Manchmal muss man durch Jobs, die wenig glamourös sind. Zum Beispiel unbedeutende Artikelchen für klitzekleine Betriebszeitungchen schreiben. Trotzdem mag ich ganz oft genau diese Jobs, denn sie haben große Momente. Vor einiger Zeit sollte ich für eine Mitgliederzeitschrift über ein Jubiläum einer alten Dame berichten, sie zählte 97 Jahre. Ich saß nicht länger als eine Dreiviertelstunde in ihrem Wohnzimmer und es war schwer, ein angeregtes Gespräch einzuleiten. Außer uns befanden sich noch drei andere Leute im Raum und die festliche Stimmung über das Jubiläum wurde geschürt. Sie saß vor mir, nervöse Löckchen schimmerten auf ihrem Kopf, ihr Blick war angstvoll. Sie war bei klarem Verstand, aber sehr aufgeregt und ich hatte den Eindruck, dass sie nicht alles verstand, was wir redeten. Wir sprachen über ihr Leben und das erste, was sie erzählte, was also sofort in ihrem Kopf auftauchte, war, dass ihr erster Mann im Krieg starb. Weil der zweite Ehemann nicht der Vater ihres ersten Sohnes war, musste sie in einer Telefonzentrale arbeiten gehen, damit sie mit diesem ersten Sohn ihrem Mann nicht auf der Tasche lag. Das fand ich wirklich sehr deprimierend. Sie schaute dabei auch mit diesem Blick, einerseits ergeben: Es musste ja sein! und andrerseits anklagend, weil es blödmännisch von ihrem zweiten Mann war.
Aber als sie von ihrer Arbeit erzählte, blühte sie auf, begann zu lächeln. Denn es war die Arbeit, die ihr etwas gab gab, was sie sonst nirgendwo kriegte. Sie durfte als eine der wenigen jedes Jahr mit zur Leipziger Messe und dort Schnittchen für die hohen Tiere schmieren. “Was wir dort zu sehen bekamen!” Als sie das sagte, schaute sie mir direkt ins Gesicht. Abends gab es dort manchmal ein Schnäpschen, aber Westgeschenke durften sie nie annehmen. Ihr Erfolg rief damals Neiderinnen auf den Plan, die sich an Intrigen versuchten. Doch ihr Chef hielt zu ihr. Wie sie das sagte, habe ich den Stolz gespürt. Ich habe mich mit ihr gefreut und sie hat es gemerkt und da habe ich mich auch drüber gefreut. Sie hatte die Arbeit irgendwann doppelt gebraucht, denn auch ihr zweiter Mann verstarb recht früh und so musste sie zwei Jungen allein groß ziehen.Einer lebt noch hier in der Nähe, der andere ist mit seiner Familie in den Westen gezogen.
Bald wurde das Gespräch flüssiger. Sie sprach von einer Flasche Sekt, die sie noch hätte und darüber, wie sie mit zwei Freundinnen Ramschrommé spielt. Sie zeigte mir die Aussicht von ihrem Küchenfenster und bewies, dass sie noch heute alle wichtigen Telefonnummern aus dem EffEff beherrscht – wegen des guten Trainings in der Telefonzentrale. Denn da, da hat sie gute Arbeit geleistet.
Und zwischendurch bekam sie wieder diesen angstvollen Blick. Sie hatte Angst vor dem, was noch kommt. Mit viel leiserer Stimme erzählte sie, dass der Körper das Altwerden nicht so gut verkraftet.
Bei solchen Jobs merke ich einmal mehr, dass mir meine Arbeit wirklich gefällt. Und ich denke, so wird es sein: Am Ende seines Lebens erinnert man sich vor allem an zwei Dinge, an die Familie und an die Arbeit. Die Arbeit, weil sie auch das Familienleben prägt, das Miteinander mit den Menschen der Umgebung bestimmt, weil sie Gedanken formt, zusammen bringt, auseinander treibt, neue Schiffe besteigen lässt, erfreut und nervt und ach so viel…