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Ein Buchstöckchen

Letztens musste ich stolpern. Andrea Behnke hatte mir einen Stock zwischen die Beine geworfen. Ein Buchstöckchen – ins Leben gerufen von Wibke Ladwig. Ich hatte noch nie ein Buchstöckchen! Sieben Fragen und meine Antworten rund ums Buch. Bitteschön: Welches Buch liest du momentan? Ich knüppele an dem neuen Clemens Meyer „Im Stein“. Ich war sehr neugierig, weil ich so unterschiedliche Rezensionen gelesen habe, teils schlechte, teils lobende. Und dieses Buch ist echt staunenswert. Es ist nicht leicht, man kann sich nicht an einer Geschichte festhalten. Es geht um Monologe von Menschen, die aus dem nächtlichen Treiben stammen. Die Monologe sind kunstvoll, manche etwas übertrieben in ihrer Art aus Zeitsprüngen, Wiederholungen, Redundanzen und Wortspielen. Aber jedes Kapitel besitzt einen anderen Ton. Das Buch ist traurig und dann wieder skurril, es ist direkt und schonungslos. Und doch eben wieder zärtlich. Das kann man ja überall lesen, dass Meyer seine Figuren zärtlich beschreibt. Ich finde das sehr schön, wenn jemand beim Schreiben eine große Nähe zu seinen Figuren aufbaut. „Im Stein“ wird mich noch eine Weile beschäftigen, ich bin erst auf Seite 200 irgendwas und es sind weit über 500 Seiten. Ich könnte mir den bearbeiteten Stoff übrigens super im Theater oder als Hörspiel vorstellen. Und warum liest du das Buch? Weil es mein Freund geschenkt bekommen hat. Hihi. Wurde dir als Kind vorgelesen? Kannst du dich an eine dieser Geschichten erinnern? Ja, mir wurde vorgelesen. Sofort fallen mir zwei Bücher ein. Erstens: Wladimir Sutejew: „Lustige Geschichten“, darin z. B. die Geschichte vom Fliegenpilz, der im Regen wächst und deshalb immer mehr Tieren Schutz vor der Nässe bietet oder die Geschichte von den unterschiedlich großen Rädern, die alle noch nützlich sind – die Zeichnungen vergesse ich mein Leben lang nicht. Wir haben das Buch auch in einer neueren Auflage für unsere Kinder bekommen – aber ich besitze immer noch mein altes, zerfleddertes Exemplar! Zweitens: „Der glückliche Löwe“ von Louise Fatio und Roger Duvoisin. Auch dieses unglaublich charmante Buch haben wir neu im Besitz. Kann ich nur empfehlen. Gibt es einen Protagonisten / eine Protagonistin, in den / die du einmal regelrecht verliebt warst? Geschwärmt habe ich für Mister Darcy aus „Stolz und Vorurteil“ von Jane Austen! Selbstverständlich. What a man! J Nachdem ich Jahre später die BBC-Verfilmung mit Colin Firth gesehen hatte, war es um mich geschehen. aber hier geht’s ja um Bücher. Ansonsten würde ich mich, glaube ich, eher in die Schreibenden verknallen, als in ihre Figuren, in die Schöpfer von Figuren. In welchem Buch würdest du gerne leben? Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Nö. Ich bin ganz gern im Hier und jetzt, leibhaftig zumindest. In Gedanken dagegen sonstwo. Welche drei Bücher würdest du nicht mehr hergeben wollen? Nur drei??? Ach du lieber Himmel, da könnte ich mich nie festlegen. Letztendlich kann man allerdings jedes Buch hergeben, denn die wichtigste Essenz des Buches bleibt doch im Kopf. Eines meiner absoluten Lieblingsbücher ist „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Ein Buch wie gemeißelt – der Hammer! Jane Eyre hat mich umgehauen, als ich es mit Anfang 20 gelesen habe, das vergesse ich nie, hat mich richtig durch geschüttelt. Ich besaß als Kind schon einen Auszug aus der Kindheit von „Jane Eyre“ – traurig, aber für mich total faszinierend, als ich dann später das ganze Buch entdeckte, war ich hin und weg. Da steckt viel Kraft drin. Ich liebe die Bücher von David Almond – vor allem „Zeit des Mondes“: Grandios. Almond ist Kinder- und Jugendbuchautor und schreibt unglaublich tolle Geschichten. Ich lese überhaupt gern Kinder- und Jugendbücher. Zuletzt „Meine Schwester ist meine Mönchsrobbe“ von Christian Frascella – das ist total entwaffnend. Sehr bewegend ist „Zeit der Wunder“ von Anne-Laure Bondoux. Zuletzt – also vor Clemens Meyer – habe ich „Sturz der Tage in die Nacht“ von Antje Ravic-Strubel gelesen, eine tolle Schriftstellerin. Übrigens auch „Tupolew 134“ von ihr – nirgends ist dieses DDR-Feeling so gut beschrieben wie hier. Man riecht und sieht wieder alles von früher. Oha. Das sind mehr als drei. Egal. Ach, ich hatte noch gar nicht „Nachdenken über Christa T.“ von Christa Wolf erwähnt… nein, ich höre jetzt auf. Aber was ist mit Javier Marias, Brigitte Reimann, was ist mit „Meister und Margherita“, Emile Zola, Fred Vargas… ich glaube, ich muss mal wieder ein paar Bücher zum wiederholten Mal lesen, damit sich meine Meinung festigt. Es geht doch nicht an, dass ich hier nicht in der Lage bin, drei Bücher zu nennen. Ein Lieblingssatz aus einem Buch: Hier mache ich es ganz kurz: Fällt mir nicht ein. Hätte ich mir notieren müssen. Hab ich nicht. So, und wer kriegt jetzt das Stöckchen? Da hab ich mal in meiner Blogroll geschaut und hab dorthin geschmissen, wo es mich interessiert, zu: Jochen, Éva und Holger!

