N wndrbrs Bch – echt nokker für Sprachgebra

Gleich vorweg: Ich wurde selten so eindringlich aufgefordert, Sprache zu verhunzen. So das Spiel „Schlechte Deitsch“ (S.36), in dem man absichtlich alles falsch schreibt und zur Freude anderer auch noch öffentlich vorliest. Wenn die „Gut-Sprechenden“ über „EischoggEYmanSCHAPFT“ oder „Mein schäändsd Fährjenn-Erläpniss“ schimpfen, beruhigt Timo Brunke seine Leser: „Solche Erwachsene glauben, die Sprache für sich gepachtet zu haben. Vielleicht trauen sie ihr auch einfach zu wenig Humor zu.“ Das ist doch mal eine Ansage, die mir gefällt! Dabei begreift Brunke unsere Sprache mit all ihren unterschiedlichen Wörtern als unbezahlbaren Schatz. Das wird auf jeder Seite dieses Buches deutlich –  schon mit der Bastelanleitung für Schächtelchen und der Hinweis zur Anschaffung eines „Prachtbuches“ – beide Sachen dienen zur Aufbewahrung des Wort- und Geschichtenschatzes, der mit diesem Buch entstehen kann.

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Timo Brunke spielt mit Wortpartikeln wie ein Weltmeister. Wunderbare Spiele wie „Flgzg-Gedichte“ (S.29), „Wörterwirbel“(S.30) und „Schokol“ (S.31) haben übrigens meine Überschrift inspiriert. Aber es gibt nicht nur Spiele mit Wörtern und Reimen. Es finden sich viele theatrale Elemente und oft die Ermunterung, seine Ergebnisse vor Publikum zu schulen. Genauso reichhaltig behandelt das Buch Spiele, die Beobachtung und Phantasie schulen, zum Beispiel „Höhle des Grauens“ (S.52): Hier stellt man sich seinen Mund als eine Art Höllenschlund vor und schreibt auf, was da drinnen alles passieren kann. Brunke bedient sich auch öfter „Kunstfabrizismen“ des Dada- und Surrealismus, z. B. taucht meiner Meinung nach auf Seite 66 etwas Ähnliches wie ein „objet trouvé“ auf. Bei manchen Sprachspielen ließ sich Herr Brunke von anderen inspirieren und so richtet er gleich auf der jeweiligen Seite seinen Dank an Hugo Ball, Moni Port, Christa Wolf oder Philipp Waechter, um nur einige zu nennen. Das eröffnet den Leserinnen ganz nebenbei einen großen Lesekosmos.

Gibt es ein verbindendes Element in „10 Minuten Dings“? Ich behaupte: Veränderung! Man muss den Mut haben, mal alles zu verändern: Perspektive, Sprechweise, Herangehensweise, Regeln, den Ort, Fortbewegungsweise, Ansichten… einfach alles. Auf diesem Weg entsteht etwas Neues. Das Schöne an diesem unglaublich tollen Buch ist, dass Herr Brunke bei all den vielen Ansätzen und Möglichkeiten nirgendwo die ultimative Art und Weise von Schreibpraxis und Geschichten propagiert. Alles ist möglich und alles besitzt Schönheit. Abschließend bemühe ich einen typischen „Phantasie-Weitsprung“-Schlagabtausch (S.83) und antworte auf „Fleischeinlage“ mit „Frisurenmarathon“.

„10 Minuten Dings“ ist in einzelne Abschnitte unterteilt: „Wörter – Finden und Erfinden“, „Wunder – Beobachten und Entdecken“, „Witz – durch Zufall und Wagemut“ und „Welten – Verwandeln und Erschaffen“. Illustriert wurde „10 Minuten Dings“ von der Leipziger Illustratorin Susann Hesselbarth und zwar ziemlich charmant. Die feinen Linien, mit denen das ganze Buch durchzogen ist, inspirieren zum Gleich-Drauflos-Schreiben.

Timo Brunke: „10 Minuten Dings – und andere Ideen zum Leben und Schreiben“, Illustrationen von Susann Hesselbarth, Klett-Kinderbuch 2013, 102 Seiten, 13,95 Euro, ISBN: 978-3-95470-072-1, ab 9 Jahre und für jedes Alter

 

2 Gedanken zu „N wndrbrs Bch – echt nokker für Sprachgebra

  1. Katja

    Herzlichen Dank für diesen Tipp!

    Ich habe das Buch nach dem Lesen dieser Rezension sofort bestellt (die Buchhandlung hatte es sogar vorrätig, was sagt man dazu?).

    Schon gestern Abend haben wir zu dritt viel Spaß mit Wörterwirbel und Wenn-dann gehabt. Am schönsten war allerdings die Freude im Gesicht unseres Sohnes, der hatte so einen Spaß und hat so gelacht, herzerwärmend und zutiefst beglückend! Ins Bett wollte er erst, als wir ihm versprochen hatten, er dürfe das Buch als Bettlektüre mitnehmen…

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