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Literarische Orte zum Drüberlehnen

Hoyerswerda ist ein Geländer-Paradies! Vor den Fenstern der sanierten Wohnblocks im WK I, in den Treppenhäusern, überall gibt es diese reizenden kleinen Geländer. Entdeckt habe ich sie auf meinem letzten Ausflug nach Hoyerswerda. Letztes Jahr war ich einmal zur Einweihung des Brigitte Reimann-Zeichens dort (Bericht hier) und das zweite Mal für Tonaufnahmen für einen Audio-Giude (dazu später). Bei letzterem Besuch lernte ich Helene und Martin Schmidt vom Hoyerswerdaer Kunstverein kennen. Die beiden kannten die Schriftstellerin persönlich und luden mich damals zu einem Brigitte Reimann-Spaziergang ein. Den haben wir nun getätigt. Wir besuchten lauter Plätze, an denen Brigitte Reimann lebte und die sie in irgendeiner form schriftlich fixierte: Wo sie zu Mittag aß, wo sie ins Kino ging, wo sie Bäume pflanzte, wo sie sich sehnlichst eine "Bummelzeile" wünschte, wo sie wohnte... Immer wieder wurde dazu aus Reimanns Tagebüchern und aus "Franziska Linkerhand" vorgelesen. Ich lernte die realen Vorbilder kennen für die "Magistrale" aus der "Franziska", erfuhr, nach welchem Vorbild sie den Architekten Landauer porträtierte. Und immer wieder blieb mein Blick dabei an diesen kleinen Geländern hängen: P1050010P1050005-001P1050011P1040997-001Ich habe eine Schwäche für Geländer. Als Kind kann man an Geländern seinen Mut schulen, wenn es heißt: "Lehn dich bloß nicht so weit hinüber!" Oder man rutschte in gekonnter Manier das Treppengeländer hinunter, was allerdings bei dem obigen nicht so gut gegangen wäre. Unweigerlich muss ich bei dem Stichwort Geländer an diese eine Stelle aus den Erinnerungen von Irmgard Weinhofen denken. Brigitte Reimanns beste Freundin schrieb über eine Begegnung an der Ostsee: Bei der sich die Schriftstellerin früh noch im Nachthemd freudestrahlend aus dem Fenster lehnte, mit einem Decolleté, dass jede neidisch gemacht hätte. Ich fand diese Beschreibung ihrer Freundin immer besonders zärtlich. Und so stelle ich mir vor, wie sich Brigitte Reimann über eines der Geländer, die ich hier abbilde, lehnte, oder sich aufstützte und ihr langer Zopf baumelte dabei aufrührerisch, weil sie schon wieder einen Angriff auf die Hoyerswerdaer Stadtverwaltung plante oder eine neue Idee für ihren Roman durch den Kopf schoss. Und übrigens, Brigitte Reimanns langer Zopf wurde in ihrer Hoyerswerdaer Zeit von 1960-1968 genau hier gepflegt: P1050001-001Auch so was lernt man bei einem Brigitte Reimann-Spaziergang.

Herzen im Angebot

Früh auf der Fahrt nach Hoyerswerda steht ein junger Mann in der S-Bahn und verkauft Herzen. Es ist sein letzter Tag als "Junggeselle" (was für ein schräges Wort) und muss nun zur Freude seiner Kumpel allerlei Mätzchen machen. Dazu hat man ihm einen weißen Anzug angezogen mit Herzen drauf und die muss er nun verkaufen: P1040988Ich finde ihn ja viel zu jung, um zu heiraten, und das sage ich ihm auch. Er protestiert. Dann entschließe ich mich, ein Herz aus seiner Hüfte zu kaufen. Ich muss es selber ausschneiden. "Aber nicht in die Hose schneiden", meint er ängstlich. Es ist noch früh und er NOCH nüchtern und wenig wagemutig. Eiskalt erwähne ich, dass immer ein Risiko besteht, das gilt auch für die Ehe. Er erlaubt mir, hier über ihn zu berichten. Auf der Rückfahrt von Hoyerswerda am Abend ist die Junggesellenabschiedsgruppe immer noch auf den Bahnhöfen dieser Strecke unterwegs - jetzt deutlich angeschnickert. Der rosa Hut sitzt noch, der weiße Anzug ist verschwunden, er hat wohl alle Herzen unter die Leute gebracht. Erschöpft sieht er aus. Nicht leicht, so ein Tag. Jetzt liegt das Ein-Euro-Herz hier. Egal wie preiswert ein Herz ist, es ist immerhin ein Herz. P1050013  

