Schlagwort-Archive: Kinder

Und noch einmal in eigener Sache:

Heute, am 15. August, 14:00 Uhr, hat Bayern 2 mein erstes Kinderhörspiel gesendet. Es heißt "Weltverbesserer" und eine der Rollen spricht ChrisTine Urspruch, bekannt als "Sams" und "Alberich" aus dem Münsteraner Tatort. Sie macht das phänomenal, ich freu mich wie verrückt! Hier gehts zur Sendung Und hier ist der Podcast

Geistige Kost mit Altersbeschränkung?

Immer mal wieder flackert bei uns folgende Diskussion auf: "Alle anderen Kinder dürfen das gucken, nur ich nicht!" Hintergrund: Es gibt viele Kinder, die dürfen schon mit fünf Jahren zu Hause alle "Piraten der Karibik"-Filme gucken. Ich finde diese Filme ganz nebenbei strunzlangweilig, aber was noch viel wichtiger ist, sie sind erst ab 12 Jahren empfohlen. In der zweiten Klasse können dann alle schon bei "Herr der Ringe" mitreden. Sollten 8-Jährige das Schlachtengetümmel um Mittelerde konsumieren? Das gehört vielleicht zum allgemeinen Frühfördertrend. Heutzutage lernen Kinder ja schon mit drei Jahren Fahrrad fahren, schwimmen und mindestens zwei Fremdsprachen. Wir waren und sind da hinterher, auch was das Filme-Gucken anbelangt. Das heißt nicht, dass wir Fernsehen verdammen. Auf keinen Fall, wir lieben es, Filme zu gucken, aber wir wählen mit mehr Bedacht aus. Ganz früher lebten Kinder wie kleine Erwachsene. Sie trugen unmögliche Klamotten und durften sich nicht bewegen. Mittlerweile hat man die Kindheit neu entdeckt. Das Kindsein gestalten manche Eltern für ihre Kinder so einfach und super wie möglich. Es gibt Matschhosen, damit die Kinder nicht nass werden. Es gibt Indoorspielplätze, damit die Kinder nicht im Kalten toben müssen. Es gibt für jede Kleinigkeit eine Erfindung, damit alles leichter geht. Waschbecken werden nach unten verlegt. Anstatt wie früher mit dem Kastanienbohrer in den Kastanien herumzupiepeln - und man musste Geschick und Kraft entwickeln, um auf diese Art ein brauchbares Loch in so eine Kastanie zu bohren - gibt es heute Extra-Schraubstockvorrichtungen, in die man die Kastanie einklemmt. So geht ja alles viel leichter. Beim Malen bindet man sich eine Schürze um. Toiletten werden für Kinder in pinkfarbene oder blaue Erlebniswelten eingebunden. Für das Haarewaschen gibt es speziell ersonnene Vorrichtungen, damit ja nichts ins Auge kommt. Und so weiter und so fort, kluge Köpfe ersinnen immer mehr Vorrichtungen und Extragriffe. Überall geht was zu montieren, damit es sich einfacher leben lässt. Aber zurück zu "Herr der Ringe" und Co. Wo Kinder auf der einen Seite so vorsichtig wie nie in den Alltag eingeführt werden, dürfen sie auf der anderen Seite Bilder und Inhalte konsumieren, die von großer Wucht sind. Erst letztens habe ich irgendwo gehört, dass ein 10-Jähriger "Tschick" geschenkt bekam. Ich finde das Buch "Tschick" von Wolfgang Herrndorf ganz große klasse, aber es ist ab 14 Jahren empfohlen. Vielleicht bin ich ja nur spießig und obrigkeitshörig, aber ich finde das durchaus sinnvoll. Herr Urz sollte "Tschick" nicht lesen, bevor er mindestens 13 geworden ist. Aber vielleicht ist das auch alles nicht so schlimm. Immerhin habe ich als Kind auch heimlich alle "Miss Marple"-Filme geschaut und sogar den britischen Grusel-Klassiker "Bis das Blut gefriert" - und mein Blut erstarrte dabei zu Stein!

Kleine Typenlehre der Poesie

Wo ist eigentlich die gute alte Poesiealbum-Zeit geblieben? Heutzutage scheint es nur noch "Freunde-Bücher" zu geben, die Kinder zur absoluten Individualität verdammen. Freundebücher fragen gnadenlos Präferenzen ab: Lieblingsfilm, Lieblingsbuch, Lieblingssänger/in, Lieblingsfarbe, Lieblingsurlaubsort, Traumjob, Lieblingstier, Hobbies... Wer hier keine Meinung hat, ist kein guter Freund! Nicht zu vergessen die Rubrik "Besondere Kennzeichen" - Kinder werden zur kritischen Selbstbetrachtung aufgefordert. Wer nicht mit einer tollen Frisur, dem größten Lego-Berg, der Kenntnis sämtlicher Star-Klone-Wars-Filme oder mit den am weitesten entfernten Urlaubszielen punkten kann, geht unter im farblosen Einheitsbrei. Das gute alte Poesiealbum dagegen lockte seine Nutzer in die Welt der Verse. Nur wer keinen Spruch besaß, gehörte nicht dazu. Aber das war kein Hindernis, denn man konnte bequem irgendwo einen Spruch abschreiben ohne dabei lügen zu müssen. Mit Poesie hatte das freilich oft wenig zu tun. Aber das war irgendwie auch egal. Unterm Strich gab es drei Poesiealbum-Typen: 1. Die Spieler, die sich meist folgenden Spruchs bedienten:

"Ganz genau vor xx Jahren

kam ein Baby angefahren,

ohne Strumpf und ohne Schuh,

lieber xxx das warst du."

