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Notiz

Hiddensee. Die Insel. Hidden – versteckt. Wie abgetrieben. Damals nicht korrekt auf der Landkarte verzeichnet, damit keiner weiß, wie weit es wirklich bis nach Dänemark ist. Hier spielt das Buch „Kruso“ von Lutz Seiler. Hier hat Kruso eine Utopie geschaffen. Alle, die auf die Insel kommen, auf der Flucht vor dem System der DDR, auf der Flucht vor sich selbst oder auf der Flucht vor dem „Stoff der Piloten“, stranden hier wie Schiffbrüchige und dürfen offiziell nicht bleiben. Die, die es wagen, sich in die See zu stürzen und Dänemark zu erreichen, werden verschwiegen. Kruso will sie alle retten. Sie müssen nicht sterben. Er will jeden von ihnen mindestens drei Tage versteckt halten auf der Insel. Hier tauchen sie in die Gemeinschaft der Saisonkräfte ein, bekommen Verstecke zugeteilt. Hier entdecken sie eine andere Freiheit, die innere. Das innerste Ich, die Wurzel, sie schält sich hier heraus. Das Ich, dass gefangen ist in Ohnmacht oder Angst oder… Nach diesen drei Tagen des Verstecktseins kehren die Schiffbrüchigen zurück, denn sie können nicht fliehen. Aber sie sind geerdet von dieser Gemeinschaft der Insel, die in diesem Buch so zärtlich beschrieben ist, dass man beim Lesen heulen muss. Zärtliche Rituale. Selbstverständlichkeit der Hilfe. Die „ewige Suppe“. „Kummergeruch“. Eine große Freundschaft. Liebe. Lest dieses Buch. Das wollte ich mal loswerden.

Ein Buch

Kurz vor Weihnachten ist es nun doch heraus gekommen: Ein Buch, an dem ich mitgeschrieben habe. Mein Vater dichtete Akrosticha und ich erkläre sie... sozusagen... mit Begleittexten. Ein Akrostichon ist eine spezielle Reimform (wird im Vorwort erklärt). Der Titel des Buches (erschienen im Erhard Lemm Verlag Gera) führt ein bisschen in die Irre. Es geht nicht nur um reussische Residenzen, es geht auch um Menschen, Schmalzstullen, Flüsse, Wald, Bier und Wein - eben alles, was sich in der Region Ostthüringen so tummelt. Ich habe die Titelseite und das Vorwort hier abgedruckt - bei Klick aufs Bild wird's groß. P1040782P1040784