Busfahrt

Heute war ich wegen der Arbeit in Hoyerswerda. Steig ich am Bahnhof in den Bus und frag: "Kommen Sie an der Brigitte Reimann-Straße vorbei?" - Der Busfahrer: "Die gibts hier nicht!" Sie gibt es aber doch! Wir einigen uns auf die Lieselotte Herrmann-Straße gleich daneben. Fragt er mich aus während der Fahrt, woher ich komme und so... "Ach, Sie haben sicher Familie hier." - Ich: "Nee, ich bin beruflich hier." - Er: "Wie? Gibts hier Arbeit?" - Ich: "Nee, ich führe hier Interviews zu Thema "Brigitte Reimann"." - Er: "Ach die! Aber unschuldig war die auch nich!" - Ich: lache. Wir reden über Brigitte Reimann, was die alles für Hoyerswerda durch gesetzt hat und so. Der Busfahrer ist entsetzt, als er hört, dass sie mit nur 39 Jahren starb. Dann reden wir über Leipzig. Da soll sich ja grad was tun, sagt er. Na ja, nicht anders als hier bei Ihnen, sag ich: lauter Baustellen halt. Der Busfahrer findet diesen Jung, Burghardt Jung, den Leipziger Bürgermeister, den findet er nett. Hat er letztens im Fernsehen gesehen. Wir nähern uns dem Ziel. "Muss ich nicht hier raus", frag ich? - Er: "Nee, das Haus, wo die gewohnt hat, ist da vorn, da ist nämlich ne Plakette dran." Und dann hält er mit einem schelmischen Grinsen direkt vor dem Haus, in dem Brigitte Reimann gewohnt hat, obwohl da gar keine Haltestelle ist. Der riesige Bus bleibt einfach stehen und alle Autos müssen wegen mir anhalten. Ich gehe über die Straße und winke dem Busfahrer ein letztes Mal. Ich war im Sommer schon einmal in Hoyerswerda, als Brigitte Reimann zu Ehren ein Denkmal enthüllt wurde, hatte ich hier drüber geschrieben. Vielleicht fahre ich sogar noch mal hin.

Brigitte

Hoyerswerda, der 21. Juli 2013: Ein kleiner Menschenstrom zieht zu dem neu angelegten Park zwischen den hier so unvermeidlichen Neubaublöcken: Ein Denkmal für Brigitte Reimann wird heute enthüllt, es wäre ihr 80. Geburtstatg gewesen. Mit einem "Rolli" wäre sie nicht hierher gekommen, mutmaßen die Redner, das wäre nicht ihr Stil gewesen. P1040227 Brigitte Reimann, die acht Jahre in Hoyerswerda gelebt, gearbeitet, geschrieben, geliebt und geplant hat, die hier den Bitterfelder Weg beschritt - sie hatte sich gnadenlos eingemischt und damals viel für Hoyerswerda, die sozialistische Stadt, erreicht. Sie wollte auch einen "Platz zum Küssen". Das soll jetzt dieser Park mit ihrem Denkmal sein, jetzt wird es enthüllt: P1040237 Alle sind da, ihr Bruder Ulrich, ihre beste Freundin Irmgard Weinhofen, bemühte Menschen aus Literatur, Politik und von der Sparkasse. Und natürlich der Künstler Thomas Reimann, das ist sein Werk: P1040244 P1040246 "Die große Liegende" ist chic geworden. Erst denke ich, man kann in Brigittes Schoß Platz nehmen, aber es ist ihr Zopf, der sich an ihrem Schenkel entlang ergießt und unten in ein Wasserbecken mündet. Man kann Platz nehmen bei Brigitte, sich entspannt hinlegen, in den Himmel starren und alles gut sein lassen. Es finden mehrere Leute auf ihrem Denkmal Platz, es ist kommunikativ, das hätte ihr sicher gefallen. Trotzdem bleibt dieser Ort irgendwie unwirklich. Die Veranstaltung, zwar festlich, aber auch ein bisschen unpassend - so auch die Blasmusik für Frau Reimann. Hässliche, überladene Blumensträuße werden gereicht. Es ist leer im Park, was vielleicht auch an der glühenden Hitze des Tages liegt. Dabei sind im Park kleine, flache Wasserbecken, die zumindest den Füßen Kühle spenden. Auf ihrem Grund sind Buchstaben eingelassen: Zitate der Schriftstellerin: P1040226 Die Fenster in den umliegenden Neubaublöcken bleiben während der Enthüllung weitestgehend geschlossen. Keiner kommt zum Küssen runter. Später, als zwei Kinder die nieder gelegten Blumen umher werfen, erklären wir ihnen, weshalb die da liegen. Sie schauen erst uns mit großen Augen an, dann die "große Liegende". Ob sie jemals etwas von Brigitte Reimann lesen werden? Wir haben gelesen und meine Freundin hat für das Denkmal gespendet und steht sogar mit ihrem Namen darauf: P1040241 Nach der Enthüllung besuchen wir das Haus, in dem sie gewohnt hat. Wir gucken uns Hoyerswerda an, eine Stadt mit echt speziellem Charme. Früher entstand hier das Wohnungsparadies für die Menschen der DDR, in "Franziska Linkerhand" ist es beschrieben. An die 70.000 zog es hier her, jetzt lebt nur noch die Hälfte hier.

Dennoch, es gibt charmante Ecken. Ein Kiosk aus früheren Tagen - so sahen die Dinger doch zu DDR-Zeiten aus, oder?

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Ein klassischer Großstadt-Blumenkübel, der besänftigt erhitzte Gemüter:

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Kunst am Bau. So war das früher üblich. Damit wurden die Neubauten aufgepeppt:

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Noch einmal ehemalige Kunst am Bau, jetzt freistehend auf der Wiese:

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Der gute alte Wäscheplatz mit Original-Wäschestangen:

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Die Fenster bekamen früher zu Aufbruchzeiten ein Gitter verpasst, aber ein schönes:

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Es steht auch echte Kunst in Hoyerswerda mitten in der Stadt:

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Der Lausitzer macht keine großen Worte, wenn es ums Essen geht:

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 Das hätte Brigitte Reimann gefallen: Ein liebevoll verschlossenes Schraubglas steht vor dem Neubaublock und dient als Aschenbecher: P1040259

Denn sie hatte geraucht wie ein Schlot und trank gern Wodka. Und das tun wir auch an ihrem Ehrentag - trotz 30 Grad, so viel Zeit muss sein:

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  Auf dich, Brigitte! Schade, dass du so früh sterben musstest.