Geistige Kost mit Altersbeschränkung?

Immer mal wieder flackert bei uns folgende Diskussion auf: "Alle anderen Kinder dürfen das gucken, nur ich nicht!" Hintergrund: Es gibt viele Kinder, die dürfen schon mit fünf Jahren zu Hause alle "Piraten der Karibik"-Filme gucken. Ich finde diese Filme ganz nebenbei strunzlangweilig, aber was noch viel wichtiger ist, sie sind erst ab 12 Jahren empfohlen. In der zweiten Klasse können dann alle schon bei "Herr der Ringe" mitreden. Sollten 8-Jährige das Schlachtengetümmel um Mittelerde konsumieren? Das gehört vielleicht zum allgemeinen Frühfördertrend. Heutzutage lernen Kinder ja schon mit drei Jahren Fahrrad fahren, schwimmen und mindestens zwei Fremdsprachen. Wir waren und sind da hinterher, auch was das Filme-Gucken anbelangt. Das heißt nicht, dass wir Fernsehen verdammen. Auf keinen Fall, wir lieben es, Filme zu gucken, aber wir wählen mit mehr Bedacht aus. Ganz früher lebten Kinder wie kleine Erwachsene. Sie trugen unmögliche Klamotten und durften sich nicht bewegen. Mittlerweile hat man die Kindheit neu entdeckt. Das Kindsein gestalten manche Eltern für ihre Kinder so einfach und super wie möglich. Es gibt Matschhosen, damit die Kinder nicht nass werden. Es gibt Indoorspielplätze, damit die Kinder nicht im Kalten toben müssen. Es gibt für jede Kleinigkeit eine Erfindung, damit alles leichter geht. Waschbecken werden nach unten verlegt. Anstatt wie früher mit dem Kastanienbohrer in den Kastanien herumzupiepeln - und man musste Geschick und Kraft entwickeln, um auf diese Art ein brauchbares Loch in so eine Kastanie zu bohren - gibt es heute Extra-Schraubstockvorrichtungen, in die man die Kastanie einklemmt. So geht ja alles viel leichter. Beim Malen bindet man sich eine Schürze um. Toiletten werden für Kinder in pinkfarbene oder blaue Erlebniswelten eingebunden. Für das Haarewaschen gibt es speziell ersonnene Vorrichtungen, damit ja nichts ins Auge kommt. Und so weiter und so fort, kluge Köpfe ersinnen immer mehr Vorrichtungen und Extragriffe. Überall geht was zu montieren, damit es sich einfacher leben lässt. Aber zurück zu "Herr der Ringe" und Co. Wo Kinder auf der einen Seite so vorsichtig wie nie in den Alltag eingeführt werden, dürfen sie auf der anderen Seite Bilder und Inhalte konsumieren, die von großer Wucht sind. Erst letztens habe ich irgendwo gehört, dass ein 10-Jähriger "Tschick" geschenkt bekam. Ich finde das Buch "Tschick" von Wolfgang Herrndorf ganz große klasse, aber es ist ab 14 Jahren empfohlen. Vielleicht bin ich ja nur spießig und obrigkeitshörig, aber ich finde das durchaus sinnvoll. Herr Urz sollte "Tschick" nicht lesen, bevor er mindestens 13 geworden ist. Aber vielleicht ist das auch alles nicht so schlimm. Immerhin habe ich als Kind auch heimlich alle "Miss Marple"-Filme geschaut und sogar den britischen Grusel-Klassiker "Bis das Blut gefriert" - und mein Blut erstarrte dabei zu Stein!