N wndrbrs Bch – echt nokker für Sprachgebra

Gleich vorweg: Ich wurde selten so eindringlich aufgefordert, Sprache zu verhunzen. So das Spiel „Schlechte Deitsch“ (S.36), in dem man absichtlich alles falsch schreibt und zur Freude anderer auch noch öffentlich vorliest. Wenn die „Gut-Sprechenden“ über „EischoggEYmanSCHAPFT“ oder „Mein schäändsd Fährjenn-Erläpniss“ schimpfen, beruhigt Timo Brunke seine Leser: „Solche Erwachsene glauben, die Sprache für sich gepachtet zu haben. Vielleicht trauen sie ihr auch einfach zu wenig Humor zu.“ Das ist doch mal eine Ansage, die mir gefällt! Dabei begreift Brunke unsere Sprache mit all ihren unterschiedlichen Wörtern als unbezahlbaren Schatz. Das wird auf jeder Seite dieses Buches deutlich -  schon mit der Bastelanleitung für Schächtelchen und der Hinweis zur Anschaffung eines „Prachtbuches“ – beide Sachen dienen zur Aufbewahrung des Wort- und Geschichtenschatzes, der mit diesem Buch entstehen kann. P1040137 Timo Brunke spielt mit Wortpartikeln wie ein Weltmeister. Wunderbare Spiele wie „Flgzg-Gedichte“ (S.29), „Wörterwirbel“(S.30) und „Schokol“ (S.31) haben übrigens meine Überschrift inspiriert. Aber es gibt nicht nur Spiele mit Wörtern und Reimen. Es finden sich viele theatrale Elemente und oft die Ermunterung, seine Ergebnisse vor Publikum zu schulen. Genauso reichhaltig behandelt das Buch Spiele, die Beobachtung und Phantasie schulen, zum Beispiel „Höhle des Grauens“ (S.52): Hier stellt man sich seinen Mund als eine Art Höllenschlund vor und schreibt auf, was da drinnen alles passieren kann. Brunke bedient sich auch öfter „Kunstfabrizismen“ des Dada- und Surrealismus, z. B. taucht meiner Meinung nach auf Seite 66 etwas Ähnliches wie ein „objet trouvé“ auf. Bei manchen Sprachspielen ließ sich Herr Brunke von anderen inspirieren und so richtet er gleich auf der jeweiligen Seite seinen Dank an Hugo Ball, Moni Port, Christa Wolf oder Philipp Waechter, um nur einige zu nennen. Das eröffnet den Leserinnen ganz nebenbei einen großen Lesekosmos. Gibt es ein verbindendes Element in „10 Minuten Dings“? Ich behaupte: Veränderung! Man muss den Mut haben, mal alles zu verändern: Perspektive, Sprechweise, Herangehensweise, Regeln, den Ort, Fortbewegungsweise, Ansichten… einfach alles. Auf diesem Weg entsteht etwas Neues. Das Schöne an diesem unglaublich tollen Buch ist, dass Herr Brunke bei all den vielen Ansätzen und Möglichkeiten nirgendwo die ultimative Art und Weise von Schreibpraxis und Geschichten propagiert. Alles ist möglich und alles besitzt Schönheit. Abschließend bemühe ich einen typischen „Phantasie-Weitsprung“-Schlagabtausch (S.83) und antworte auf „Fleischeinlage“ mit „Frisurenmarathon“. „10 Minuten Dings“ ist in einzelne Abschnitte unterteilt: „Wörter – Finden und Erfinden“, „Wunder – Beobachten und Entdecken“, „Witz – durch Zufall und Wagemut“ und „Welten – Verwandeln und Erschaffen“. Illustriert wurde „10 Minuten Dings“ von der Leipziger Illustratorin Susann Hesselbarth und zwar ziemlich charmant. Die feinen Linien, mit denen das ganze Buch durchzogen ist, inspirieren zum Gleich-Drauflos-Schreiben. Timo Brunke: „10 Minuten Dings – und andere Ideen zum Leben und Schreiben“, Illustrationen von Susann Hesselbarth, Klett-Kinderbuch 2013, 102 Seiten, 13,95 Euro, ISBN: 978-3-95470-072-1, ab 9 Jahre und für jedes Alter  

Bücher aus der „Rosinenkiste“

Letztens sah ich den Film "Die Eleganz der Madame Michel" - schöner Film und Anna Karenina spielte auch eine Rolle. Da hab ich mir vorgenommen, das Buch mal wieder zu lesen, denn das letzte Mal war ich dabei 17 Jahre gewesen. Bei einem Besuch bei Omi wurde ich auch gleich fündig: Eine schöne alte Schwarte von 1965. Ein Stück aus der "Rosinenkiste" merkte meine Mutter gleich an. Die steckte nämlich just 1965 in einer Buchhändlerlehre. Von Anna Karenina gab es für die ganze Stadt und Umland damals nur 4 Exemplare oder so, also viel zu wenig. Mangelware, wie so vieles in den Zeiten der DDR. Deshalb legte sich die Buchhandlung eine "Rosinenkiste" zu, in der die besonders schönen Schmeckerchen der Literatur verschwanden, aus der sich die Buchhändlerinnen dann bedienten - wie meine Mutter. Da besitze ich jetzt die Anna aus einer längst vergangenen Rosinenkiste - ist das nicht ein schönes Wort??? Und da zitiere ich gleich mal einen der berühmtesten Romananfänge dieser Welt: "Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art."