Archiv der Kategorie: Mein Senf dazu

Richtiges Kino

Es kommt immer mal wieder vor, dass mich jemand ins Sommerkino entführen will. Da sage ich "Nein"! Ich lehne Sommerkino ab. Was ist denn das für ein Kino, in dem man Sonnenuntergänge beobachten kann, und ich meine nicht etwa einen Sonnenuntergang im Film! Was ist das für ein Kino, wo nebenan die Autos vorbeiknattern und die Vögel vor der Leinwand hin- und herfliegen? Wo man die Anwohner aus den Fenstern kreischen hört und die Nachbarn am Grill über ihre blöden Autos debattieren! Das ist doch viel zu viel Realität! Ein Kino muss dunkel sein. Im Kino gibt es nur den Film und das Publikum. Es ist dunkel, alle sind leise und es ist eng - ok, nicht schön, gehört aber so, weil viele Leute den Film gucken wollen. Muss man durch. Weil es dunkel ist, kann man auch heulen. Ich mag nämlich auch keine lustigen Filme. Ich liebe traurige Filme, denn da steckt viel mehr Wahrheit drin. Und wenn ich dann aus einem traurigen Film aus dem kleinen, dunklen, engen Kino herauskomme, ist es draußen auch dunkel. Dann kann man verheult und schniefend nach einer Zigarette in der Tasche suchen, die sich vielleicht dort noch irgendwo versteckt. Und dann ist alles wieder gut. Das funktioniert im Sommerkino einfach nicht.

Notiz

Hiddensee. Die Insel. Hidden – versteckt. Wie abgetrieben. Damals nicht korrekt auf der Landkarte verzeichnet, damit keiner weiß, wie weit es wirklich bis nach Dänemark ist. Hier spielt das Buch „Kruso“ von Lutz Seiler. Hier hat Kruso eine Utopie geschaffen. Alle, die auf die Insel kommen, auf der Flucht vor dem System der DDR, auf der Flucht vor sich selbst oder auf der Flucht vor dem „Stoff der Piloten“, stranden hier wie Schiffbrüchige und dürfen offiziell nicht bleiben. Die, die es wagen, sich in die See zu stürzen und Dänemark zu erreichen, werden verschwiegen. Kruso will sie alle retten. Sie müssen nicht sterben. Er will jeden von ihnen mindestens drei Tage versteckt halten auf der Insel. Hier tauchen sie in die Gemeinschaft der Saisonkräfte ein, bekommen Verstecke zugeteilt. Hier entdecken sie eine andere Freiheit, die innere. Das innerste Ich, die Wurzel, sie schält sich hier heraus. Das Ich, dass gefangen ist in Ohnmacht oder Angst oder… Nach diesen drei Tagen des Verstecktseins kehren die Schiffbrüchigen zurück, denn sie können nicht fliehen. Aber sie sind geerdet von dieser Gemeinschaft der Insel, die in diesem Buch so zärtlich beschrieben ist, dass man beim Lesen heulen muss. Zärtliche Rituale. Selbstverständlichkeit der Hilfe. Die „ewige Suppe“. „Kummergeruch“. Eine große Freundschaft. Liebe. Lest dieses Buch. Das wollte ich mal loswerden.

Mein erstes Radio-Feature

Ich war auf Entdeckertour, habe Leute getroffen und Erinnerungen gesammelt, habe mit geschnitten, gesammelt, geschrieben, geschnipselt, hin- und her geschoben und jetzt ist es fertig: Mein erstes Radio-Feature. Es heißt "Industrieruinen - Faszination und Wehmut". Hauptdarsteller sind die leerstehenden Fabriken von Leipzig. Das Feature lief am 9. August 2014 auf MDR FIGARO. Dort kann man es ein Jahr lang nachhören und runterladen. Einfach hier klicken. P1040459

