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Tunnelblick

Seit Jahrzehnten (o.k. fast ein bisschen übertrieben) ziehe ich in meinem Kiez von links nach rechts und zurück, immer an der Karli verbleibend. Deswegen kenne ich diese Straße auch ziemlich gut. Umso größer war mein Erstaunen, als ich letztes Wochenende um die Häuser zog. Mal abgesehen von den hässlichen Baustellen, deren Endprodukt diese Straße auf ewig verkrunksen wird, waren da wie über Nacht komplett neue Kneipen eröffnet. Hab ich gar nicht bemerkt, dachte ich bei mir, dabei bin ich hier doch mehrmals die Woche unterwges. Aber es hat sich etwas verändert. Musste ich vor Mitte Dezember auf dem Weg ins Nachbar-Halle mit der Straßenbahn zum Bahnhof fahren, um dort in den Zug zu steigen, nutze ich inzwischen den City-Tunnel. Das heißt, ich wackele nur ein paar Minuten hoch zum Einstieg beim Mitteldeutschen Rundfunk und fahre von dort direkt bis nach Halle durch, ohne Umsteigen - und bis zum Bahnhof unter Leipzig durch. Es ist einfacher und bequemer. Ja. Aber wie man nun sieht, entfremdet mich dieses Verkehrsmittel meiner Wahlheimatstadt. Wenn aber zukünftig immer Verlass ist auf die S-Bahn, und nicht früh am Morgen eine Minute vor Abfahrt über die Anzeige kund tut, dass der nächste Zug mal wieder ausfällt... wenn die neue S-Bahn vor allen Dingen genügend Plätze für alle Mitfahrer parat hat (ich meine ALLE), ohne dass die Hälfte stehen muss und bissige Streite zwischen den Reisenden-mit-Fahrrad und Reisenden-ohne-Fahrrad die Luft verpesten ... dann verzeihe ich ihr das vielleicht. Also, liebe S-Bahn, streng dich bitte an. Heute früh genoss ich auf dem Weg zum City-Tunnel-Zustieg MDR einen wundervoll nebligen Blick:

Der Kohlrabi-Zirkus mit seinen zwei Kuppeln (doch es sind zwei, bitte genau hinschauen):

P1040833Die russische Kirche schmollt im Hintergrund wie ein riesiger, eingerüsteter Schatten:

P1040835Ein Teil des MDR's neben dem Gasometer, wo es derzeit ein 360°-Panorama zur Völkerschlacht zu glotzen gibt:

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Hinschauen

Durch einen Job bin ich im Dezember viel herum gekommen. Für Interview-Tonaufnahmen war ich in Coswig, Senftenberg, Hoyerswerda, Bad Liebenwerda, Schwarzkollm, Plessa, Großenhain und Lauchhammer. Ich habe so viele Leute kennen gelernt, die mir über ihre Arbeit erzählten, über Traditionen ihrer Region, über Geschichte und Kultur, über das, was sie aufgebaut haben. Teilweise wussten diese Menschen so viel über die Gegend, aus der sie stammen, oder in die sie durch ihre Arbeit gekommen sind. Das war interessant, bewegend, erheiternd. Und ich dachte, meistens ist es doch gut dort, wo man ist. Man muss nur genau hinschauen. In Lauchhammer habe ich auf den Boden geschaut, neben der Eisen- und Bronzegießerei, die es dort seit ca. 300 Jahren gibt. Da habe ich das hier gefunden: P1040805Es ist ein Stück Schlacke, das beim Gießen entsteht. Die Oberfläche ist wundervoll blau. Ein wunderschön anzusehendes Stück Abfall. Ich werde es mir aufheben.

