Archiv für die Kategorie „Mein Senf dazu“

Geistige Kost mit Altersbeschränkung?

Sonntag, 3. Februar 2013

Immer mal wieder flackert bei uns folgende Diskussion auf: “Alle anderen Kinder dürfen das gucken, nur ich nicht!” Hintergrund: Es gibt viele Kinder, die dürfen schon mit fünf Jahren zu Hause alle “Piraten der Karibik”-Filme gucken. Ich finde diese Filme ganz nebenbei strunzlangweilig, aber was noch viel wichtiger ist, sie sind erst ab 12 Jahren empfohlen. In der zweiten Klasse können dann alle schon bei “Herr der Ringe” mitreden. Sollten 8-Jährige das Schlachtengetümmel um Mittelerde konsumieren? Das gehört vielleicht zum allgemeinen Frühfördertrend. Heutzutage lernen Kinder ja schon mit drei Jahren Fahrrad fahren, schwimmen und mindestens zwei Fremdsprachen. Wir waren und sind da hinterher, auch was das Filme-Gucken anbelangt. Das heißt nicht, dass wir Fernsehen verdammen. Auf keinen Fall, wir lieben es, Filme zu gucken, aber wir wählen mit mehr Bedacht aus.

Ganz früher lebten Kinder wie kleine Erwachsene. Sie trugen unmögliche Klamotten und durften sich nicht bewegen. Mittlerweile hat man die Kindheit neu entdeckt. Das Kindsein gestalten manche Eltern für ihre Kinder so einfach und super wie möglich. Es gibt Matschhosen, damit die Kinder nicht nass werden. Es gibt Indoorspielplätze, damit die Kinder nicht im Kalten toben müssen. Es gibt für jede Kleinigkeit eine Erfindung, damit alles leichter geht. Waschbecken werden nach unten verlegt. Anstatt wie früher mit dem Kastanienbohrer in den Kastanien herumzupiepeln – und man musste Geschick und Kraft entwickeln, um auf diese Art ein brauchbares Loch in so eine Kastanie zu bohren – gibt es heute Extra-Schraubstockvorrichtungen, in die man die Kastanie einklemmt. So geht ja alles viel leichter. Beim Malen bindet man sich eine Schürze um. Toiletten werden für Kinder in pinkfarbene oder blaue Erlebniswelten eingebunden. Für das Haarewaschen gibt es speziell ersonnene Vorrichtungen, damit ja nichts ins Auge kommt. Und so weiter und so fort, kluge Köpfe ersinnen immer mehr Vorrichtungen und Extragriffe. Überall geht was zu montieren, damit es sich einfacher leben lässt.

Aber zurück zu “Herr der Ringe” und Co. Wo Kinder auf der einen Seite so vorsichtig wie nie in den Alltag eingeführt werden, dürfen sie auf der anderen Seite Bilder und Inhalte konsumieren, die von großer Wucht sind. Erst letztens habe ich irgendwo gehört, dass ein 10-Jähriger “Tschick” geschenkt bekam. Ich finde das Buch “Tschick” von Wolfgang Herrndorf ganz große klasse, aber es ist ab 14 Jahren empfohlen. Vielleicht bin ich ja nur spießig und obrigkeitshörig, aber ich finde das durchaus sinnvoll. Herr Urz sollte “Tschick” nicht lesen, bevor er mindestens 13 geworden ist.

Aber vielleicht ist das auch alles nicht so schlimm. Immerhin habe ich als Kind auch heimlich alle “Miss Marple”-Filme geschaut und sogar den britischen Grusel-Klassiker “Bis das Blut gefriert” – und mein Blut erstarrte dabei zu Stein!

Leseempfehlung

Sonntag, 24. Juni 2012

„I look into the night. I see owls and bats that fly and flicker across the moon. Somewhere out there, Whisper the cat is slipping through the shadows. I close my eyes and it’s like those creatures are moving inside me, almost like I’m a kind of weird creature myself, a girl whose name is Mina but more than just a girl whose name is Mina.”

Mina liebt die Nacht und die Wörter. „Außergewöhnliche Aktivität: Schreibe ein Wort wiederholt auf – so lange, bis dieses Wort fast gänzlich seine Bedeutung verloren hat.“ – Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur, Frisur. F r i s u r – was ist denn das für ein komisches Wort, bedeutet es etwas?