Der Platz rund um diesen Spruch - meist mit dem besten Filzstift geschrieben, den man besaß - wurde liebevoll ausgestaltet mit Blümchen und anderen Zeichnungen. Manche opferten gar einen West-Aufkleber, um in ewiger positiver Erinnerung zu bleiben. Die ganz Emsigen falteten zusätzlich die vier Ecken der beschriebenen Albumseite um, und gestalteten sie als Miniatur-Briefumschläge, in denen nacheinander zu lesen war: "In allen" - "vier Ecken" - "soll Liebe" - "drin stecken". Einfach nur schön! 2. Die Dramatiker hingegen fanden sich in folgendem Spruch wieder:

"Unter einem Eisengitter

liegt ein Herz und weint so bitter.

Heb es auf und tritt es nicht,

denn es heißt Vergissmeinnicht."

Dass war schon ne große Nummer. Die Gestaltung dieser Seite bestand meist aus dicken schwarzen Filzstiftstrichen, aus denen eine blutrote Träne hervorquoll. Diese Gruppe kannte sich gefühlsmäßig aus. Sie hatte Zugang zu dumpfer Musik und Lektüre mit Endzeitstimmung. 3. Die Pragmatiker dachten hingegen, Goethe passt immer und zitierten ohne mit der Wimper zu zucken:

"Edel sei der Mensch,

hilfreich und gut."

Pam! Das saß! Da gab es keine Widerrede, kein Platz für enttäuschte Erwartungen. Und wozu war das Ganze eigentlich gut? Zur besseren Navigation im Klassenkollektiv!

Noch einmal Buchstabler

Und jetzt kommt das "große Werk" meiner aktuellen Buchstabler-Kinder. Diese Geschichte steckt voller Lebensweisheit! Aufmerksame Leser werden wieder den kunstvoll gebauten Dialog in der Geschichte bemerken und die tollen Metaphern, die wir in der Werkstatt ertüftelten. Los geht' s:

Leo und die Jaguarfrauen

 In einem großen geheimnisvollen Dschungel lebte einmal ein Jaguarjunge namens Leo. Sein Zuhause war eine gemütliche Höhle. Leo hatte hier alles ganz kuschlig eingerichtet. Im Dschungel wuchsen nämlich viele Kakaobohnenbäume. Die kleinen, braunen Kakaobohnen hatten ein kleines Fell als Schale. Weil Leo für sein Leben gern Kakaobohnen knabberte, hatte er jede Menge kleine Kakaobohnenfelle gesammelt. Er hatte sich aus einem Stöckchen eine Nadel gebaut und mit ihr die vielen kleinen Felle zusammengenäht, so dass die ganze Höhle mit herrlich weichen Kakaobohnenfellteppichen ausgelegt war. Weiterlesen

Hosentaschengeschichten

Zur Zeit führe ich in einem Leipziger Kindergarten wieder mal einen meiner Buchstabler-Kurse durch. Nähere Infos dazu hier. Das letzte Mal kam ich mit präparierten Hosentaschen und wir dachten uns kleine Hosentaschengeschichten aus. Aufhänger der Geschichte sind die Dinge aus meiner Hosentasche. Dieses Buch hat mich inspiriert, diese Art Geschichten zu erfinden. Folgende zwei Geschichten haben mir die kleinen Buchstabler anhand der Dinge auf den Fotos quasi in die Hand diktiert: Es war einmal ein Schlüssel, der dachte: „Ach, wenn ich doch nur etwas zu Essen hätte!“ Er ging in den Wald und kam bald an ein geheimnisvolles Haus. Der Schlüssel ging hinein, da stand ein Teller auf dem Tisch und auf dem lag eine Zitrone. Das war etwas Magisches! Er nahm beides mit nach Hause, machte es sich gemütlich und aß die Zitrone. Dann wurde er müde und bekam Bauchschmerzen. Weil der Teller magisch war, lag am nächsten Tag wieder eine Zitrone da. Und am nächsten Tag wieder und so fort. Irgendwann dachte der Schlüssel: „Oh, wie langweilig, immer nur Zitrone!“ Eines Tages legte er einen Apfel drauf und da hatte er jeden Tag einen Apfel. Dieser magische Teller war ein Glück. Ein kleiner Mann wollte Fahrrad fahren, aber die Kette seines Fahrrads war locker. Außerdem war sein Fahrrad viel zu groß für ihn. Er lief so vor sich hin und fand plötzlich einen Knopf. Er setzte sich auf den Knopf und dachte: „Der ist super als Sitz, da kann ich mir was überlegen!“ Ihm fiel auf, dass der Knopf genauso groß war wie ein Fahrradreifen, der zu ihm passte. Er wickelte die Fahrradkette um den Knopf und fuhr los.

Die verschiedenen Etagen des Geschmacks

Eine der bittersten Lektionen des Großwerdens ist die Einsicht über Schein und Design. Das musste auch der kleine Herr Schlönske letztens bitter erfahren. Zu den größten Perversionen kapitalistischer Einkaufskultur gehört die meterlange Joghurtstraße in der Kühltheke (neben Wurstaufschnitt mit Gesicht). Zu den größten Vergnügen kleiner Jungen aber gehört die freie Wahl - genau hier. Und weil letztens ein schöner Tag war, durfte sich Herr Schlönske einen Joghurt aussuchen. Der blitzbunte Becher, mit einer dicken Schicht Schokostreusel als "Topping" prahlend, entlockte am Ende nur ein müdes Lächeln. Herr Schlönskes bittere Einsicht: "Der schmeckt nur obenrum." Wir beließen es dabei. Alles andere stößt nach-hinten-raus nur bitter auf.