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Aufgeflatzt und hingebüpft: Jetzt kommt mein Blogwichtel

Hier habe ich ja bereits auf die Blogwichtelaktion des Texttreffs hingewiesen. Und heute ist es so weit, mein Blogwichtel hat mir ein Adventsgeschenk gemacht. Mit Wichtel Annette habe ich schon im Wendland (Texttreff-Insider) ein Gläschen geschnasselt und wichtige Gespräche über Positionierung und Corporate publishing geführt. Trotzdem wusste ich es nicht: Dass Annette schon mal in Leipzig gewohnt hat!!!! Annette, ehrlich. Ja, Leipzig, du bringst Leute zusammen, auch wenn du immer wieder ein bisschen schwierig bist und mir Sorgen bereitest. Aber Sorgenfalten weg gewischt, jetzt kommt Annettes Liebeserklärung an Klein-Paris: Urst scheen! Ich lese den Text-Burger nicht nur, aber auch deswegen gern, weil Judith aus und oft über Leipzig schreibt. Denn Leipzig himmle ich an, seit ich ein paar Jahre lang dort leben durfte. Es war eine spontane Liebe, die sich gleich beim Antrittsbesuch einstellte. Dann tasteten wir uns ran, und nach einem Jahr zog Leipzig und ich sank hin. Na gut, strenggenommen war der Umzug beruflich veranlasst. Aber er hätte auch nur aus Liebe geschehen können. Bestimmt! Mittlerweile lebe ich schon seit einiger Zeit wieder im Südwesten, doch Leipzig ist und bleibt meine persönliche Wohlfühl-Stadt. Und das liegt nicht nur an ihrer architektonischen Schönheit, am Bärlauchduft im Auwald im Frühjahr, an der wochenlang geschlossenen Schneedecke im Winter und am Sommerglück an den Seen im Süden, an Kabarett und Musik, an dem vielen Platz, den man überall hat, und an seinen liebenswerten Bewohnern. Nein, es liegt auch an der Sprache. Ja, ich höre Sie schon ausrufen: „Iiiih, Sächsisch!“ und bekenne trotzdem: Das Leipziger Sächsisch, das mag ich sehr. Nur Unwissende behaupten, Sächsisch sei schrecklich. Kann eine Sprache schrecklich sein, die eine so wunderbare Steigerungsform wie „urst“ hervorgebracht hat? Sätze wie „Das war urst lustig!“ vermisse ich in meiner derzeitigen Wahlheimat entsetzlich. Urst! Das klingt so entschieden, so bestimmt und entschlossen – dagegen kann ich mich einfach nicht wehren. Ein weiteres meiner sächsischen Lieblingsworte ist „Muzeln“ (mit langem U gesprochen), das ich viel entzückender als „Flusen“ finde. Selbst das bildhafte „Staubmäuse“ kann nicht dagegen anstinken. Muuuuzeln. Herrlich. Ich staubsauge nie unterm Bett, nur um täglich an dieses entzückende Wort denken zu dürfen. Sehr schön finde ich auch diese Gruppe von Verben, die sich mit ihrer Kombination aus „i“ und „l“ in mein Herz geschlichen haben: „ningeln“ und „illern“ – das ist doch viel possierlicher als ihre standardsprachlichen Entsprechungen „jammern“ und „lugen“. Mein Favorit aus dieser Gruppe ist „biehbln“, das man gar nicht mit einem einzigen Ausdruck übersetzen kann, sondern umständlich umschreiben muss: eine komplizierte Arbeit verrichten, z. B. einen Knoten aufmachen oder etwas Winziges, das sich verklemmt hat, wieder entklemmen. Fummeln träfe es vielleicht noch am ehesten, aber das ist durch seine anderweitigen Konnotationen verdorben und kann daher die Mühsal, die mit solchen Tätigkeiten verbunden ist, niemals so vollendet wiedergeben wie „biehbln“: „Isch mussde den Gnodn uffbiehbln!“ Da schwitzt man doch schon beim Zuhören mit! Gehen wir gleich in die Nachbarabteilung, zur Anatomie: Warum sollte man „Kopf“ sagen, wenn man das sanfte „Nischl“ nehmen kann? Auch viele weitere Körperteile sind auf Sächsisch nett benannt: „Gusche“, „Läffl“, „Flosse“ und „Laadschn“ – das ist doch viel gesprächiger als diese einsilbige „Mund“, „Ohr“, „Hand“ oder „Fuß“. Dabei ist es übrigens wichtig, auf eine weiche Aussprache zu achten – ohnehin die Grundvoraussetzung für den sächsischen Zungenschlag. Beispiel gefällig? Was ist ein schnödes „Ich gehe nach Hause“ gegen ein sanft genuscheltes „Isch mache heeme“? Überhaupt, dieses weiche Nuscheln! Einfach herrlich. Wenn man jemanden um Rat fragt und der murmelt ein sanftes „Weeß’sch ooch nüsch“, dann fühlt man sich doch gleich viel weniger frustriert als bei der zackig-hochdeutsch entgegenschleuderten Nichtauskunft. Achtung, Selbstversuch: Sagen Sie mal „Weeß’sch ooch nüsch“ und gucken Sie dabei in den Spiegel. Na? Sehen Sie? Da muss man einen Kussmund machen, sonst geht’s gar nicht. Zum Küssen, dieses Sächsisch! Sag ich doch. Annette Lindstädt www.worthauerei.de/blog Vielen Dank, Annette.

Wer spricht fließend bundesdeutsch?