Mina stellt in ihrem Tagebuch oft Aufgaben über außergewöhnliche Aktivitäten und merkt erstaunliche Tatsachen an. Denn Mina hat eine andere Sicht auf die Dinge. Kinder haben das sowieso, aber Mina ist ein besonderes Kind. Sie hat keine Handicaps oder so was, sie passt einfach nicht ins System. Sie erledigt ihre Hausaufgaben in einer Art, mit denen Lehrer und Mitschüler nichts anfangen können. Deswegen unterrichtet ihre Mutter sie zu Hause. Die Lehrer verstehen das verrückte Mädchen nicht. Vielleicht braucht Mina eine „Antimerkwürdigkeitsoperation“? In ihrem Tagebuch schreibt Mina von Freundschaft, Trauer, Liebe, von ihrem Vater, der früh gestorben ist, von ihren Schulerlebnissen, vom Warten auf den Frühling, von langen Spaziergängen, von der Nacht, von den Nachbarn.

Mina macht sich viele Gedanken, z. B: über moderne Kunst. Viele mögen sie nicht, weil sie mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Aber vielleicht soll sie ja gerade aussehen wie etwas, das in Wirklichkeit unsichtbar ist? Was wissen wir schon. Sie macht sich Gedanken über Staub. Staub kann man sehen. Vor allem, wenn er in einem Lichtkegel tanzt. Wer macht sich schon bewusst, dass dieser Staub aus tausenden winzigen kleinen Hautpartikeln besteht? Dort „wirbelt und tanzt und funkelt tote menschliche Haut.“ Klingt das morbide? Mina hat keine morbide Einstellung, sie findet große Worte über das Leben. So über das wohl magischste Ding des Universums: das Ei. Aus einem Ei entsteht alles. Jedes einzelne Ei ist selbst ein Universum. Alles ist in ihm angelegt: Knochen, Federn, Härchen… An einer anderen Stelle kommt dieses Universum zum Schweigen: in einem Gewölle. Die Käuze in Minas Haus fressen ganze Tiere und würgen ihre Reste als Gewölle heraus. Mina zerlegt dieses Gewölle mit großer Faszination. Alles ist drin: Knochen, Federn, Härchen…

Die Vögel haben die Dinos überlebt. Sie sind stark. „Wenn es einen Gott gibt, könnte es dann nicht sein, dass er die Vögel auserwählt hat, um für ihn zu sprechen?“ Ist es verwunderlich, dass Mina davon träumt, ein Vogel zu sein?

Außergewöhnliche Aktivität: Schreibe eine Geschichte über dich in der 3. Person!

Ich habe „Mina“ von David Almond auf der diesjährigen Liste des Deutschen Jugendliteraturpreises entdeckt. Ich kaufte es mir im Original – zu Übungszwecken. Vielleicht hat mich die poetische Schönheit dieses Buches deshalb noch mehr ergriffen. Ich kaufte noch mehr Bücher von David Almond. Sein erstes Kinderbuch heißt „Zeit des Mondes“. Während ich „My name is Mina“ las, verschwand mein ältester Sohn (Herr Urz) in den Seiten von „Zeit des Mondes“. „Mina“ wurde dieses Jahr bei uns veröffentlicht, „Zeit des Mondes“ bereits 1998. Aber Mina kommt bereits in „Zeit des Mondes“ vor. Dort geht es um den Jungen Michael, der mit seiner Familie in ein altes Haus in die Falconer Road zieht, die Straße, in der auch Mina wohnt. Er findet in der zerfallenden Garage des neuen Hauses eine Kreatur, eine wimmernde, dünne, stinkende Kreatur mit Spinnweben bedeckt. Es ist ein Engel. Michael und Mina bringen den Engel Skellig in Sicherheit. Skellig wird von ihnen und von den Käuzen gefüttert. Er hat den Atem eines Tieres. Michael hat eine kleine Schwester. Aber dem Baby geht es nicht gut. Es schwebt zwischen Tod und Leben. Ein bisschen wie Skellig. Am Ende wird alles gut. Und Michael hat Mina und Mina Michael. In dem neuesten Buch „Mina“ wechseln die beiden ihre ersten Worte erst auf den letzten Seiten des Buches, dann erst lernen sie sich kennen. Es sind die gleichen Sätze wie auf Seite 25 des älteren Buches „Zeit des Mondes“ von 1998. David Almond hat erst über zehn Jahre nach der Geschichte von Michael die Geschichte von Mina aufgeschrieben. Lesen kann man sie hintereinander weg, weil sie unglaublich schön sind.