N wndrbrs Bch – echt nokker für Sprachgebra

Gleich vorweg: Ich wurde selten so eindringlich aufgefordert, Sprache zu verhunzen. So das Spiel „Schlechte Deitsch“ (S.36), in dem man absichtlich alles falsch schreibt und zur Freude anderer auch noch öffentlich vorliest. Wenn die „Gut-Sprechenden“ über „EischoggEYmanSCHAPFT“ oder „Mein schäändsd Fährjenn-Erläpniss“ schimpfen, beruhigt Timo Brunke seine Leser: „Solche Erwachsene glauben, die Sprache für sich gepachtet zu haben. Vielleicht trauen sie ihr auch einfach zu wenig Humor zu.“ Das ist doch mal eine Ansage, die mir gefällt! Dabei begreift Brunke unsere Sprache mit all ihren unterschiedlichen Wörtern als unbezahlbaren Schatz. Das wird auf jeder Seite dieses Buches deutlich -  schon mit der Bastelanleitung für Schächtelchen und der Hinweis zur Anschaffung eines „Prachtbuches“ – beide Sachen dienen zur Aufbewahrung des Wort- und Geschichtenschatzes, der mit diesem Buch entstehen kann. P1040137 Timo Brunke spielt mit Wortpartikeln wie ein Weltmeister. Wunderbare Spiele wie „Flgzg-Gedichte“ (S.29), „Wörterwirbel“(S.30) und „Schokol“ (S.31) haben übrigens meine Überschrift inspiriert. Aber es gibt nicht nur Spiele mit Wörtern und Reimen. Es finden sich viele theatrale Elemente und oft die Ermunterung, seine Ergebnisse vor Publikum zu schulen. Genauso reichhaltig behandelt das Buch Spiele, die Beobachtung und Phantasie schulen, zum Beispiel „Höhle des Grauens“ (S.52): Hier stellt man sich seinen Mund als eine Art Höllenschlund vor und schreibt auf, was da drinnen alles passieren kann. Brunke bedient sich auch öfter „Kunstfabrizismen“ des Dada- und Surrealismus, z. B. taucht meiner Meinung nach auf Seite 66 etwas Ähnliches wie ein „objet trouvé“ auf. Bei manchen Sprachspielen ließ sich Herr Brunke von anderen inspirieren und so richtet er gleich auf der jeweiligen Seite seinen Dank an Hugo Ball, Moni Port, Christa Wolf oder Philipp Waechter, um nur einige zu nennen. Das eröffnet den Leserinnen ganz nebenbei einen großen Lesekosmos. Gibt es ein verbindendes Element in „10 Minuten Dings“? Ich behaupte: Veränderung! Man muss den Mut haben, mal alles zu verändern: Perspektive, Sprechweise, Herangehensweise, Regeln, den Ort, Fortbewegungsweise, Ansichten… einfach alles. Auf diesem Weg entsteht etwas Neues. Das Schöne an diesem unglaublich tollen Buch ist, dass Herr Brunke bei all den vielen Ansätzen und Möglichkeiten nirgendwo die ultimative Art und Weise von Schreibpraxis und Geschichten propagiert. Alles ist möglich und alles besitzt Schönheit. Abschließend bemühe ich einen typischen „Phantasie-Weitsprung“-Schlagabtausch (S.83) und antworte auf „Fleischeinlage“ mit „Frisurenmarathon“. „10 Minuten Dings“ ist in einzelne Abschnitte unterteilt: „Wörter – Finden und Erfinden“, „Wunder – Beobachten und Entdecken“, „Witz – durch Zufall und Wagemut“ und „Welten – Verwandeln und Erschaffen“. Illustriert wurde „10 Minuten Dings“ von der Leipziger Illustratorin Susann Hesselbarth und zwar ziemlich charmant. Die feinen Linien, mit denen das ganze Buch durchzogen ist, inspirieren zum Gleich-Drauflos-Schreiben. Timo Brunke: „10 Minuten Dings – und andere Ideen zum Leben und Schreiben“, Illustrationen von Susann Hesselbarth, Klett-Kinderbuch 2013, 102 Seiten, 13,95 Euro, ISBN: 978-3-95470-072-1, ab 9 Jahre und für jedes Alter  

Geistige Kost mit Altersbeschränkung?