Vor vielen Jahren, wahrscheinlich sind es neunzehn an der Zahl, klingelte der "Wessi-Student" von oben an unserer Studentenwohnung. Er fragte: "Eyh, kann ich mir mal einen Feudel von euch borgen." Ich war komplett ratlos. "Oder einen Hader?", versuchte es der Student noch einmal, woraufhin ich noch ratloser schaute. Es dauerte eine Weile, bis wir heraus fanden, dass er einen Scheuerlappen wollte. Damit in Zukunft keine Probleme mit Begriffen aus unterschiedlichen Bundesländern auftreten, hat die Philologisch-Historische Fakultät der Universität Augsburg einen "Atlas zur deutschen Alltagssprache" zusammen gestellt. Möchtet ihr bitte hier schauen. Wissenschaftler haben hier Sprachlandkarten zu Begriffen veröffentlicht.Wenn man den Begriff "gebratener Fleischklops" anklickt, sieht man, dass ich aus dem Land der Bulette komme, während sich der Norden fest in der Hand der Frikadelle befindet und das Schwabenländle vom Fleischküchle geprägt ist. Links im Menü kann man sich ganz bequem durch die erste, zweite, dritte... Runde klicken - oder ihr gebt einen bestimmten Begriff gleich in die Suchfunktion ein. Das Ganze ist bereits sehr umfangreich gediehen und jeder kann selbst an den Umfragen teilnehmen (gerade läuft die achte Runde). Dialekte sind ja stets ein willkommener Gesprächsstoff in geselligen Runden. Dank dieser Seite lässt es sich in Zukunft wundervoll gepflegt klugscheißen.

Rettet die Dialekte

Prof. Dr. Beat Siebenhaar will es wissen: Was ist dran am "Sächsisch-Sprechen"? Der Schweizer Variationslinguist von der Universität Leipzig erklärt anlässlich des internationalen "Tages der Muttersprache", der am 21. Februar stattfindet: "Der sächsische Dialekt ist vor 100 bis 150 Jahren weitgehend ausgestorben." (Quelle: eine PM des Informationsdienstes Wissenschaft) Denn ein Dialekt folgt einem geschlossenen Sprachsystem mit klaren Regeln. Beim Sächsischen hingegen seien nur regionale Färbungen übrig geblieben, die sich an der Standardsprache orientieren.  Prof. Dr. Beat Siebenhaar möchte nun z. B. erforschen, worin sich das aktuelle regional gesprochene Sächsisch lautsprachlich voneinander unterscheidet, also wieso z. B. ein Leipziger Sachse den Dresdner sofort an seiner Aussprache erkennt. Ich bin ja nur Wahl-Sächsin und stamme ursprünglich aus Sachsen-Anhalt. Hier kennt man exemplarische, regional verfärbte Sätze wie:

Mit baade Baane in aan Aamor un kaane Saafe sone Schaaße.

Es handelt sich um das "klare A", das obwohl hier mit Doppel-A geschrieben mehr in Richtung O gesprochen wird. Die Leute in Sachsen-Anhalt haben allesamt so einen Schnalz in der Aussprache, der auch nicht bei Jedem sympathisch rüberkommt, ähnlich wie bei den Sachsen. Mit einer sachsen-anhaltinischen Mundart-Färbung lässt es sich vortrefflich schimpfen und fluchen. Es empfiehlt sich dabei, ein möglichst stumpfsinniges Gesicht aufzusetzen - macht wirklich Spaß. Den "Tag der Muttersprache" gibt es schon seit 2000. Der Ursprung dieses Tages liegt in Pakistan, Wikipedia weiß  zu berichten:  1952 ernannte das Regime von Pakistan Urdu zur Amtssprache. Allerdings wurde dieser Dialekt damals nur von 3% der Bevölkerung gesprochen. Im kulturell und sprachlich unterdrückten ostpakistanischen Teil dominierte stattdessen Bengalisch. Ostpakistan protestierte und die Polizei reagierte. Am 21. Februar starben in Dhaka Demonstranten durch die Polizeigewalt. 1971 spaltete sich Ostpakistan vom übrigen Teil des Landes ab und wurde zu Bangladesch. Seitdem wird dort der 21. Februar als "Tag der Märtyrer" begangen. Auf Antrag von Bangladesch wurde dieser Tag dann im Jahr 2000 zum Internationalen Tag der Muttersprache ernannt. Die UNESCO sieht in diesem Tag eine Gelegenheit, sich mit der „Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit“ zu befassen. Erstsprache, Muttersprache, Dialekt - dahinter steckt eine geballte Ladung, die mit kultureller Identität winkt. Übrigens befinden sich ungefähr die Hälfte aller weltweit gesprochenen Sprachen in unmittelbarer Bedrohung des Aussterbens. Denn sprechen weniger als 10.000 Menschen eine bestimmte Sprache, wird diese oft nicht mehr an die nachfolgende Generation weiter gegeben und ist bald futschikato. Schade drum. Während meines PA-Unterrichtes (Mit dem Schulfach "Produktive Arbeit" schleuste die DDR Schüler in die sozialistische Produktion) verkündete mal ein Arbeiter des Halberstädter Reichsbahnausbesserungswerks, Abteilung Lager:

"Ab fünfe is Schluss mit de Orbeet, da sachich beschissn, da jehts ab naachn Jaorten Bier raanpfaafen."

Ich finde, solche Bonmots dürfen nicht aussterben. Ich werde meinen Beitrag zum Erhalt der regionalen Sprachen leisten. Ich könnte am 21. 2. Herrn Schlönske und Herrn Urz beibringen, wie man auf Sachsen-Anhaltinisch schimpft.