Ich liebe Kisten mit Schenkware

Kisten ziehen mich magisch an. Vor allem jene Kisten, die auf den Gehwegen stehen mit Zetteln dran wie: "Zum Mitnehmen" oder "Geschenkt" oder "Nehmt, was ihr kriegen könnt". Da findet man witzige Vasen, Teller, Becher, Tünnef und Bücher. Meinen Sommerurlaub habe ich nur mit Büchern aus solchen Kisten verbracht: "Das sterbende Tier" von Philip Roth, ein Buch von Birgit Vanderbeke, weiß nicht mehr wie das hieß, es hatte mir nicht so sehr gefallen, da hab ich es im Urlaub gelassen und ein kleines Büchlein von Gerald Durrell. Der britische autodidaktische Autor und Zoologe zog 1933 mit seiner Familie nach Korfu, da war er 10 Jahre alt. Er hat witzige Bücher über Korfu, seine unkonventionelle Familie und über Tiere geschrieben. Kannte ich bis zu meinem Kistenfund noch nicht. Übrigens habe ich schon einmal über Bücher aus der Kiste geschrieben, aus der Rosinenkiste, das war aber etwas anderes, hier entlang, wen es interessiert. In meiner Straße gibt es ein Haus, deren Bewohner dem absoluten Ordnungswahn verfallen sein müssen. Vielleicht ist auch einer der Mieter für immer nach Australien gezogen oder so und muss seine Wohnung auflösen. Jedenfalls stehen da ständig Kisten mit Schenkware vor dem Haus. Wenn ich dann vom Joggen aus dem Wald komme, kann ich gleich ein paar Bücher mitnehmen. Hier habe ich auch ein ganz besonderes Buch gefunden: Auf deutsch ist das Buch mit diesem Titel erschienen: "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone". Christopher, 15, ist Autist und lebt in seiner eigenen Welt. Er mag Zahlen, Ordnung und Einsamkeit. Am liebsten würde Christopher ganz allein irgendwo im Weltraum herumschweben oder ganz tief im Meer. Vielleicht im Marianengraben, weil da so gut wie niemand hinkommt. Der Marianengraben ist mit einer Maximaltiefe von 11.034 Metern die tiefste Stelle im Pazifischen Ozean. An solchen Orten würde Christopher glücklich sein. Dort wäre er z. B. vor lästigem Körperkontakt gefeit. Eines Tages findet er den Hund der Nachbarin - mit einer Mistgabel erstochen. Christopher will heraus finden, was passiert ist, damit alles seine Ordnung hat. Seinem Vater gefällt das gar nicht, er sagt, man soll nicht in den Privatangelegenheiten anderer Leute herumschnüffeln. Ungerecht! Denn Christophers Vater ist Klempner und wenn er bei anderen Leuten zu Hause im Abfluss wühlt, kümmert er sich ganz intensiv um deren Angelegenheiten. Ich will an dieser Stelle betonen, dass es sich hier nicht um ein witziges Buch handelt. Im Gegenteil. Natürlich