„My name is Mina“ Delacorte Press, Random House Inc., 2010

“Mina” Ravensburger, 2011

“Zeit des Mondes” Ravensburger, 1998

“Erzählen ist die Schwester des Vorlesens”

Sonntag, 22. April 2012

Hierbei handelt es sich womöglich um die erste praktisch angewendete Rezension. Nachdem ich “Und was passiert dann?” von Andrea Behnke ausgelesen hatte, sagte ich zu Herrn Schlönske (angeregt durch das Kapitel “Rucksack- und Taschengeschichten”, denn bei uns werden grundsätzlich viele Dinge von der Straße aufgehoben und in Taschen verstaut): Das erste Ding, was du heute findest, wird der Held der Geschichte, die wir uns ausdenken. Herr Schlönske brachte wenig später diesen unglaublich gewundenen Draht nach Hause, der in unserem Schaufenster - hier – gut rein gepasst hätte:

Und jetzt die Geschichte dazu: Das ist der Kleiderbügel Fratziputz. Eines Tages wurde er von seinem Kumpel zum Quatschkopf gebracht: Er schaukelte so sehr hin und her, dass er aus dem Kleiderschrank heraus purzelte. Da lag Fratziputz also auf dem Fußboden und fühlte sich einsam und nutzlos. Da kam eine Oma ins Zimmer und trat auf den Kleiderbügel. “Aua!”, rief Fratziputz, aber Menschen können die Kleiderbügelsprache nicht verstehen und so ging die Oma wieder hinaus. Aber: Sie hatte vergessen, das Fenster zu schließen. So hörte draußen ein Spatz Fratziputzens Jammern und flog ins Zimmer. Fratziputz sang: “Der Spatz, der Spatz, der süße Fratz, der braucht doch keine Gabel…” Nach einer kleinen Unterhaltung bat Fratziputz den Spatz, ihn und alle seine Kleiderbügel-Kumpel in sein Nest zu tragen. Der Spatz wohnte in einem besonders großen Nest, wie man sich denken kann. Der Spatz tat dies und so saßen die Spatzenfamilie und die Kleiderbügelbande gemütlich zusammen im Nest und dachten sich zusammen eine neue Geschichte aus, nämlich diese:

Es war einmal ein Riese, der wollte die Spatzen essen. Ein Leopard kam von hinten und wollte den Riesen aufhalten. Da pupste der Riese den Leoparden weg. Der Riese hatte schreckliche Bauchschmerzen und musste deshalb pupsen. Der Riese setzte sich hin. Ihm war der Appetit auf Spatzen vergangen.

XXX

Vorrangig ist “Und was passiert dann? – Geschichten erfinden mit Kindern” als Anleitung für den Fabulieralltag im Kindergarten gedacht. Aber es funktioniert genauso gut zu Hause. Da ich keine Kindergärtnerin bin, könnt ihr mir das guten Gewissens glauben. Wer sich das Buch zulegt, dem widerfährt Gutes. Denn wo bekommt man heutzutage schon alles komplett serviert? Andrea Behnke liefert Anleitung und Ideen genauso wie Zuspruch und Motivation. Ausgehend von der Feststellung, dass jeder erzählen kann, betont die erfahrene Journalistin und Autorin für Kinder-, Jugend- und Bildungsmedien den vielfachen Wert, den das gemeinsame Erzählen in die Familien bringt. Zuhören, Konzentration, Vorstellungskraft, Sinnesschärfung, Improvisationsfähigkeit, Empathie, Mitdenken, Ausdrucksweise, Strategiefindung, das Erkennen von Erzählstrukturen – all diese wirklich wichtigen Fähigkeiten entwickeln sich durch das Erzählen von ganz allein.

30 Übungen sind im Buch beschrieben, die jedem einsilbigen Zeitgenossen die Zunge lösen werden. Die Erzählsession könnte zum Warmwerden auf einem imaginärem orientalischen Markt beginnen und unter Einbeziehung sämtlicher realer Küchenutensilien in eine Theatervorstellung münden. Anregung gibt es genug: Kamishabai-Papiertheater, Märchen-gegen-den-Strich-bürsten, Was-wäre-wenn-Geschichten, Quatschnamen-Geschichten, autobiographische Geschichten mit alten Fotos und Spielzeugen… Und wenn es an einer Stelle nicht mehr weiter geht, dann steht nur die eine Frage im Raum: “Und was passiert dann?” Und die Geschichte wird weiter sprudeln. Egal, auf welche Erzählvariante die Entscheidung fällt, alle Erzählteilnehmer begeben sich auf eine gemeinsame Ebene und das verbindet. Dabei entsteht eine eigene Geschichte, ein Schatz.