Immer mal wieder flackert bei uns folgende Diskussion auf: "Alle anderen Kinder dürfen das gucken, nur ich nicht!" Hintergrund: Es gibt viele Kinder, die dürfen schon mit fünf Jahren zu Hause alle "Piraten der Karibik"-Filme gucken. Ich finde diese Filme ganz nebenbei strunzlangweilig, aber was noch viel wichtiger ist, sie sind erst ab 12 Jahren empfohlen. In der zweiten Klasse können dann alle schon bei "Herr der Ringe" mitreden. Sollten 8-Jährige das Schlachtengetümmel um Mittelerde konsumieren? Das gehört vielleicht zum allgemeinen Frühfördertrend. Heutzutage lernen Kinder ja schon mit drei Jahren Fahrrad fahren, schwimmen und mindestens zwei Fremdsprachen. Wir waren und sind da hinterher, auch was das Filme-Gucken anbelangt. Das heißt nicht, dass wir Fernsehen verdammen. Auf keinen Fall, wir lieben es, Filme zu gucken, aber wir wählen mit mehr Bedacht aus. Ganz früher lebten Kinder wie kleine Erwachsene. Sie trugen unmögliche Klamotten und durften sich nicht bewegen. Mittlerweile hat man die Kindheit neu entdeckt. Das Kindsein gestalten manche Eltern für ihre Kinder so einfach und super wie möglich. Es gibt Matschhosen, damit die Kinder nicht nass werden. Es gibt Indoorspielplätze, damit die Kinder nicht im Kalten toben müssen. Es gibt für jede Kleinigkeit eine Erfindung, damit alles leichter geht. Waschbecken werden nach unten verlegt. Anstatt wie früher mit dem Kastanienbohrer in den Kastanien herumzupiepeln - und man musste Geschick und Kraft entwickeln, um auf diese Art ein brauchbares Loch in so eine Kastanie zu bohren - gibt es heute Extra-Schraubstockvorrichtungen, in die man die Kastanie einklemmt. So geht ja alles viel leichter. Beim Malen bindet man sich eine Schürze um. Toiletten werden für Kinder in pinkfarbene oder blaue Erlebniswelten eingebunden. Für das Haarewaschen gibt es speziell ersonnene Vorrichtungen, damit ja nichts ins Auge kommt. Und so weiter und so fort, kluge Köpfe ersinnen immer mehr Vorrichtungen und Extragriffe. Überall geht was zu montieren, damit es sich einfacher leben lässt. Aber zurück zu "Herr der Ringe" und Co. Wo Kinder auf der einen Seite so vorsichtig wie nie in den Alltag eingeführt werden, dürfen sie auf der anderen Seite Bilder und Inhalte konsumieren, die von großer Wucht sind. Erst letztens habe ich irgendwo gehört, dass ein 10-Jähriger "Tschick" geschenkt bekam. Ich finde das Buch "Tschick" von Wolfgang Herrndorf ganz große klasse, aber es ist ab 14 Jahren empfohlen. Vielleicht bin ich ja nur spießig und obrigkeitshörig, aber ich finde das durchaus sinnvoll. Herr Urz sollte "Tschick" nicht lesen, bevor er mindestens 13 geworden ist. Aber vielleicht ist das auch alles nicht so schlimm. Immerhin habe ich als Kind auch heimlich alle "Miss Marple"-Filme geschaut und sogar den britischen Grusel-Klassiker "Bis das Blut gefriert" - und mein Blut erstarrte dabei zu Stein!