hat es Humor, aber es geht ganz schon zur Sache, wenn Christopher mit seinen "Ermittlungen" immer tiefer in die typischen Machenschaften der Erwachsenen dringt, deren Spielball er zum Teil war und ist. Dabei findet er Menschen sowieso ziemlich verwirrend. Wenn jemand eine Augenbraue hochzieht, kann das heißen, dass er Sex mit seinem Gegenüber haben will, aber auch genausogut, dass sein Gegenüber etwas Dummes gesagt hat. Menschen sind unberechenbar. Klarer dagegen sind die Regeln, die Christopher helfen, einen entspannten Tag zu haben. Zum Beispiel, dass sich verschiedene Sorten Essen auf dem Teller nicht berühren dürfen und das die Farben gelb und braun zu meiden sind. Wenn das alles klappt, können es supergute Tage sein. Aber es gibt eben auch schlechte Tage. In dem Buch erlebt Christopher ein paar der schlechtesten Tage in seinem jungen Leben. Und er wächst bewundernswert über sich hinaus. Das Ganze ist so ehrlich, warmherzig und zum Teil auch ulkig geschrieben, dass man beim Lesen heulen muss und beim heulen wieder lächeln. Braucht jeder, finde ich. Die Altersempfehlung liegt übrigens bei 12-15 Jahren.

Viel Gewedel um Nichts

Heute möchte ich meine Leser von meiner Vielseitigkeit überzeugen :-). Ich habe nicht nur eine Schwäche für zerfallene Häuser und Liegen-Gebliebenes, manchmal bin ich auch sehr praktisch veranlagt. Das kennt man: Wenn etwas praktisch ist, dann ist es richtig gut - diese Sachen genießen generationsübergreifend einen hohen Status. Nutzlose und sinnbefreite Dinge dagegen müssen bei ihren Besitzern erst den Schleichweg übers Herz suchen, um nicht gnadenlos weg geschmissen zu werden. Richtig ausgebufft aber finde ich Dinge, die zunächst superpraktisch daher kommen und sich erst später daneben benehmen. Da kommt ein neuer Staubsauger ins Haus und in diesem Sauger findet sich ein zusätzlicher Staubwedel. Aha!

Aber dieser Wedel ist nicht irgendein Wedel. Er hat eine Kipp-Funktion. Wenn man unten drückt, krümmt sich oben der Wedel:

             

Nun mag sich die aufgeschlossene Hausfrau oder der aufgeschlossene Hausmann fragen, wozu das wohl gut sei? So habe ich mich zu einer kleinen Demonstration entschlossen:

              Der Vorteil liegt ganz klar auf der Hand: In gerader Form angewendet wedelt der Wedel den Staub von den Büchern. In gekrümmter Form wedelt er auch. Wer das Nachsehen hat, ist die Handmuskulatur, denn diese verkrampft zusehens bei der häufigen Bedienung der Wedel-Kipp-Funktion. Aber staubfreie Bücher kriegt man eben nicht per Fingerschnips.