Andrea Behnke hat ihren Erzähler-Fundus wunderbar einfach angeordnet. Jede Anleitung ist etwa ein bis zwei Seiten lang. Dazu gibt es einen Infokasten, in dem sämtliche empfohlenen Angaben zu Alter, Gruppengröße, Ort, Material, Vorbereitung und die einzelnen Erzählschritte zusammengefasst sind. Zusätzlich verbreiten knuffige Illustrationen eine positive Grundstimmung beim Blättern. Das Buch ist handlich und im Ernstfall sofort einsatzbereit, z. B. bei Kindergeburtstagen oder an langweiligen Sonntagen.

Andrea Behnke: “Und was passiert dann? – Geschichten erfinden mit Kindern”, Verlag Herder GmbH, 2012

Ein gutes Buch: Suna

Mittwoch, 14. März 2012

Pünktlich zur Buchmesse möchte ich heute ein Buch empfehlen. Es ist noch ganz frisch, erst am 29. Februar erschienen. Die Autorin Pia Ziefle kenne ich aus meinem Netzwerk Texttreff. Letztes Jahr zur Buchmesse war Pia noch auf der Suche nach einem Verlag. Dieses Jahr reist sie bereits mit ihrem ersten Roman nach Leipzig.

Das Buch begleitet Suna durch sieben schlaflose Nächte, in denen sie ihrer neugeborenen Tochter eine Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte von Suna und gleichzeitig ist es die ihrer kleinen Tochter. Denn es geht darin um Familie, um Wurzeln, um Dinge, die sich nicht leugnen lassen. Und Suna heißt außerdem noch Luisa und Marina. Drei Namen für eine Frau, bekommen von verschiedenen Elternteilen. Luisa hat mehrere Eltern. Sie ist ein bisschen türkisch, ein bisschen deutsch und “restjugoslawisch“. Aber jetzt hat sie eine kleine Tochter, die nicht schläft. Sie schläft nie. Es ist zum Verzweifeln. Der Dorfarzt attestiert: „Sie kann keine Wurzeln schlagen. Finden Sie ihre“. Viel mehr will ich vom Inhalt gar nicht verraten.

Luisas Wurzeln wuchern wild. Auf die Welt gekommen ist sie durch den türkischen Gastarbeiter Kamil (mit Dichterhänden) und der serbischen Julka (mit einem schielenden Auge). Später wurde sie adoptiert („amputiert“) von Johannes (Einzelgänger mit Bestnoten) und Magdalena (lehnt das Gewöhnliche ab). Pia Ziefle erzählt alle Lebensgeschichten, welche die Aufziehenden mit sich herum schleppen. Da gibt es halbe Mägen, Schuldgefühle, ordentliche Wäscheschränke, Traditionen, Konventionen, Lügen, Schwierigkeiten mit der Sprache, Verluste, Ängste, Verlustängste… All diese Dinge gehören zu höchst unterschiedlichen Menschen. Und diese Menschen liegen wie Pünktchen auf einer Gerade (laut Mathematik: Eine gerade, unendlich lange, unendlich dünne und in beide Richtungen unbegrenzte Linie). In Luisas Erzählung tauchen viele Pünktchen auf, die aber alle durch eine Linie verbunden sind. Das ist die Familie. Wurzeln. Herkunft. Erbe. Schließlich: das Leben. „… wozu sollte ein Leben wie meines denn nütze sein, nur Leid und Verlust sagte ich, wer könnte denn etwas haben davon?“ – „Du selbst, sagte Tom, du kannst lernen und daran wachsen.“ (S. 226) Darin liegt für mich der Knackpunkt des Romans.

Was mich beim Lesen mit größter Zufriedenheit erfüllte, ist Pia Ziefles klare Sprache. Wie ich das liebe, wenn jemand erzählen kann. Man möchte zu Luisas Füßen Platz nehmen und ihrer Stimme lauschen. Sie nimmt mich mit, eröffnet mir Welten und reiht die Geschichte (die ganz große) mit ein. Weltkrieg, kommunistische Bauern, Einwandererpolitik, Wirtschaftswunder, Emanzipation, Srebrenica… Auch an der Geschichte kommt im Leben keiner vorbei. Sie stellt Dinge mit den Menschen an. Am Leben sind immer (mindestens) zwei schuld. Der Sinn des Lebens liegt in allen Beteiligten. Den zu suchen aber, macht stark und mutig. Nur wer Mut hat, kramt in seinem Gepäck. Aber Vorsicht: Der Inhalt kann Spuren von Liebe enthalten.

