so herrlich überdreht und abstrus. Da muss man erst mal drauf kommen.

Deine Mutter macht Passbilder mit Google Earth!

Vor ein paar Jahren gab es schon mal eine Mutterwelle. Da wiederholte der eine Gesprächspartner den vorigen Satz des anderen mit dem immer gleichen Vorsatz. Etwa so: "Ich geh einkaufen." - "Deine Mutter geht einkaufen!". "Ich hab Kopfschmerzen." - "Deine Mutter hat Kopfschmerzen". Betonung dabei immer auf Mutt. Diese nicht sehr zielführende Art der Unterhaltung sorgte damals für angenehm stupide Erheiterung. Aber nicht zu vergleichen mit der überbordenden Phantasie der aktuellen Mutterwitze.

Deine Mutter ist so dick, wenn sie in die Luft springt, bleibt sie stecken!

Der Linguistikprofessor Jannis Androutsopoulos erzählt auf Spiegel online, dass "Deine-Mutter"-Sprüche seit den sechziger Jahren in der afroamerikanischen Jugendkultur dokumentiert sind. Schwarze Jugendliche lieferten sich verbale Duelle, aber einer musste absurder als der andere sein, sonst galt es als echte Beleidigung. Und Androutsopoulos sagt: "Die Regeln für die rituellen Beschimpfungen haben sich geändert. Früher waren sie Teil der Ausdruckskultur im HipHop, in einer Szene, die in sich recht geschlossen war. Heute dienen die Sprüche beispielsweise auch als Machtinstrument gegenüber vermeintlich ungebildeten Menschen." Aha.

Deine Mutter ihre Blutgruppe is Gulasch!

Deine Mutter is so dick, wenn die am Fernseher vorbei geht, hab ich drei Spielfilme verpasst.

Deine Mutter arbeitet bei M&M und sortiert die W' s aus.

Deine Mutter ruft zum Duschen die Feuerwehr.

Wie immer gibt es auch schon das passende Buch zum Thema von Julia Rateike: "Deine Mudder liest dies Buch", erschienen im Eulenspiegel Verlag. Aber ich finde, solch ein Phänomen muss mündlich leben.

Bahnhofsgespräch

Über den Inhalt seines Wäscheschrankes kann man schon mal ausgiebig reden. Folgendes Gespräch von zwei rüstigen Rentnerinnen auf dem Hallenser Bahnhof aufgeschnappt und so original wie möglich wieder gegeben: - Mein rotes Bettlaken, weißte, dass für zweineunundneunzich, das färbt. - Hat jefärbt? - Ja, das warn Schönes, janz weich. Habich mich jefreut, als ich das für denne Preis jekriegt hab. Aber nu is mein janzes Unterbett rot. Das hat man nu von den Preis. - Ich schlaf zur Zeit nur mit Bezuch. Wenns so warm ist, reicht das ja völlig. - Ja, das haste Recht, das reicht ja völlich. Oder einfach  nur mit nem Laken zudecken. - Ja. - Weißte, ich hab son schönes, großes, einfünfundfuffzig ist das breit. - Ach Jisela (Namen von der Redaktion geändert), das is doch nich einsfünfundfuffzich! Ein Laken ist höchstens neunzich breit. - Ich meine, das ist... - ... höchstens ein Meter breit is son Laken. - ... ich meine doch, es is wirklich groß. Weißte, meine Matratze ist doch so hoch, un da krieg ich das noch locker drübber. - Ach so. - En schönes Laken is das, ganz weich und kuschlich, so richtich kuschlich. - Sone weiche Bettwäsche hab ich och. Hab ich zur Elfriede (Namen von der Redaktion geändert) jesacht, das is so weich un kuschlich, jenau richtich fürn Winter. - Ich hatte mal son weiches Nachthemd. Das hab ich nur einma angezogen. Was ich da drin jeschwitzt hab. - War das aus dem Laden, wo wir ma zusammen de Laken jekooft ham? - Nee. Aber de Laken ham übrigens jekrümelt, die warn nix. - Kennste dieses rutschige Zeug? - Sateng! - (kichert) Da hattich ma Bettwäsche und Laken uffjezogen, da bich ich voll weg gejerutscht. (kichern beide) So was brauch ich nich. - Nee, das brauchen wir nich.