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Photoautomat

Sonntag, 8. Juli 2012

Jeder Leipziger muss irgendwann über den Photoautomaten an der Feinkost bloggen. Bin ich also schon lange überfällig. Weil ich Freitagnacht mit vier Freundinnen dort drinnen steckte, hol ich das jetzt mal nach.

Dieser Automat zählt zu den echten Schnäppchen der Stadt – und es geht grausam zu. Für nur zwei Euro wird man in der dunklen Kabine vier Mal erschossen. Das Abbild kommt gevierteilt aus dem Schlitz. Die Fotos sind schwarz/weiß, gut oder böse.

Das Gefühl des Ausgeliefertsein erfordert Geduld. Man muss immer anstehen, denn das Ding ist beliebt. Jedes Mal, wenn ich dort vorbei fahre, stehen Menschen aus aller Welt davor und warten auf ihre Schnappschüsse. Es dauert Stundenminuten, bis die Fotos herauskommen. In der Zwischenzeit waren schon die nächsten Opfer drin und warten jetzt auch. Sie lauern auf den Gesichtsausdruck der anderen, die ihren Fotostreifen aus dem Schlitz fischen. Verlegenes Lachen. Auf den Fotos sieht man aus, als tanze man geradewegs aus einem Stummfilm auf die Karl-Liebknecht-Straße. Glücklicherweise hat die Besetzungsliste der Südvorstadt immer freie Plätze für neue Akteure.

Auch sonst wirken diese Fotos wie aus der Zeit gefallen. Sie lassen sich nirgends speichern, digitalisieren oder brennen. Sie liegen zu Hause erst mal ganz klassisch an den Orten herum, wo sich Schlüssel, Flyer, Pflaster, alte Brotbüchsen, Telefone und Taschentücher stapeln.  Am Ende kommt es noch so weit, dass sie in Tagebücher geklebt werden. “Liebes Tagebuch, heute war ich in Leipzig unterwegs und da…”

Das Wesen der Dinge

Mittwoch, 23. November 2011

Unlängst bekam ich einen tollen Fotoband geschenkt. Es handelte sich um Arbeiten von Studenten der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. In dem Band gefiel mir eine Bildserie von Dirk Scheidt. Auf einem vollständig cleanen Hintergrund waren Küchenobjekte abgebildet. Dinge wie Knoblauch, Gläser, Tassen, Topfschwämme aus einer Gemeinschaftsküche, die also von vielen Händen benutzt werden und niemandem gehören. Eigentlich sehr unaufregend, kalt, ja irgendwie emotionslos. Aber genau das ist das Faszinierende daran. Der Fotograph wollte nicht, dass diese Gegenstände etwas über ihren Besitzer erzählen. Denn sobald ein Gegenstand Persönlichkeit entwickelt, verweist er auf den Charakter seines Besitzers. Er wollte die Dinge losgelöst von Individuen betrachten. Ich finde, das ist dem Fotographen gelungen. Und ich finde, diesen Versuch extrem interessant.

Ich habe ja ein Faible für Dinge. Vielleicht ahnen die Dinge, dass ich sie mag, denn es passiert immer wieder, dass ich welche finde. Wie diese hier z. B.:

Ein Blinker vom Bornholmer Strand, ein Stückchen schön gemasertes Treibholz, ein kleines Fläschchen von einer Bauschutthalde, eine Stückchen Fliese vom Fockeberg und darüber ein riesiger Niet (oder Nagel) direkt von der Ecke Karl-Liebknecht-Straße/Steinstraße.

Einige von den Dingen gehörten niemals irgendjemandem, andere wurden schon vor langer Zeit von ihrem ursprünglichen Besitzer getrennt. Jetzt gehören sie mir, weil ich sie zufällig gefunden habe. Was erzählen diese Dinge nun? Sind sie bereits mit der Biographie ihrer Finderin verwoben?