Pia Ziefle: Suna, Ullstein 2012

Für Tommi Bernhard

Donnerstag, 9. Februar 2012

Meine Liebe zu Thomas Bernhard kam ziemlich spät.Vor drei Jahren schenkte mir eine Freundin “Holzfällen”. Nicht, dass ich vorher schon was über Bernhard gehört hatte, aber als ich anfing zu lesen, war ich geschockt. Ich dachte: “So was kann ich unmöglich lesen!” Diese Bandwurm-Sätze. Diese Wiederholungen. Das Gemecker. Nein Danke.

Jetzt aber habe ich verstanden.

Das Radio hat mich mit Thomas Bernhard verkuppelt. Hin und wieder arbeite ich für MDR Figaro. Letzten Sommer musste ich die Bernhard-Sendungen für das ARD Radiofestival sendefertig machen: Bernhards Autobiographie. Die hat mich umgehauen! Erst einmal, weil sie auch soooo gute Leser an Bernhards Leben gesetzt haben. Bis auf Ulrich Matthes, dessen Lesestil mir nicht gefällt, sind diese Aufnahmen ein absoluter Hörgenuss. Wahrscheinlich versteht man die Bücher von Bernhard nicht, wenn man sein Leben nicht kennt. Als ich im Funkhaus mit der Tragik seines Daseins konfrontiert wurde, musste ich sogar… na ja… ein bisschen heulen. Aber, so grausame Episoden Bernhards Leben schrieb, es vermag Trost zu bieten. Wirklich. Finde ich.

Die Liebe kam mit einer Erkenntnis. Einige der Sendungen waren 1-2 Minütchen zu lang. Es galt, diese heraus zu schneiden. Nun sind 2 Minuten bei Bernhard ein einziger Satz – wenn man Glück hat. Ich dachte also, kein Problem, da ein Sätzchen raus zu schnippeln. Aber weit gefehlt. Ich hing eine Ewigkeit über der Aufnahme nach der Suche einer geeigneten Stelle. Es funktionierte nicht. Jedes Mal, wenn ich einen Satz entfernte, stimmte der Text nicht mehr. Sein Rhythmus, seine Musikalität waren zerstört. Es war ganz deutlich zu hören. Verrückt. Und natürlich, Bernhard kommt von der Musik. Wäre er nicht von dieser “Fürchterlichkeit” Krankheit gepeinigt gewesen, wäre er Musiker oder Sänger geworden. So ließ er die Musik in sein Schreiben fließen. Selten habe ich so dicht gebaute, klingende Zeilen gelesen.

Es ist ein wohldosiertes Verhältnis, dass wir miteinander pflegen. Nur wenige Seiten pro Tag. Am liebsten zu Hause, denn da kann ich laut lesen. Und das empfiehlt sich bei Bernhard, so hört man die Melodie. Ich mag sein Geschimpfe, seinen Schmerz, der wiederum ins Lächerliche übergeht in ganz feinsinnigen Etüden voller Balance. Das ist was ganz Besonderes. Es ist einzigartig. Die Gemütsschwankungen. Die Zwänge. Das Schimpfen. Das Hassen. Die Körperlichkeit. Das Sich-Beobachten. Alles das ist bei Thomas Bernhard unverwechselbar. Ich mag den alten Stinker.

