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Neues Jahr und so

Das war mal ein kleiner Buchladen in meinem Kiez. Hat lange durchgehalten. Dann gings nicht mehr. Jetzt steht er leer und wartet. Vielleicht kommt noch ne Bäckerkette, noch ein Handyladen oder... Was mir aber jetzt erst aufgefallen ist: die metallene Verzierung vor dem Schaufenster. Ich überlege, ob ich nachts heimlich die Enden der unfertigen Brezeln mit einer Kneifzange zusammendrücke, so dass sie sich in lauter kleine Herzen verwandeln. Herzen bedeuten dann Glück und Liebe, davon kann mein Kiez ne Menge vertragen, zum Beispiel oben im Flüchtlingsheim, aber natürlich nicht nur da. Ich wünsche euch allen ein neues gutes Jahr mit Tschitschi, PomPom und noch besseren Dingen. P1060868

Lützschena-Taumel

Nicht nur Himmelfahrt/Männertag bietet sich für eine Landpartie an. Ingrid und ich haben uns letztens wieder in Richtung Lützschena geschraubt. Aber zuerst haben wir uns natürlich ordentlich einen angetrunken, damit wir auf voll P1060283waren, und zwar 1a. Mit drei acht im Turm sind wir dann zur alten Sternburg-Brauerei getaumelt, aber die war irgendwie nich mehr in Betrieb: P1060288Dafür haben wir merkwürdige Gesichter dort entdeckt. Oder lag das an unserem Pegel? P1060290Der absolte Gipfel sind die Giebel von Lützschena: P1060294Aufmerksamen Betrachtern wird nicht entgangen sein, das in dem unteren Bullauge Richard Wagner steht. Der war auch nicht mehr nüchtern. Dann sind wir in die Gartenstadt von Lützschena getorkelt. Die Reformarchitektur von ca. 1910 sollte Stadt und Land angenehm miteinander verbinden. Sehr schön. Hicks. Es gibt aber auch noch frühere Siedlungszeugnisse in der Umgebung zu sehen, frühe Asphaltzeit würde ich sagen: P1060301Die Gartenstadt war damals sicher noch lauschiger. Vielleicht lag es an unserem Rausch, der uns den Blick vernebelte, aber die Häuschen haben doch sehr unter den Modernisierungsmaßnahmen gelitten. In vielen Häusern sind zum Beispiel Haustüren eingebaut, die in ihrem Design an die auf fetzig getrimmten Pullover der DDR-Jugendmode erinnern, die am Ende doch einfach nur hässlich waren, weil aus unmöglichem Material und mit schaurigem Muster. Nur, wenn man nach oben schaut, sieht es noch ein bisschen nett aus: P1060322P1060324Die Anwohner betrachteten uns denn auch mit gekräuselten Lippen. Es gefiel ihnen gar nicht, dass zwei trunkene Frauen in ihre Vorgärten atmeten und dann wollten sie auch noch wissen, wofür die Fotos wären, die wir machten. Nur dem kleinen Faun am Jungfernbrunnen war alles egal. Er versuchte verzweifelt, seiner Panflöte Töne zu entlocken, Publikum hatte er nicht: P1060315Da brauchten wir dringend innere Erhöhung, die wir im Bismarckturm fanden: P1060304Wir stiegen auf die erste Plattform und da mussten wir uns ganz schön festhalten. Und wir fragten uns, was Otto wohl von dieser pragmatischen Formation gehalten hätte. Ist ja eigentlich schön, wenn man alles beisammen hat: P1060311Na ja, wir ließen es dann gut sein und schliefen in der Landschaft unseren Rausch aus. Es gehört unbedingt zu einem Ausflug, dass man seine Spuren hinterlässt: P1060325  

Das Waffel-Ornament als Schmuck in der Architektur

Immer praktisch. Immer lecker. Immer griffbereit. P1050973 P1050972 ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------- Nachtrag - zwei Tage später: Die Waffel-Ornamentik ist dynamisch, sie verändert sich. Es handelt sich sozusagen um ein organisch-urbanes Element: P1050974

