Immer mal wieder flackert bei uns folgende Diskussion auf: “Alle anderen Kinder dürfen das gucken, nur ich nicht!” Hintergrund: Es gibt viele Kinder, die dürfen schon mit fünf Jahren zu Hause alle “Piraten der Karibik”-Filme gucken. Ich finde diese Filme ganz nebenbei strunzlangweilig, aber was noch viel wichtiger ist, sie sind erst ab 12 Jahren empfohlen. In der zweiten Klasse können dann alle schon bei “Herr der Ringe” mitreden. Sollten 8-Jährige das Schlachtengetümmel um Mittelerde konsumieren? Das gehört vielleicht zum allgemeinen Frühfördertrend. Heutzutage lernen Kinder ja schon mit drei Jahren Fahrrad fahren, schwimmen und mindestens zwei Fremdsprachen. Wir waren und sind da hinterher, auch was das Filme-Gucken anbelangt. Das heißt nicht, dass wir Fernsehen verdammen. Auf keinen Fall, wir lieben es, Filme zu gucken, aber wir wählen mit mehr Bedacht aus.
Ganz früher lebten Kinder wie kleine Erwachsene. Sie trugen unmögliche Klamotten und durften sich nicht bewegen. Mittlerweile hat man die Kindheit neu entdeckt. Das Kindsein gestalten manche Eltern für ihre Kinder so einfach und super wie möglich. Es gibt Matschhosen, damit die Kinder nicht nass werden. Es gibt Indoorspielplätze, damit die Kinder nicht im Kalten toben müssen. Es gibt für jede Kleinigkeit eine Erfindung, damit alles leichter geht. Waschbecken werden nach unten verlegt. Anstatt wie früher mit dem Kastanienbohrer in den Kastanien herumzupiepeln – und man musste Geschick und Kraft entwickeln, um auf diese Art ein brauchbares Loch in so eine Kastanie zu bohren – gibt es heute Extra-Schraubstockvorrichtungen, in die man die Kastanie einklemmt. So geht ja alles viel leichter. Beim Malen bindet man sich eine Schürze um. Toiletten werden für Kinder in pinkfarbene oder blaue Erlebniswelten eingebunden. Für das Haarewaschen gibt es speziell ersonnene Vorrichtungen, damit ja nichts ins Auge kommt. Und so weiter und so fort, kluge Köpfe ersinnen immer mehr Vorrichtungen und Extragriffe. Überall geht was zu montieren, damit es sich einfacher leben lässt.
Aber zurück zu “Herr der Ringe” und Co. Wo Kinder auf der einen Seite so vorsichtig wie nie in den Alltag eingeführt werden, dürfen sie auf der anderen Seite Bilder und Inhalte konsumieren, die von großer Wucht sind. Erst letztens habe ich irgendwo gehört, dass ein 10-Jähriger “Tschick” geschenkt bekam. Ich finde das Buch “Tschick” von Wolfgang Herrndorf ganz große klasse, aber es ist ab 14 Jahren empfohlen. Vielleicht bin ich ja nur spießig und obrigkeitshörig, aber ich finde das durchaus sinnvoll. Herr Urz sollte “Tschick” nicht lesen, bevor er mindestens 13 geworden ist.
Aber vielleicht ist das auch alles nicht so schlimm. Immerhin habe ich als Kind auch heimlich alle “Miss Marple”-Filme geschaut und sogar den britischen Grusel-Klassiker “Bis das Blut gefriert” – und mein Blut erstarrte dabei zu Stein!