Ich mag das Internet

Freitag, 14. Oktober 2011

Letztens litt ich durch eine technische Panne 24h ohne Internet. Es war eine Erfahrung. Nicht dass ich zu den Leuten gehöre, die ohne Netz nicht mehr können. Aber ich habe feststellen müssen, dass ich meine Arbeit nicht mehr erledigen kann, wenn ich keinen Netzzugang hab. Keine Mails, kein Netzwerk, keine schnelle Recherche. Ich brauchte an diesem Tag schnell eine Adresse, wollte schon danach googeln, tja, Mist, ging ja nicht. Manche Textaufträge kommen per Mail, das Briefing dazu befindet sich auf einer Homepage und der fertige Text gehört in ein Wiki. War alles nicht zu machen. Abends bekam ich Anrufe, ob ich wegen der erbetenen Textänderungen beleidigt sei, weil ich diese nicht erledige und nicht zurückmaile. Die meisten Menschen verlassen sich blind darauf, dass eine Mail ankommt. Sie kalkulieren nicht mit ein, dass der Empfänger vielleicht einmal ausfällt. Höchst gefährlich. Und nach diesem Tag gezwungener Arbeitslosigkeit habe ich einmal mehr beschlossen, das Internet sehr ernst zu nehmen. Das Internet ist für mich Arbeitsmittel, Großraumbüro, Ablenkung, Nachrichtenzentrale, hier befinden sich Freunde, Chancen, Information, Ideen und auch Gefahren, sicher. Aber wenn ich etwas mag, dann gehe ich auch vorsichtig damit um.

Zum Beispiel dieses Bild auf der Wand meines frisch renovierten Arbeitszimmers:

Man kann es nicht so gut erkennen wegen der Glasscheibe (ich bin zu blöd, so was anständig zu fotografieren) – hier seht ihr es besser. Dieses Foto habe ich aus dem Netz gefischt. Gefunden bei Tofubratwurst auf Flickr, hin und weg gewesen und gekauft – das allerdings in einem eigens dafür eingerührten “echten” Treffen. Weil wir beide zufällig in Leipzig wohnen.

Den tollen Rahmen habe ich im Rahmenblog.de bei einer Blogparade gewonnen. Lief also alles über das Internet. Inspiriert hat mich auch ein Eintrag zum Thema Netz von Frau Ziefle auf Denkding.de: hier. Es gefällt mir, was Frau Ziefle da schreibt.

Und jetzt wird prokrastiniert. Wo findet man dazu die besten Sachen? Natürlich im Internet. Lauscht einfach mal: Florence Foster Jenkins – sie war die schlechteste Opernsängerin der Welt. Die hat sich übrigens gar nicht sooo viele Gedanken gemacht…

Löwenmut

Donnerstag, 2. September 2010

Kennt das Jemand? Vor ein paar Jahren ging ich so durch eine Buchhandlung. Plötzlich sprang mir ein Buch entgegen. Ich bekam kurz Schnappatmung und überlegte fieberhaft, warum mir dieses Cover so vertraut war. Das kenne ich, verdammt das kenne ich doch! Woher??? Neeee, das ist doch…. das ich doch…. das ist genau das Buch, was mir meine Großmutti immer vorgelesen hatte, als ich klein war. Der Glückliche Löwe!!! DER Glückliche Löwe. Zur Schnappatmung gesellen sich Schweißtropfen des Glücks und die Kaufentscheidung ist gefallen.

Flugs entnehme ich dem Buch, dass es sich um eine neu gestaltete Ausgabe handelt. Ursprünglich erschien das Buch hierzulande 1955 und erhielt den Ersten Deutschen Jugendliteraturpreis überhaupt. Das hat man ja als Kind nie geahnt. Dass ich dem Glücklichen Löwen noch einmal über den Weg laufe! Mir fallen die Fotos ein, die es von mir gibt. Auf denen sitze ich (etwa 4-jährig) wie ein Löwe brüllend auf dem roten Sofa meiner Großmutti. Damals ging das Spiel so: “Wie macht der Löwe?” Und ich: “Wahhhhhhhhhh!” Löwen hatten es mir seit diesem Buch angetan. Obwohl der Glückliche Löwe überhaupt nicht wahhhhh macht. Im Gegenteil, er ist immer freundlich, wenn er höflich gegrüßt wird. “Guten Tag, Glücklicher Löwe.” Das mag der alte Zausel hören. Alle mögen ihn und besuchen ihn im Stadtzoo. Merkwürdig nur, dass allen Stadtbewohnern die gute Kinderstube abhanden kommt, als der Glückliche Löwe die Gelegenheit für einen Spaziergang in der Stadt wahrnimmt. Niemand grüßt ihn. Alle rennen schreiend weg. “Ich merke schon, die Leute in dieser Stadt sind verrückt geworden”, denkt sich da der Glückliche Löwe und vermisst seine Freunde.