Leseempfehlung

„I look into the night. I see owls and bats that fly and flicker across the moon. Somewhere out there, Whisper the cat is slipping through the shadows. I close my eyes and it’s like those creatures are moving inside me, almost like I’m a kind of weird creature myself, a girl whose name is Mina but more than just a girl whose name is Mina.” Mina liebt die Nacht und die Wörter. „Außergewöhnliche Aktivität: Schreibe ein Wort wiederholt auf – so lange, bis dieses Wort fast gänzlich seine Bedeutung verloren hat.“ – Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur. F r i s u r – was ist denn das für ein komisches Wort, bedeutet es etwas? Mina stellt in ihrem Tagebuch oft Aufgaben über außergewöhnliche Aktivitäten und merkt erstaunliche Tatsachen an. Denn Mina hat eine andere Sicht auf die Dinge. Kinder haben das sowieso, aber Mina ist ein besonderes Kind. Sie hat keine Handicaps oder so was, sie passt einfach nicht ins System. Sie erledigt ihre Hausaufgaben in einer Art, mit denen Lehrer und Mitschüler nichts anfangen können. Deswegen unterrichtet ihre Mutter sie zu Hause. Die Lehrer verstehen das verrückte Mädchen nicht. Vielleicht braucht Mina eine „Antimerkwürdigkeitsoperation“? In ihrem Tagebuch schreibt Mina von Freundschaft, Trauer, Liebe, von ihrem Vater, der früh gestorben ist, von ihren Schulerlebnissen, vom Warten auf den Frühling, von langen Spaziergängen, von der Nacht, von den Nachbarn. Mina macht sich viele Gedanken, z. B: über moderne Kunst. Viele mögen sie nicht, weil sie mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Aber vielleicht soll sie ja gerade aussehen wie etwas, das in Wirklichkeit unsichtbar ist? Was wissen wir schon. Sie macht sich Gedanken über Staub. Staub kann man sehen. Vor allem, wenn er in einem Lichtkegel tanzt. Wer macht sich schon bewusst, dass dieser Staub aus tausenden winzigen kleinen Hautpartikeln besteht? Dort „wirbelt und tanzt und funkelt tote menschliche Haut.“ Klingt das morbide? Mina hat keine morbide Einstellung, sie findet große Worte über das Leben. So über das wohl magischste Ding des Universums: das Ei. Aus einem Ei entsteht alles. Jedes einzelne Ei ist selbst ein Universum. Alles ist in ihm angelegt: Knochen, Federn, Härchen… An einer anderen Stelle kommt dieses Universum zum Schweigen: in einem Gewölle. Die Käuze in Minas Haus fressen ganze Tiere und würgen ihre Reste als Gewölle heraus. Mina zerlegt dieses Gewölle mit großer Faszination. Alles ist drin: Knochen, Federn, Härchen… Die Vögel haben die Dinos überlebt. Sie sind stark. „Wenn es einen Gott gibt, könnte es dann nicht sein, dass er die Vögel auserwählt hat, um für ihn zu sprechen?“ Ist es verwunderlich, dass Mina davon träumt, ein Vogel zu sein? Außergewöhnliche Aktivität: Schreibe eine Geschichte über dich in der 3. Person! Ich habe „Mina“ von David Almond auf der diesjährigen Liste des Deutschen Jugendliteraturpreises entdeckt. Ich kaufte es mir im Original – zu Übungszwecken. Vielleicht hat mich die poetische Schönheit dieses Buches deshalb noch mehr ergriffen. Ich kaufte noch mehr Bücher von David Almond. Sein erstes Kinderbuch heißt „Zeit des Mondes“. Während ich „My name is Mina“ las, verschwand mein ältester Sohn (Herr Urz) in den Seiten von „Zeit des Mondes“. „Mina“ wurde dieses Jahr bei uns veröffentlicht, „Zeit des Mondes“ bereits 1998. Aber Mina kommt bereits in „Zeit des Mondes“ vor. Dort geht es um den Jungen Michael, der mit seiner Familie in ein altes Haus in die Falconer Road zieht, die Straße, in der auch Mina wohnt. Er findet in der zerfallenden Garage des neuen Hauses eine Kreatur, eine wimmernde, dünne, stinkende Kreatur mit Spinnweben bedeckt. Es ist ein Engel. Michael und Mina bringen den Engel Skellig in Sicherheit. Skellig wird von ihnen und von den Käuzen gefüttert. Er hat den Atem eines Tieres. Michael hat eine kleine Schwester. Aber dem Baby geht es nicht gut. Es schwebt zwischen Tod und Leben. Ein bisschen wie Skellig. Am Ende wird alles gut. Und Michael hat Mina und Mina Michael. In dem neuesten Buch „Mina“ wechseln die beiden ihre ersten Worte erst auf den letzten Seiten des Buches, dann erst lernen sie sich kennen. Es sind die gleichen Sätze wie auf Seite 25 des älteren Buches „Zeit des Mondes“ von 1998. David Almond hat erst über zehn Jahre nach der Geschichte von Michael die Geschichte von Mina aufgeschrieben. Lesen kann man sie hintereinander weg, weil sie unglaublich schön sind. „My name is Mina“ Delacorte Press, Random House Inc., 2010 “Mina” Ravensburger, 2011 “Zeit des Mondes” Ravensburger, 1998

