Veränderung in der Stadt

Seit über 20 Jahren wohne ich in der Südvorstadt, mal mehr weiter unten an der Karl-Liebknecht-Straße, mal mehr weiter oben. Seit einiger Zeit betrachte ich die Entwicklung meines Kiezes mit Sorge. Altbackene, schrullige, leicht-ranzige Elemente verschwinden peu á peu von der Flaniermeile in Richtung Süden. Zurück bleiben die Tüchtigen, die alles besser machen. Es scheint, als würde die älteste Ladengeneration langsam wegbrechen. Oder werde ich einfach nur alt? Jüngstes Beispiel: Farben Knobloch – für mich bisher überlebenswichtig, weil eine Farbmischmaschine in nächster Nähe – hat dicht gemacht. Geblieben ist das einzigartig-hässliche Türendesign:

Hier verkaufte das wohl unfreundlichste Verkäufer-Paar der Straße. Die Farben-Knoblochs ersparten ihren Kunden das ganze Marketing-in-den-Popitsch-Gekrieche und zogen konsequent ein langes Gesicht, wenn vorn die Bimmel einen Eintretenden verkündete und einer der beiden von hinten nach vorne musste. Von ihnen in Anspruch genommene Dienstleistungen kommentierten sie gern mit Warnungen wie: “Das dauert aber!”  Aber sie wussten, was sie taten und sagten, schließlich gab es ihr Geschäft seit 1876. Nun hat hier ein stinklangweiliger Kabel-Deutschland-Shop eröffnet – wie aufregend. In der jahrzehntelang tapferen Galerie Süd nebenan sollen wohl auch die Betreiber gewechselt haben, dort wird seit zwei Monaten gemalert.

Ebenfalls Ende letzten Jahres seine Pforten geschlossen hat der gute alte Konditor Böhlig mit seinem herrlich schrunzigen Oma-Café. Es ist vorbei mit dem mintfarbenen Muster auf den Polstern und den Orchideen im Schaufenster. Die Location wurde von einer Filiale jener zahlreichen Großbäckerei-Ketten geentert, von denen auf der Karli mittlerweile aller 20 Meter eine ihre Pfannkuchen feil bietet. Wer braucht das? Die Zeiten des selbst konfiserierten Böhlig-Champagner-Trüffels für zwischendurch sind jedenfalls vorbei.

Früher, als ich vorübergehend in Frankfurt Main arbeitete, latschte ich, wenn ich des nachts gegen 23 Uhr auf dem Bahnhof ankam, die ganze Karli zu Fuß hoch – vor lauter Freude wieder daheim zu sein. Besser, ich trank mich die ganze Straße hoch, denn an jedem Freisitz traf ich Bekannte, mit denen ich noch ein Glas… Das dauerte meist bis in die frühen Morgenstunden.  Meine Frankfurter Kollegen fanden das damals unglaublich: “Gibt’ s doch gar nicht!” Gab es wohl. Wenn auf der Karli allerdings das hier eintritt, könnten solche Nachhausewege schwierig werden.

Und auch Ingolfs Bierchen hat das Weite gesucht. Dort verlebte ich einmal während der ersten Jahre meines Studiums einen fulminanten Abend. Es war ein Sonntag, das weiß ich noch und weil unser Kühlschrank komplett leer war, kratzten wir unser letztes Geld für eine Karlsbader Schnitte zusammen. Wir landeten bei Ingolfs Bierchen weil es 1992/93 noch nicht so viel Auswahl  an Etablissements gab. Die NATO muss zugehabt haben, sonst wären wir dort karlsbadern oder würzfleischen gegangen. An jenem besagten Abend in Ingolfs Bierchen ließ uns ein gewisser Kai-Uwe durch den Wirt zwei Schnäpse an den Tisch bringen. Kai-Uwe trug einen fliederfarbenen Popeline-Anzug und zog immer geräuschvoll die Luft durch die Zähne. Kai-Uwe hatte sich wohl in seinen Spendierhosen allerlei für diesen fulminanten Abend erhofft. Wir mussten ihn enttäuschen. Später entpuppte sich Kai-Uwe als Besitzer einer Imbissbude ein Stück die Straße runter. Dort drohte er uns noch eine ganze Weile mit der Faust aus dem Budenfenster, wenn wir ihn passierten – sicher aus Wut über die umsonst ausgegebenen Schnäpse. Ingolfs Bierchen aber lebte weiter – bis letztes Jahr. Nun residiert dort eine Sportkneipe. Ähm…  Sport und Kneipe? Geht das überhaupt zusammen? Jedenfalls wird nun an diesem stilechten Fenster kein Schlucki für unterwegs mehr verkauft. Auch hier wird jetzt gelounget. Das muss wohl besser sein als saufen.