Die alte Dame und die Arbeit

Manchmal muss man durch Jobs, die wenig glamourös sind. Zum Beispiel unbedeutende Artikelchen für klitzekleine Betriebszeitungchen schreiben. Trotzdem mag ich ganz oft genau diese Jobs, denn sie haben große Momente. Vor einiger Zeit sollte ich für eine Mitgliederzeitschrift über ein Jubiläum einer alten Dame berichten, sie zählte 97 Jahre. Ich saß nicht länger als eine Dreiviertelstunde in ihrem Wohnzimmer und es war schwer, ein angeregtes Gespräch einzuleiten. Außer uns befanden sich noch drei andere Leute im Raum und die festliche Stimmung über das Jubiläum wurde geschürt. Sie saß vor mir, nervöse Löckchen schimmerten auf ihrem Kopf, ihr Blick war angstvoll. Sie war bei klarem Verstand, aber sehr aufgeregt und ich hatte den Eindruck, dass sie nicht alles verstand, was wir redeten. Wir sprachen über ihr Leben und das erste, was sie erzählte, was also sofort in ihrem Kopf auftauchte, war, dass ihr erster Mann im Krieg starb. Weil der zweite Ehemann nicht der Vater ihres ersten Sohnes war, musste sie in einer Telefonzentrale arbeiten gehen, damit sie mit diesem ersten Sohn ihrem Mann nicht auf der Tasche lag. Das fand ich wirklich sehr deprimierend. Sie schaute dabei auch mit diesem Blick, einerseits ergeben: Es musste ja sein! und andrerseits anklagend, weil es blödmännisch von ihrem zweiten Mann war. Aber als sie von ihrer Arbeit erzählte, blühte sie auf, begann zu lächeln. Denn es war die Arbeit, die ihr etwas gab gab, was sie sonst nirgendwo kriegte. Sie durfte als eine der wenigen jedes Jahr mit zur Leipziger Messe und dort Schnittchen für die hohen Tiere schmieren. "Was wir dort zu sehen bekamen!" Als sie das sagte, schaute sie mir direkt ins Gesicht. Abends gab es dort manchmal ein Schnäpschen, aber Westgeschenke durften sie nie annehmen. Ihr Erfolg rief damals Neiderinnen auf den Plan, die sich an Intrigen versuchten. Doch ihr Chef hielt zu ihr. Wie sie das sagte, habe ich den Stolz gespürt. Ich habe mich mit ihr gefreut und sie hat es gemerkt und da habe ich mich auch drüber gefreut. Sie hatte die Arbeit irgendwann doppelt gebraucht, denn auch ihr zweiter Mann verstarb recht früh und so musste sie zwei Jungen allein groß ziehen.Einer lebt noch hier in der Nähe, der andere ist mit seiner Familie in den Westen gezogen. Bald wurde das Gespräch flüssiger. Sie sprach von einer Flasche Sekt, die sie noch hätte und darüber, wie sie mit zwei Freundinnen Ramschrommé spielt. Sie zeigte mir die Aussicht von ihrem Küchenfenster und bewies, dass sie noch heute alle wichtigen Telefonnummern aus dem EffEff beherrscht - wegen des guten Trainings in der Telefonzentrale. Denn da, da hat sie gute Arbeit geleistet. Und zwischendurch bekam sie wieder diesen angstvollen Blick. Sie hatte Angst vor dem, was noch kommt. Mit viel leiserer Stimme erzählte sie, dass der Körper das Altwerden nicht so gut verkraftet. Bei solchen Jobs merke ich einmal mehr, dass mir meine Arbeit wirklich gefällt. Und ich denke, so wird es sein: Am Ende seines Lebens erinnert man sich vor allem an zwei Dinge, an die Familie und an die Arbeit. Die Arbeit, weil sie auch das Familienleben prägt, das Miteinander mit den Menschen der Umgebung bestimmt, weil sie Gedanken formt, zusammen bringt, auseinander treibt, neue Schiffe besteigen lässt, erfreut und nervt und ach so viel...

Vollzeitarbeit macht intelligent?

Der Begriff "Arbeit" gibt den Menschen nach wie vor große Rätsel auf. Eine neue Studie vom Arbeitsbereich Psychologische Diagnostik und Intervention der Freien Universität Berlin und von Wissenschaftlerinnen der Universität Granada (veröffentlicht in der der Zeitschrift Social Science Research ) hat mal wieder etwas heraus gefunden, was ich blöd finde. Wieso wird Männern eine höhere Gesamtintelligenz (schönes Wort) zugeschrieben als Frauen? Frau Prof. Tuulia Ortner in Spanien untersuchte mit ihren Kolleginnen die Einstellung von Studenten in Berlin und Granada. Das ungeheuerliche Ergebnis: In beiden Ländern wird dies zum Teil mit dem Berufsstatus erklärt: Weil im Gegensatz zu den Frauen viele Männer einer Vollzeittätigkeit nachgehen, werden diese automatisch intelligenter eingestuft. Teilzeitarbeit, Heimarbeit, Hausarbeit, Kindererziehung, Pflege von Angehörigen assoziieren die Befragten eher mit femininen Eigenschaften. Besonders bedrückend finde ich, dass es das Ergebnis einer Umfrage von Studenten ist. Ich dachte, junge, kluge Leute würden diese Arbeitskrake endlich durchschauen und verstehen, dass Arbeit Arbeit ist und angemessen bezahlt werden sollte, unabhängig, wo sie geleistet wird und von wem. Und dass man von der bürokratischen Form und Dauer der Arbeit nicht auf die Intelligenz des Arbeitenden schließen kann, sondern höchstens, wie er diese Arbeit verrichtet. Und dass sie vielleicht auch die Hintergründe bedenken, warum gerade nur ein Teil der Familie eine bestimmte Art von Arbeit übernehmen (muss), weil die Bedingungen für eine andere Lösung immer noch nicht gegeben sind. Ich finde, Frauen und Männer sollten sich das nicht gefallen lassen. Wo fängt Arbeit an und wo hört sie auf? Und ich frage mich: Was genau ist eigentlich nochmal Intelligenz?   (Quelle der Information: Informationsdienst Wissenschaft - sehr zu empfehlender Onlinedienst)