„Erzählen ist die Schwester des Vorlesens“

Hierbei handelt es sich womöglich um die erste praktisch angewendete Rezension. Nachdem ich "Und was passiert dann?" von Andrea Behnke ausgelesen hatte, sagte ich zu Herrn Schlönske (angeregt durch das Kapitel "Rucksack- und Taschengeschichten", denn bei uns werden grundsätzlich viele Dinge von der Straße aufgehoben und in Taschen verstaut): Das erste Ding, was du heute findest, wird der Held der Geschichte, die wir uns ausdenken. Herr Schlönske brachte wenig später diesen unglaublich gewundenen Draht nach Hause, der in unserem Schaufenster - hier - gut rein gepasst hätte: Und jetzt die Geschichte dazu: Das ist der Kleiderbügel Fratziputz. Eines Tages wurde er von seinem Kumpel zum Quatschkopf gebracht: Er schaukelte so sehr hin und her, dass er aus dem Kleiderschrank heraus purzelte. Da lag Fratziputz also auf dem Fußboden und fühlte sich einsam und nutzlos. Da kam eine Oma ins Zimmer und trat auf den Kleiderbügel. "Aua!", rief Fratziputz, aber Menschen können die Kleiderbügelsprache nicht verstehen und so ging die Oma wieder hinaus. Aber: Sie hatte vergessen, das Fenster zu schließen. So hörte draußen ein Spatz Fratziputzens Jammern und flog ins Zimmer. Fratziputz sang: "Der Spatz, der Spatz, der süße Fratz, der braucht doch keine Gabel..." Nach einer kleinen Unterhaltung bat Fratziputz den Spatz, ihn und alle seine Kleiderbügel-Kumpel in sein Nest zu tragen. Der Spatz wohnte in einem besonders großen Nest, wie man sich denken kann. Der Spatz tat dies und so saßen die Spatzenfamilie und die Kleiderbügelbande gemütlich zusammen im Nest und dachten sich zusammen eine neue Geschichte aus, nämlich diese: Es war einmal ein Riese, der wollte die Spatzen essen. Ein Leopard kam von hinten und wollte den Riesen aufhalten. Da pupste der Riese den Leoparden weg. Der Riese hatte schreckliche Bauchschmerzen und musste deshalb pupsen. Der Riese setzte sich hin. Ihm war der Appetit auf Spatzen vergangen.

