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Die Raumerweiterungshalle

War ich letztens in Gera. Guck ich dort aus dem Fenster. Denke, dieses Gebäude, dem Abriss geweiht, erinnert mich an dieses Ziehharmonika-Ding. Das hieß früher in der DDR Raumerweiterungshalle - gibt es hier zu bestaunen. Die auf dem Foto ist glaube ich keine richtige Raumerweiterungshalle. In Ermangelung an Raum wurde früher einfach die Raumerweiterungshalle an den gewünschten Ort transportiert und wie ein Teleskop ausgezogen. Fertig war der Kiosk, Konsum oder die Kantine. Praktisch. Mit einer Raumerweiterungshalle könnte man ruckizucki Brachen, Plätze und Baulücken mit Leben füllen. Man könnte überall Weihnachtsfeiern ausrichten, Theater spielen, Vorträge halten, kleine Ausstellungen zeigen und Menschen einen Raum bieten, die selber keinen haben. Aber wahrscheinlich würde es immer Leute geben, die diese charmanten Raumerweiterungshallen mit samt ihren Inhalt zerstören. Als eine dieser Hallen vor ein paar Jahren in Plagwitz, hinterm Jahrhundertfeld stand, war ich einmal dort und lauschte einem Vortrag. Wenig später wurde sie durch Brandstiftung zerstört. So ist das.

Männerberufe

Wenn ich am Samstagnachmittag in der Netto-Filiale in der Bernhard-Göhring-Straße stehe, frage ich mich, wieso die gesamte Südvorstadt genau dann einkaufen geht, wenn ich nur mal eben schnell eine Flasche (Inhalt bleibt geheim) holen will. Und natürlich stelle ich mich dann auch noch genau in die Kassenschlange, die etwas später wegen einer technischen Panne am längsten braucht. Dort hatte sich ein Bon mit falschen Informationen im Computer verfangen. Der sehr junge Mann an der Kasse begann zu schwitzen und versuchte, stur auf den Bildschirm starrend, das Problem zu lösen. Dann drehte sich die erfahrene Kassiererin von nebenan zu ihm hin, um ihm zu helfen, derweil wurde auch ihre Warteschlange immer länger (insgesamt gab es vier Kassen mit vier Warteschlangen). Dann brauchte der Kassierer auch noch eine Autorisierung und telefonierte deswegen. Es dauerte halt seine Zeit. Was machen derweil die Wartenden in der Schlange? Die gerade unmittelbar an der Zeitschriftenecke stehen, haben es gut. Pragmatiker gehen gleich mal die Gästeliste für die diesjährige Einschulung ihres Kindes durch. Andere fangen an zu reflektieren: Wann habe ich das letzte Mal so richtig lange angestanden? Da kann es leicht historisch werden und ein Exkurs durch die DDR-Einkaufskultur frischt ostdeutsche Befindlichkeiten auf. Wieder andere spannen ihre Chakren beim Anstehen an und machen Yoga. Viele holen das Handy heraus und simsen spannende, kleine Texteinheiten wie: "Boah ich steh grad voll lange an im Netto." oder "Bin gleich da." oder "Vor mir steht ein echt süßer Typ." Aber es gibt immer genügend Leute, die in so einer Situation anfangen zu meckern, obwohl die Sache nun mal nicht zu ändern ist und dadurch auch nicht besser wird. Am schlimmsten aber sind die, die erst so angepisst mit der Zunge schnalzen und dann einen Stöhner hinterher schicken. Und das immerzu und mit gesteigerter Lautstärke. Dazu treten sie von einem Bein auf das andere, als ob sie nötig auf die Toilette müssen, sich aber nicht trauen, das öffentlich auszusprechen. Der Kassierer ließ sich von diesem Verhalten sichtlich verunsichern. Seine Hände zitterten und er zog die Produkte betont sorgfältig über den Scanner. Genau hinter mir aber stand ein altes Ehepaar, die anscheinend den Volldurchblick hatten. Kopfschüttelnd sah sie auf den Kassierer und raunte ihrem Mann zu: "Das ist doch ein Mann, ist eben nicht sein Fach!" Ist das jetzt Emanzipation?

Bitte nicht übertreiben!

Manchmal wundere ich mich ja. Ich entdecke in meinem Umfeld einen Trend zum Überschwenglichen. Und da meine ich jetzt nicht die derzeit heiß diskutierten Themen wie massenweise weggeworfene Lebensmittel oder die Gier von Investmentbankern. Ich meine die kleinen Gesten des Alltags, die sich plötzlich aufplustern. So passiert es mir immer häufiger, dass sich Leute an die Hauswand pressen, wenn ich mit dem Fahrrad auf dem Fußweg fahre. Dabei ist für alle genug Platz. Ich betone: genug Platz! Nun ist aber das Fahrradfahren von Erwachsenen ja eine unerhörte asoziale Handlung, der man sich empört entgegen stellen muss. Gut ist, wer es schafft, der Fahrradfahrerin ein schlechtes Gewissen zu unterbreiten. Deshalb springen Fußgänger zur Seite, pressen sich an die Hauswand  und schütteln dabei ungläubig mit dem Kopf während die Fahrradfahrerin (die eigentlich auf die Straße gehört) vorbei fährt. Das nenne ich: Besonders breite Finger in geschlossene Wunden bohren. Oder eine andere Situation: das Bezahlen mit EC-Karte in Geschäften. Bitte geben Sie Ihre Pin ein, säuseln die Verkäuferinnen an der Kasse und schon sind sie von der Bildfläche verschwunden. Sie zeigen mir ihre Hinterseite, pressen sich an die Wand und schirmen noch zusätzlich mit beiden Händen ihr Gesicht ab, falls die Pin-Zahlen um die Ecke winken. Bitte: Diskretion kann man doch diskret zeigen. In solchen Momenten steht man als Kunde völlig allein gelassen da. Ich weiß nicht, ob die Verkäuferinnen wissen, wie lange es dauert, eine Pin einzugeben, ob sie genau wissen, wann sie sich wieder umdrehen können - vielleicht zählen sie innerlich bis vier? Jedenfalls steht der Kunde ( z. B. ich) brüskiert da, starrt auf den Hintern der Verkäuferin und denkt (statt geflissentlich die Pin einzugeben): Jetzt könnte man sich ganz schnell Waren schnappen und raus rennen. Was ich natürlich nicht mache, denn ich weiß wo der Übermut seine Grenzen hat. Also liebe Fußgänger, liebe Verkäuferinnen, liebe Alle: Weniger ist manchmal mehr!