Der Glückliche  Löwe macht richtig Spaß beim Vorlesen. Den Löwen kann man freundlich brummeln, manchmal aber wird es laut, wie z. B. hier: “Oh la la! Schrie Madame Pinson und warf ihre Einkaufstasche mitsamt dem Gemüse dem Löwen ins Gesicht. Ha-a-a-a-tschiiiiii, nieste der Löwe.” Ich finde das köstlich. Madame Pinson ist die, die immer abends am Musikpavillon saß und strickte. Es gibt auch noch den Lehrer, Herr Dupont und natürlich Franz, des Wärters Sohn und bester Freund des Glücklichen Löwen. Franz allein hat das Zeug, höflich zum Glücklichen Löwen zu sein, auch wenn dieser auf Freigang ist. Was die Feuerwehr nicht schafft, macht er mit links. Franz geleitet den Glücklichen Löwen in sein Gehege zurück. Franz: “Wollen wir miteinander in den Park zurückgehen?” – “Ja, das wollen wir”, sagte der Glückliche Löwe zufrieden. Und jetzt, ja jetzt winken sie alle dem Löwen, aber nur mit sicherem Abstand. Da hatten wohl einige Muffensausen.

Der Glückliche Löwe von Louise Fatio & Roger Duvoisin, neue Ausgabe 2004 KeRLE im Verlag Herder

Tigerprinz

Mittwoch, 21. Juli 2010

“Der Tigerprinz” von Cheng Jianghong zählt zu den gewaltigsten Büchern in unserem Regal. Die Geschichte über Vertrauen und Respekt hinterlässt einen kleinen Kloß im Hals. Für ein Kinderbuch geht es hier wirklich sehr existenziell zur Sache.

Jäger töten die Kinder einer Tigermutter. Jetzt ist ihr das  “Herz schwer von Hass und Verzweiflung” und so greift  sie die Menschen an. Als der König seine Soldaten zusammenruft, bekommt er von der alten, weisen Lao Lao einen Rat: Anstatt mit Krieg zu antworten und die Tigerin noch mehr zu reizen, soll er seinen kleinen Sohn Wen schicken. Die alte Frau beteuert, dem Jungen würde nichts passieren. Während das Königspaar verzweifelt ist, zeigt Wen keine Spur von Angst. So kommt es: Der Vater vertraut der weisen Frau, bringt sein Kind an den Rand des Urwalds und lässt ihn ziehen. Als die Tigerin den kleinen Wen findet, erinnert sie sich an etwas. Sie nimmt ihn ins Maul, beschützt ihn und lehrt ihn alles, was kleine Tiger wissen müssen.

Aber die Eltern von Wen sind krank vor Kummer. Schließlich schickt der König doch die Soldaten und es kommt zur Konfrontation. Wen beschützt die Tigerin und macht schließlich seine beiden Mütter miteinander bekannt. Der inzwischen große Junge  erklärt der Tigerin, dass er zurück in den Palast muss, um auch zu lernen, was ein Prinz wissen muss. Jedoch besucht er die Tigerin jedes Jahr und eines Tages übergibt er ihr voller Vertrauen sein erstes Kind. Es soll bei ihr alles lernen, was ein Tiger wissen muss, denn nur so wird auch aus ihm einmal ein guter König.

Man muss dieser Geschichte gar nichts hinzufügen. Sie steht für sich. Die Tuschezeichnungen auf Reispapier strahlen eine geheimnisvolle Ruhe aus. Am Ende des Buches schlägt man es wieder von vorne auf, weil man nicht genug kriegen kann und weil man irgendwie nicht richtig glauben kann, was in dem Buch geschieht. Es ist fantastisch: Einfach so in die “Höhle des Löwen” gehen und Dinge verändern. Die Augen von Herrn Urz jedenfalls hat der Tigerprinz verändert, sie sind nach der Lektüre runder und wacher gewesen.

“Der Tigerprinz” (2005 Moritz Verlag) wurde 2006 mit dem Rattenfänger-Literaturpreis Hameln ausgezeichnet. Ein anderes Buch von Jianghong: “Han Gan und das Wunderpferd” (Beltz & Gelberg), erhielt 2005 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Darin springt ein Pferd aus einem Gemälde und flieht vor den Schrecken der Welt in ein anderes Bild. Auch hier umgibt den Leser diese geheimnisvolle Poesie, die noch lange im Kopf zurückbleibt.

Macht Geschenke

Montag, 21. Juni 2010

O ja, Geschenke haben Macht. Niemand kann sich gegen Geschenke wehren. Bekommt man einen scheußlichen Rock, ist man verdammt, diesen zu tragen, zumindest im Beisein des Schenkers. Nur wer sich was traut, weist Geschenke zurück.