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Vorrangig ist "Und was passiert dann? - Geschichten erfinden mit Kindern" als Anleitung für den Fabulieralltag im Kindergarten gedacht. Aber es funktioniert genauso gut zu Hause. Da ich keine Kindergärtnerin bin, könnt ihr mir das guten Gewissens glauben. Wer sich das Buch zulegt, dem widerfährt Gutes. Denn wo bekommt man heutzutage schon alles komplett serviert? Andrea Behnke liefert Anleitung und Ideen genauso wie Zuspruch und Motivation. Ausgehend von der Feststellung, dass jeder erzählen kann, betont die erfahrene Journalistin und Autorin für Kinder-, Jugend- und Bildungsmedien den vielfachen Wert, den das gemeinsame Erzählen in die Familien bringt. Zuhören, Konzentration, Vorstellungskraft, Sinnesschärfung, Improvisationsfähigkeit, Empathie, Mitdenken, Ausdrucksweise, Strategiefindung, das Erkennen von Erzählstrukturen - all diese wirklich wichtigen Fähigkeiten entwickeln sich durch das Erzählen von ganz allein. 30 Übungen sind im Buch beschrieben, die jedem einsilbigen Zeitgenossen die Zunge lösen werden. Die Erzählsession könnte zum Warmwerden auf einem imaginärem orientalischen Markt beginnen und unter Einbeziehung sämtlicher realer Küchenutensilien in eine Theatervorstellung münden. Anregung gibt es genug: Kamishabai-Papiertheater, Märchen-gegen-den-Strich-bürsten, Was-wäre-wenn-Geschichten, Quatschnamen-Geschichten, autobiographische Geschichten mit alten Fotos und Spielzeugen... Und wenn es an einer Stelle nicht mehr weiter geht, dann steht nur die eine Frage im Raum: "Und was passiert dann?" Und die Geschichte wird weiter sprudeln. Egal, auf welche Erzählvariante die Entscheidung fällt, alle Erzählteilnehmer begeben sich auf eine gemeinsame Ebene und das verbindet. Dabei entsteht eine eigene Geschichte, ein Schatz. Andrea Behnke hat ihren Erzähler-Fundus wunderbar einfach angeordnet. Jede Anleitung ist etwa ein bis zwei Seiten lang. Dazu gibt es einen Infokasten, in dem sämtliche empfohlenen Angaben zu Alter, Gruppengröße, Ort, Material, Vorbereitung und die einzelnen Erzählschritte zusammengefasst sind. Zusätzlich verbreiten knuffige Illustrationen eine positive Grundstimmung beim Blättern. Das Buch ist handlich und im Ernstfall sofort einsatzbereit, z. B. bei Kindergeburtstagen oder an langweiligen Sonntagen. Andrea Behnke: "Und was passiert dann? - Geschichten erfinden mit Kindern", Verlag Herder GmbH, 2012

