Ein Tag mit 150% November, aschgrau und Regen. Ein durchnässter, verwirrt aussehender Mann springt in letzter Sekunde, bevor sich die Türen schließen, in die Bahn. Mit dem Stoffbeutel zwischen den Knien gurrt er leise “Huppeneihui, huppeneihui, huppeneihui”. Huppeneihuis Ruf erschallt oft entlang der Karl-Liebknecht-Straße. Ich erlebe Huppeneihui meist fröhlich und laut. An diesem Regentag aber hatte es offensichtlich auch ihm die Stimmung verhagelt. Huppeneihui ist einer der Gestalten, deren Geist Schiffbruch erlitten hat. Seitdem ist er am Schwimmen und sucht ein Ufer.
Wen ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe, ist die geschminkte Frau mit der Perücke. Ich glaube, sie ist (war?) sehr traurig. Angetrunken und extrem stark geschminkt, wankte sie früher oft an den Straßenbahnhaltestellen entlang und schimpfte, meistens auf Männer. Sie weinte und ballte ihre Fäuste drohend in die Luft, sagte Dinge wie: “Ihr werdet schon sehen” oder “Scheiß Kerle”. In der Zeit, als ich in einem Lokal auf der Karli kellnerte, hatte sie eines Tages offenbar Probleme mit anderen Bewohnern bekommen. Sie stand weinend vor der Tür, stammelte angstvoll wirres Zeug und rannte dann weg. Als ihre Verfolger kamen, haben wir sie in die falsche Richtung geschickt.
Wer immer regelmäßig ins Lokal kam, war Mohscher. Weißhaarig und immer ordentlich gekleidet, und auch ziemlich verwirrt. Bei uns bekam er stets ein großes Glas Wasser mit Eiswürfeln und Zitrone. Mohscher hatte manchmal den Schalk im Nacken. Einmal schleppte er eine alte Fotografie bei sich. Darauf war eine Gruppe Frauen abgebildet. Wir mussten zeigen, welche die Schönste ist. “Aber wirklich die Allerschönste”, betonte Mohscher. Es war ihm ernst. Zum Glück war die Aufgabe nicht so schwer, man konnte gut sehen, wer auf dem Bild eine echte Schönheit war. In welcher Beziehung Mohscher zu der Schönen stand, hat er uns nicht verraten. Den besten Auftritt hatte Mohscher, als ich einmal mit meiner Großmutter, die mich in Leipzig besuchte, die Karli entlang spazierte. Mohscher kam zu uns und erklärte, er sei mit mir verheiratet. Meine Großmutter lächelte, schüttelte sanft den Kopf und erwiderte, sie denke, dass sei nicht wahr. Mohscher hatte wie ein Honigkuchenpferd gegrinst. Zwischendurch habe ich ihn lange nicht gesehen, aber vor etwa einem Jahr marschierte er zackigen Schrittes die Straße entlang. Er sah aus wie immer.
Marschierenderweise kennen aufmerksame Stadtgänger vor allem den “General”. Vollbärtig, mit irrem Blick und mit einer eigentümlichen Gangart, an welcher die Jungs von Monty Python ihre helle Freude gehabt hätten, gehört er zu den Gestalten, die am häufigsten auf der Karli hin und her flanieren. Der General grüßt meist freundlich und ist dem Bierchen stark zugetan. Er freut sich, wenn man ihm dann und wann eines spendiert. Wie Mohscher ist der General immer der Jahreszeit entsprechend angezogen, sauber und stinkt nicht. Ich denke daher, dass er ein Heim hat, wohin er abends zurück kehrt.
Das gilt wohl auch für den Schnorrer. Er steht meist in Nähe Volkhaus auf dem Gehweg und spricht jeden Vorbeikommenden an, ob er nicht zwei Euro für ihn habe. Mich hat er bestimmt schon 76 Mal gefragt. Früher tischte er immer noch die Geschichte auf, ihm fehlten noch genau zwei Euro für ein Busticket. Ich habe ihm noch nie Geld gegeben, weil mir zwei Euro echt zuviel sind. Ich glaube auch nicht, dass er das Geld dringend braucht, denn wer auf das Betteln angewiesen ist, würde taktisch klüger vorgehen, vermute ich. Der Gesichtsausdruck des Schnorrers ist auf andere Weise verwirrt als z. B. das von Huppeneihui, irgendwie stumpfer und stupider.
Diese Gestalten gehören zum Stadtbild, sie bleiben sich treu. Niemand weiß, wie es bei ihnen angefangen hat. Man sieht nur das Ergebnis.
Übrigens, bei Tofubratwurst in meiner Blogroll gibt es eine Sammlung von Porträts von Gestalten und anderen Menschen, die an unterschiedlichen Rändern leben. Die “Street Porträts” sind großartige Aufnahmen, die unter die Haut gehen. Der General ist auch dabei.