Kleinkrieg in der Südvorstadt

Als ich vor ein paar Tagen zu meiner Laufrunde aufbrach, entdeckte ich an einer Baustelle einen Kontainer, auf den hatte jemand Folgendes gesprayt: "Das ganze Haus am besten hier rein!" Da hatte wohl jemand die ganzen weißen viereckigen Klötze satt, die an jeder noch freien Ecke aus dem Boden sprießen. Jede einzelne Freifläche der Südvorstadt, wild bewuchert und unbegehbar oder einfach nur zum Nichtstun einladend, wird mit Ein- und Mehrfamilieneigenheimklötzen zugekleistert. Ich gönne jedem seine vier Wände, aber braucht eine Stadt nicht auch ein paar Unflächen? Unbebaut, ungenutzt, ziellos und ganz ohne Zweck - einfach ein Ort, an dem man stehen bleiben kann und nichts tun muss. Ich fand den Kommentar auf dem Kontainer witzig und wollte ihn beim nächsten Mal fotografieren - nämlich heute. Aber der Kontainer war anscheinend sofort ausgewechselt worden. Ein Niegelnagerneuer stand da. Aber auch an dem hatte jemand kommentiert: P1050968Da muss wohl jetzt noch mal ein neuer Kontainer ran, denn Aufschriften scheinen nicht willkommen zu sein. Und das ist ein Verhalten, das ich merkwürdig finde: dieses mir irgendwie widerwärtige, emsige, sofortige Wegputzen von Grafittis. Ich kann schon verstehen, dass Hausbesitzer nicht freudestrahlend schreien: Juchhu, wir sind getaggt! Aber irgendwie muss man doch auch die Kirche im Dorf lassen können. Denn folgendes beobachte ich seit Monaten: An einer Straßenecke wurde ein Haus saniert mit einem eingezäunten Parkplatz daneben. Das Haus erstrahlte picobello neu und klar, waren bald darauf Tags auf die einladend freie Wand am Parkplatz gesprayt. Sofort wurde alles wieder übertüncht. Und das geht jetzt seit Monaten so: sprayen, malern, sprayen, malern. Dieses Gebaren empfinde ich als überflüssig und spornt nun beide Fronten zu Hartleibigkeit an. Anstatt es bei dem einen Tag zu belassen, wurde inzwischen auch die hölzerne Haustür besprayt. Dann wieder frei gekratzt, wieder getaggt... Inzwischen sieht sie richtig schäbig aus, obwohl sie erst ein Jahr alt ist. Was ist die nächste Stufe? Wird dieser Platz bald videoüberwacht oder von Wachleuten gesichert? . Vor drei Tagen wurde wieder an der Wand getagt - wollte ich heute festhalten, aber es ist schon wieder geweißelt: P1050969Vielleicht sollte ich mal was draufschreiben: Leute, macht euch mal locker. Es gibt echt schlimmere Probleme. Man mag Tags nicht besonders schön finden, aber in einer Stadt hinterlassen nun mal alle ihre Spuren. Andere fahren stinkige Autos, schmeißen Müll überall hin oder belästigen MitstädterInnen mit geistigem Müll. Das muss man dann auch hinnehmen. Und wieder andere stopfen die Kacke ihrer Hunde in kleine Plastiktüten und hängen diese auf die Zweige der Büsche am Wegesrand. Das finde ich viel schlimmer. Und das nimmt übrigens massiv zu und ist auch eine Entwicklung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann: Wieso macht sich jemand die Arbeit und stopft Exkremente in Tütchen und lässt dann die Tütchen überall liegen, sogar im Wald. Die Kacke wär schon längst verschwunden, in der Tüte aber bleibt sie dort ewig liegen. Häh??? Ich versteh euch alle nicht. Aber ich will ja nun auch nicht zur Meckererin verkommen. Deswegen noch dieses hier, das mag ich, ist noch ein DDR-Relikt, gepaart mit neuen Tags. Sieht doch zusammen nicht schlecht aus: P1050970  

Neulich im Auwald

Die kleine Hexe besaß ihr Häuschen mitten im dichten, dunklen Wald: P1050821Wenn die Hexe übermütig war, spielte sie Dornröschen und zauberte sich eine undurchdringliche Hecke vor das Küchenfenster: P1050804Aber eigentlich war die Hexe romantisch veranlagt: P1050812 Tagelang saß sie schmachtend auf der kleinen maroden Bank unter ihrem Lieblingsbaum und träumte von einem schönen, klugen Mann: P1050820 Vor lauter Träumerei ließ sie ihren Haushalt ein bisschen von der Leine. Aber eigentlich war Hausarbeit nichts für die Hexe, sie hatte ganz andere Ambitionen. P1050813 Am liebsten schlief sie unter freiem Himmel: P1050833Aber eines Tages war damit Schluss. Da tauchte nämlich ein Lindwurm auf. Der gab mächtig an mit seinen vielen Beinen: P1050828 Das ließ die Hexe kalt, sie war zufrieden mit ihren zwei Beinen. Aber manchmal wurde ihr die Warterei doch zu lang. Schwere Stimmungen plagten sie. Mitunter wurde sie so wütend, dass sie mit genau einem ihrer zwei Beine ihren Geräteschuppen in die Seitenlage beförderte: P1050831Doch eines Tages war etwas anders. Da prangte plötzlich ein Blutfleck auf der Wand - sehr gruslig: P1050834 Der Blutfleck war vom Froschkönig. Der war in der Nacht zuvor hier gelandet - böse Zungen behaupten, eine Prinzessin hätte ihn mit der Hand geworfen, ganz weit ins Nirgendwo hinein - aber gelandet war er nun hier, bei der Hexe. Und es war ein netter Froschkönig. P1050838 Er war geradewegs durch den Dachstuhl geplumpst. Dabei hatte er sich verletzt und den Blutfleck verursacht. P1050847"Schwamm drüber", sagte die kleine Hexe, lächelte still, machte den Blutfleck weg und heizte den Ofen an.