Ein gutes Buch: Suna

Pünktlich zur Buchmesse möchte ich heute ein Buch empfehlen. Es ist noch ganz frisch, erst am 29. Februar erschienen. Die Autorin Pia Ziefle kenne ich aus meinem Netzwerk Texttreff. Letztes Jahr zur Buchmesse war Pia noch auf der Suche nach einem Verlag. Dieses Jahr reist sie bereits mit ihrem ersten Roman nach Leipzig. Das Buch begleitet Suna durch sieben schlaflose Nächte, in denen sie ihrer neugeborenen Tochter eine Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte von Suna und gleichzeitig ist es die ihrer kleinen Tochter. Denn es geht darin um Familie, um Wurzeln, um Dinge, die sich nicht leugnen lassen. Und Suna heißt außerdem noch Luisa und Marina. Drei Namen für eine Frau, bekommen von verschiedenen Elternteilen. Luisa hat mehrere Eltern. Sie ist ein bisschen türkisch, ein bisschen deutsch und “restjugoslawisch“. Aber jetzt hat sie eine kleine Tochter, die nicht schläft. Sie schläft nie. Es ist zum Verzweifeln. Der Dorfarzt attestiert: „Sie kann keine Wurzeln schlagen. Finden Sie ihre“. Viel mehr will ich vom Inhalt gar nicht verraten. Luisas Wurzeln wuchern wild. Auf die Welt gekommen ist sie durch den türkischen Gastarbeiter Kamil (mit Dichterhänden) und der serbischen Julka (mit einem schielenden Auge). Später wurde sie adoptiert („amputiert“) von Johannes (Einzelgänger mit Bestnoten) und Magdalena (lehnt das Gewöhnliche ab). Pia Ziefle erzählt alle Lebensgeschichten, welche die Aufziehenden mit sich herum schleppen. Da gibt es halbe Mägen, Schuldgefühle, ordentliche Wäscheschränke, Traditionen, Konventionen, Lügen, Schwierigkeiten mit der Sprache, Verluste, Ängste, Verlustängste… All diese Dinge gehören zu höchst unterschiedlichen Menschen. Und diese Menschen liegen wie Pünktchen auf einer Gerade (laut Mathematik: Eine gerade, unendlich lange, unendlich dünne und in beide Richtungen unbegrenzte Linie). In Luisas Erzählung tauchen viele Pünktchen auf, die aber alle durch eine Linie verbunden sind. Das ist die Familie. Wurzeln. Herkunft. Erbe. Schließlich: das Leben. „… wozu sollte ein Leben wie meines denn nütze sein, nur Leid und Verlust sagte ich, wer könnte denn etwas haben davon?“ – „Du selbst, sagte Tom, du kannst lernen und daran wachsen.“ (S. 226) Darin liegt für mich der Knackpunkt des Romans. Was mich beim Lesen mit größter Zufriedenheit erfüllte, ist Pia Ziefles klare Sprache. Wie ich das liebe, wenn jemand erzählen kann. Man möchte zu Luisas Füßen Platz nehmen und ihrer Stimme lauschen. Sie nimmt mich mit, eröffnet mir Welten und reiht die Geschichte (die ganz große) mit ein. Weltkrieg, kommunistische Bauern, Einwandererpolitik, Wirtschaftswunder, Emanzipation, Srebrenica… Auch an der Geschichte kommt im Leben keiner vorbei. Sie stellt Dinge mit den Menschen an. Am Leben sind immer (mindestens) zwei schuld. Der Sinn des Lebens liegt in allen Beteiligten. Den zu suchen aber, macht stark und mutig. Nur wer Mut hat, kramt in seinem Gepäck. Aber Vorsicht: Der Inhalt kann Spuren von Liebe enthalten. Pia Ziefle: Suna, Ullstein 2012

Für Tommi Bernhard

Meine Liebe zu Thomas Bernhard kam ziemlich spät.Vor drei Jahren schenkte mir eine Freundin "Holzfällen". Nicht, dass ich vorher schon was über Bernhard gehört hatte, aber als ich anfing zu lesen, war ich geschockt. Ich dachte: "So was kann ich unmöglich lesen!" Diese Bandwurm-Sätze. Diese Wiederholungen. Das Gemecker. Nein Danke. Jetzt aber habe ich verstanden. Das Radio hat mich mit Thomas Bernhard verkuppelt. Hin und wieder arbeite ich für MDR Figaro. Letzten Sommer musste ich die Bernhard-Sendungen für das ARD Radiofestival sendefertig machen: Bernhards Autobiographie. Die hat mich umgehauen! Erst einmal, weil sie auch soooo gute Leser an Bernhards Leben gesetzt haben. Bis auf Ulrich Matthes, dessen Lesestil mir nicht gefällt, sind diese Aufnahmen ein absoluter Hörgenuss. Wahrscheinlich versteht man die Bücher von Bernhard nicht, wenn man sein Leben nicht kennt. Als ich im Funkhaus mit der Tragik seines Daseins konfrontiert wurde, musste ich sogar... na ja... ein bisschen heulen. Aber, so grausame Episoden Bernhards Leben schrieb, es vermag Trost zu bieten. Wirklich. Finde ich. Die Liebe kam mit einer Erkenntnis. Einige der Sendungen waren 1-2 Minütchen zu lang. Es galt, diese heraus zu schneiden. Nun sind 2 Minuten bei Bernhard ein einziger Satz - wenn man Glück hat. Ich dachte also, kein Problem, da ein Sätzchen raus zu schnippeln. Aber weit gefehlt. Ich hing eine Ewigkeit über der Aufnahme nach der Suche einer geeigneten Stelle. Es funktionierte nicht. Jedes Mal, wenn ich einen Satz entfernte, stimmte der Text nicht mehr. Sein Rhythmus, seine Musikalität waren zerstört. Es war ganz deutlich zu hören. Verrückt. Und natürlich, Bernhard kommt von der Musik. Wäre er nicht von dieser "Fürchterlichkeit" Krankheit gepeinigt gewesen, wäre er Musiker oder Sänger geworden. So ließ er die Musik in sein Schreiben fließen. Selten habe ich so dicht gebaute, klingende Zeilen gelesen. Es ist ein wohldosiertes Verhältnis, dass wir miteinander pflegen. Nur wenige Seiten pro Tag. Am liebsten zu Hause, denn da kann ich laut lesen. Und das empfiehlt sich bei Bernhard, so hört man die Melodie. Ich mag sein Geschimpfe, seinen Schmerz, der wiederum ins Lächerliche übergeht in ganz feinsinnigen Etüden voller Balance. Das ist was ganz Besonderes. Es ist einzigartig. Die Gemütsschwankungen. Die Zwänge. Das Schimpfen. Das Hassen. Die Körperlichkeit. Das Sich-Beobachten. Alles das ist bei Thomas Bernhard unverwechselbar. Ich mag den alten Stinker.

