Ein gutes Buch: Suna

Pünktlich zur Buchmesse möchte ich heute ein Buch empfehlen. Es ist noch ganz frisch, erst am 29. Februar erschienen. Die Autorin Pia Ziefle kenne ich aus meinem Netzwerk Texttreff. Letztes Jahr zur Buchmesse war Pia noch auf der Suche nach einem Verlag. Dieses Jahr reist sie bereits mit ihrem ersten Roman nach Leipzig.

Das Buch begleitet Suna durch sieben schlaflose Nächte, in denen sie ihrer neugeborenen Tochter eine Geschichte erzählt. Es ist die Geschichte von Suna und gleichzeitig ist es die ihrer kleinen Tochter. Denn es geht darin um Familie, um Wurzeln, um Dinge, die sich nicht leugnen lassen. Und Suna heißt außerdem noch Luisa und Marina. Drei Namen für eine Frau, bekommen von verschiedenen Elternteilen. Luisa hat mehrere Eltern. Sie ist ein bisschen türkisch, ein bisschen deutsch und “restjugoslawisch“. Aber jetzt hat sie eine kleine Tochter, die nicht schläft. Sie schläft nie. Es ist zum Verzweifeln. Der Dorfarzt attestiert: „Sie kann keine Wurzeln schlagen. Finden Sie ihre“. Viel mehr will ich vom Inhalt gar nicht verraten.

Luisas Wurzeln wuchern wild. Auf die Welt gekommen ist sie durch den türkischen Gastarbeiter Kamil (mit Dichterhänden) und der serbischen Julka (mit einem schielenden Auge). Später wurde sie adoptiert („amputiert“) von Johannes (Einzelgänger mit Bestnoten) und Magdalena (lehnt das Gewöhnliche ab). Pia Ziefle erzählt alle Lebensgeschichten, welche die Aufziehenden mit sich herum schleppen. Da gibt es halbe Mägen, Schuldgefühle, ordentliche Wäscheschränke, Traditionen, Konventionen, Lügen, Schwierigkeiten mit der Sprache, Verluste, Ängste, Verlustängste… All diese Dinge gehören zu höchst unterschiedlichen Menschen. Und diese Menschen liegen wie Pünktchen auf einer Gerade (laut Mathematik: Eine gerade, unendlich lange, unendlich dünne und in beide Richtungen unbegrenzte Linie). In Luisas Erzählung tauchen viele Pünktchen auf, die aber alle durch eine Linie verbunden sind. Das ist die Familie. Wurzeln. Herkunft. Erbe. Schließlich: das Leben. „… wozu sollte ein Leben wie meines denn nütze sein, nur Leid und Verlust sagte ich, wer könnte denn etwas haben davon?“ – „Du selbst, sagte Tom, du kannst lernen und daran wachsen.“ (S. 226) Darin liegt für mich der Knackpunkt des Romans.

Was mich beim Lesen mit größter Zufriedenheit erfüllte, ist Pia Ziefles klare Sprache. Wie ich das liebe, wenn jemand erzählen kann. Man möchte zu Luisas Füßen Platz nehmen und ihrer Stimme lauschen. Sie nimmt mich mit, eröffnet mir Welten und reiht die Geschichte (die ganz große) mit ein. Weltkrieg, kommunistische Bauern, Einwandererpolitik, Wirtschaftswunder, Emanzipation, Srebrenica… Auch an der Geschichte kommt im Leben keiner vorbei. Sie stellt Dinge mit den Menschen an. Am Leben sind immer (mindestens) zwei schuld. Der Sinn des Lebens liegt in allen Beteiligten. Den zu suchen aber, macht stark und mutig. Nur wer Mut hat, kramt in seinem Gepäck. Aber Vorsicht: Der Inhalt kann Spuren von Liebe enthalten.

Pia Ziefle: Suna, Ullstein 2012

5 Gedanken zu „Ein gutes Buch: Suna

  1. anja

    das klingt als würde ich es dringend gern lesen. und ich lese auch dich immer gern 🙂
    bis ganz bald wieder!

  2. Pingback: Leserstimmen.

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