Mein erstes Radio-Feature

Ich war auf Entdeckertour, habe Leute getroffen und Erinnerungen gesammelt, habe mit geschnitten, gesammelt, geschrieben, geschnipselt, hin- und her geschoben und jetzt ist es fertig: Mein erstes Radio-Feature. Es heißt "Industrieruinen - Faszination und Wehmut". Hauptdarsteller sind die leerstehenden Fabriken von Leipzig. Das Feature lief am 9. August 2014 auf MDR FIGARO. Dort kann man es ein Jahr lang nachhören und runterladen. Einfach hier klicken. P1040459

Dialog

Mit dem Bus unterwegs im Wurzener Land. Im Radio läuft "Zombie" von The Cranberries und der Busfahrer singt mit in englischer Lautmalerei. Draußen brüllt brutal die Sonne in die Scheibe. An der nächsten Haltestelle steigt eine alte, dicke Omi ein, sie benötigt Hilfe beim Reintragen der schweren Tasche. Es entspinnt sich ein Dialog: Omi: "Du bist ä Gudor!" - Busfahrer: "Na manschema." Draußen hängen die Störche ab: P1050289    

Neuigkeiten von der Zwergenburg

Letztens bin ich mal wieder an meinem Weihnachtsgruß hier vorbei gekommen und schaut, die Zwergenburg ist mittlerweile ganz schön gewachsen: P1040959Bei näherem Betrachten war dann auch schnell klar, dass sich hier ein Cache verbirgt - ich sach natürlich nicht, wo sich dieses Kleinod befindet, bin ja kein Spielverderber! Aber nette Details gibt es hier zu entdecken, auch wenn ich sie lausig fotografiert habe, tut mir leid: P1040958P1040963     P1040962 P1040964P1040965  

Buchstabenparadies

Mal schauen? Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätte ich mich mit Orgelpfeifen umgeben:

P1040952Sind aber keine Orgelpfeifen. Diese Dinger machen die Buchstaben in Schreibmaschinen.

P1040954Wenn diese Dinger dann beim Schreibmaschinengebrauch Buchstaben aufs Papier drucken, ertönt auch Musik, aber natürlich keine Ogelmusik. Ich habe während meines Studiums mal ein paar Belegarbeiten auf einer "Gabriele" getippt. Ihr Sound reichte nicht im Geringsten an den Sound einer Computertastatur heran. Allein dieses Klingeling, wenn man mit diesem Bügel in die nächste Zeile ratschte. Wo kann man das heute noch hören? Die Schreibmaschinenbügel habe ich im Museum für Druckkunst entdeckt. Hier gibt es ganz furchtbar schöne Schubladengewitter drin: P1040956P1040955So einen Schrank mit lauter Fächelchen hätte ich auch gern. Korrekt heißt es ja "Setzkasten". Das war auch mal in den 80ern angesagt: Setzkästen mit kleinen Figuren drin. Na ja. Kennen heute nicht mehr so viele: Setzkästen mit Nippes und Schreibmaschinensound. Bin ich alt oder was?

Flohmarkt

Wenn einem die Zeit zu hektisch wird, dann benutze man einen Flohmarkt. Hier tummelt sich ein Schlag von Mensch, der nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen ist. Und hier jubiliert die Vergangenheit: nicht nur in der Ware. Sammler sind ja irgendwie auch fossile Menschen. Es gibt die grimmigen Opas, die alte Abzeichen feilbieten, genauso wie die Flohmarkt-Leithirsche, die eine Menge Kohle mit alten Schränken machen wollen. Die Kommunikation auf dem Markt bewegt sich in unaufgeregten Formeln: "Das hatten wir früher ooch" rangiert ganz vorn, dicht gefolgt von: "Das fehlt heude! Das ham wir früher jedes Wochenende jemacht. Aber heude gibts da nisch mehr. Da fehlt was." Ach, ich geh gern auf den Flohmarkt. Man sieht dort viele nervige Menschen in einem anderen Umfeld. Man bekommt einen anderen Blick auf sie. Wenn sich die Zeiten ändern, empfiehlt sich ein Besuch an dem Ort, wo sie stehen geblieben zu sein scheint. Plötzlich versteht man einige Dinge ein bisschen besser.