Ich mag das Internet

Letztens litt ich durch eine technische Panne 24h ohne Internet. Es war eine Erfahrung. Nicht dass ich zu den Leuten gehöre, die ohne Netz nicht mehr können. Aber ich habe feststellen müssen, dass ich meine Arbeit nicht mehr erledigen kann, wenn ich keinen Netzzugang hab. Keine Mails, kein Netzwerk, keine schnelle Recherche. Ich brauchte an diesem Tag schnell eine Adresse, wollte schon danach googeln, tja, Mist, ging ja nicht. Manche Textaufträge kommen per Mail, das Briefing dazu befindet sich auf einer Homepage und der fertige Text gehört in ein Wiki. War alles nicht zu machen. Abends bekam ich Anrufe, ob ich wegen der erbetenen Textänderungen beleidigt sei, weil ich diese nicht erledige und nicht zurückmaile. Die meisten Menschen verlassen sich blind darauf, dass eine Mail ankommt. Sie kalkulieren nicht mit ein, dass der Empfänger vielleicht einmal ausfällt. Höchst gefährlich. Und nach diesem Tag gezwungener Arbeitslosigkeit habe ich einmal mehr beschlossen, das Internet sehr ernst zu nehmen. Das Internet ist für mich Arbeitsmittel, Großraumbüro, Ablenkung, Nachrichtenzentrale, hier befinden sich Freunde, Chancen, Information, Ideen und auch Gefahren, sicher. Aber wenn ich etwas mag, dann gehe ich auch vorsichtig damit um. Zum Beispiel dieses Bild auf der Wand meines frisch renovierten Arbeitszimmers: Man kann es nicht so gut erkennen wegen der Glasscheibe (ich bin zu blöd, so was anständig zu fotografieren) - hier seht ihr es besser. Dieses Foto habe ich aus dem Netz gefischt. Gefunden bei Tofubratwurst auf Flickr, hin und weg gewesen und gekauft - das allerdings in einem eigens dafür eingerührten "echten" Treffen. Weil wir beide zufällig in Leipzig wohnen. Den tollen Rahmen habe ich im Rahmenblog.de bei einer Blogparade gewonnen. Lief also alles über das Internet. Inspiriert hat mich auch ein Eintrag zum Thema Netz von Frau Ziefle auf Denkding.de: hier. Es gefällt mir, was Frau Ziefle da schreibt. Und jetzt wird prokrastiniert. Wo findet man dazu die besten Sachen? Natürlich im Internet. Lauscht einfach mal: Florence Foster Jenkins - sie war die schlechteste Opernsängerin der Welt. Die hat sich übrigens gar nicht sooo viele Gedanken gemacht...