Die Leipziger Professorin für Medienkunst, Christin Lahr, schenkt dem Bundesministerium für Finanzen jeden Tag einen Cent – und das seit einem Jahr. Angelegt hat sie ihr Projekt auf 43 Jahre. In den Betreffs der Überweisungen vermerkt sie Zitate aus dem “Kapital” von Karl Marx. Sie enden abrupt, weil die Betreffzeile nur wenigen Zeichen Platz bietet.

Als Kind verstand ich es nie, wieso es so viel Armut auf der Welt gibt. Ich dachte immer, wenn jeder Mensch auf der Welt eine Mark gibt, dann würde doch so viel Geld zusammen kommen, dass man alles in Ordnung bringen kann. Die tägliche Überweisung von Lahr aber verursacht bürokratischen Aufwand. Jedoch liegt ihr destruktives Handeln fern. Sie interessiert sich für tief liegende Strukturen in unserer Gesellschaft: Geschenke erfordern immer eine Gegenleistung. Dabei wird der Wert oft mit dem Preis verwechselt. Was kann ein klitzekleiner Cent anrichten???

Hier geht’s zum Projekt: www.nonresident.de

Danke dem Leipziger Stadtmagazin www.kreuzer-leipzig.de für die Anregung!

“Heimsuchung” von Jenny Erpenbeck

Freitag, 18. Juni 2010

Der Gärtner schneidet die Büsche, gießt die Rosen, legt Drainagen unter Erde, um die Bäume besser zu bewässern. Im Herbst verbrennt er das überschüssige Laub. Er verbindet die Bäume, damit die Rehe nicht an der Rinde knabbern. Er tut, was im Frühling, Sommer, Herbst und Winter getan werden muss, Jahr ein, Jahr aus. Ein stetes Gedeihen und Vergehen auf dem Grundstück rund um das Haus am Märkischen Meer.

Verlassen die Hausbesitzer im Winter ihre Sommerfrische, stellt der Gärtner das Wasser im Haus ab. Der Sommer kommt und geht, genauso wie die Besitzer des Grundstücks, des Hauses, des Badehauses, des Obstgartens. Kommen und gehen, aber niemals scheinen die Besitzer anzukommen. Ihre Schicksale sind geprägt von Träumen, Ängsten, Realitäten. Letztere ändern sich mit der Zeit: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazizeit, Krieg, DDR, Wende…

Die Menschen, deren Lebensgeschichten dieses Haus kreuzen, sind nie Sieger. Das Haus wird heimgesucht von Emporkömmlingen, es erduldet Straftaten, es hütet Geheimnisse. Das Haus ist ein Kleinod mitten in ergreifend schöner Natur und doch findet niemand hier den ewigen Frieden, niemand eine dauerhafte Heimat.

Am Ende, wenn das Haus kaputt ist, muss auch der Leser Abschied nehmen von diesem Haus, von dem er inzwischen jedes Detail kennt. Das Haus ist ihm vertraut geworden, genauso wie seine Menschen. Zum Beispiel Klara, die nicht dazu kommt, das Grundstück in eine Ehe mitzubringen, weil sie vorher wahnsinnig wird. Oder der Architekt des Hauses, der zur Gruppe Albert Speer gehörte und dessen Frau früher eine Zirkusprinzessin werden wollte. Ein Rotarmist bohrt am Ende des Krieges mit nur einem Wort ein Loch in ihre Ewigkeit. Der Tuchfabrikant und seine Familie enden in den Gaskammern. Ein Ostdeutsches Schriftstellerehepaar arrangiert sich. Der heiß geliebte Kinderfreund wird später als Mann verschmäht. Die Unterpächter lieben das Segeln, nach all den Jahren im Gefängnis, weil die Flucht in jener Nacht missglückte.

Noch tagelang gehen einem diese ganzen Schicksale im Kopf herum. Es ist ganz richtig im Klappentext zu “Heimsuchung” von Jenny Erpenbeck bemerkt: “Worin das Geheimnis dieses Romans besteht, woraus sich sein Glanz, seine Wucht und seine eminente Dramatik entfalten, ist schwer zu sagen.” Die poetische Sprache, die eigene Atmosphäre der verschiedenen Kapitel, die psychologische Tiefe, die erst mit der Zeit hinter den Figuren hervortritt – all das berührt.

Ich habe lange nicht mehr so ein beeindruckendes Buch gelesen.