11 Gedanken zu „Veränderung in der Stadt

  1. Text-Burger

    Yvette, sehr löblich, sehr löblich :-) Bei Eisenpauli haben wir auch schon speziellste Einzelschrauben gekauft. Großartig.
    Übrigens gibt es auch noch auf der Karli zwei Uralt-Uhrmacher der alten Schule und einen schönen alten ranzigen Schuhmacher.

  2. Yvette

    Ihr Alle,
    gestern bei Eisen-Pauli: 10 min Beratung incl. Modellmalen und -klopfen (“soll es soo aussehen? Oder eher sooo? Hört sich die Wand so an? Oder sooo?”) und dann zwei Dübelchen für 80 ct … . Ich war entzückt, berührt und auf der Strasse erinnerte ich mich dieser Diskussion und bin umgekehrt: Ich hab einen Superspezialkleber für € 8 gekauft … nur wegen Umsatz und Erhaltung. Also, Ihr Lieben Weiber und Männer: Der Laden ist Spitze und wenn ihr nicht wegen jedem Nagel nach Markkleeberg wollt – hin und kaufen kaufen kaufen … sonst – na ihr wisst schon, ich hab noch keinen Pfannkuchenverkäufer nebenan gesehen!
    Und wer was zu kleben hat, immer ran!

  3. Text-Burger

    @Prochaine: Ich muss mich berichtigen: Die lachenden Schweine waren nicht bei Fleischer Haeder, sondern bei Fleischer Lasch. Haeder gibt es ja noch.

  4. Text-Burger

    @prochaine: Aber hallo, die Heinze-Straße ist ein Kapitel für sich. Da hab ich auch schon gewohnt. :-)
    Schön war übrigens auch der frühere Fleischer Häder auf der Karli mit den lachenden Schweinen im Schaufenster. Die hatten sich vor Lachen gekugelt, diese Schweine.

  5. prochaine

    ich lauf in connewitz auf der wolfang-heinze-straße immer an einem fleischer vorbei, der in seinen riesengroßen schaufenstern kleine pyramiden mit letschogläsern, maisdosen oder/und corned-beef-büchsen errichtet. total schrullig – das ist es wohl, was der südvorstadt abhanden kommt. warum bezahlen dann aber trotzdem alle die teuren mieten?

  6. anja

    Farben-Knobloch ist jetzt Kabel Deutschland – das hab ich auch gesehen…
    Da muss ich doch gleich diese Woche zu Korb Werner und durch den Kauf von Strick-Socken und ebensolchen Mützen für die Brut den Umsatz ankurbeln. nicht dass die die nächsten sind…

  7. Text-Burger

    @Hansi: Genau! Aber vielleicht… könnte sich ja jemand dort Fernsehen beschaffen, dann Tine Wittler gucken und dann voll inspiriert zum… na ja… Baumarkt fahren und auf dem Weg dahin die Liebe seines Lebens treffen, die er im Farbengeschäft nie getroffen hätte… Ich glaube, das reicht.

    @Andrea: Ja, 20 Jahre hier und trotzdem 5 Mal umgezogen – das Intermezzo in Frankfurt nicht eingerechnet.

  8. Andrea

    Hm, Leipzig hat sich sowieso schwer verändert, finde ich. Aber dass die echten Geschäfte langsam wegbrechen, die spezialisierten, ist überall so. Man kann ja alles in Supermärkten und online kaufen … Da kommt dann kaum noch jemand auf die Idee, einen solchen Laden aufzumachen oder von jemandem zu übernehmen.

  9. Hansi

    Der Wegfall des Farbgeschäftes ist wohl DAS Kennzeichnen für den voran schreitenden Paradigmenwechsel: Standen dort früher Dinge zum Verkauf, mit denen man, wenn nicht kreativ, doch wenigstens in irgendeiner Weise TÄTIG sein konnte, wird dort nun die Zugangsmöglichkeit zum bloßen Rezipiententum angeboten. Wir lassen uns das Leben einfach so aus den Händen nehmen. Traurig.

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