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Blicke von Bänken

Drüben bei Jochen hab ich die neue Serie entdeckt: "Blicke von Bänken". Das hab ich auch mal ausprobiert, ganz bewusst. Beim Sitzen auf einer Bank befindet man sich ja in einer guten Ausgangsposition: Man sieht den anderen zu. Ein bisschen wie Theater, noch dazu kostenlos. Ich habe eine Bank im städtischen Auwald gewählt, weil ich da grad unterwegs war. Und tatsächlich ist mir gleich was aufgefallen: Diese Bank befand sich in von Hochstimmung gefluteter Atmosphäre: P1040427P1040424 Der Blick nach vorn wie nach oben war weit, hell, blau und grün. Und diese Weite lässt offenbahr Gefühle zu.     P1040429P1040431 Denn um diese Bank herum fanden sich Spuren von Liebe. Man sieht es an den hinterlassenen Herzchen.  

Und auch die Bank von schräg gegenüber - einfach nur positiv.

P1040430Komisch nur, dass ich da ganz allein war. Alle anderen fuhren nur ihr Kinder und Fahrradhelme spazieren. Wahrscheinlich muss man auf dieser Bank vor allem sich selber mögen.

Stadtausflug Leipziger Osten, Teil 2

Unser erster Stadtausflug in den Leipziger Osten (hier) liegt eine Weile zurück, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben und deshalb jetzt der Bericht von unserer Tour: Täubchenweg - Breite Straße - Herrmann-Liebmann-Straße - Mariannenpark - Liebmann-Straße zurück - Wurzener Straße - Torgauer-Straße - Dresdner-Straße - insgesamt mal eben so nach Sellerhausen und zurück. Höhepunkt war eindeutig der Plausch mit Jonas und Yassin. Unser erstes Lieblingshaus, altrosa mit bröckelndem Putz: Urban Gardening mitten in der Stadt: Die Initiative Querbeet eröffnete gerade einen offenen Garten mit einer Fläche von ca. 5000 m² in der Hermann-Liebmann-Str. 17-19. Hier werden nach den Prinzipien der ökologischen Landwirtschaft Nutzpflanzen angebaut -von Bürgern für Bürger: Ein verlassenes Schlösschen mit Balkönchen und Bäumchen, Prinzesschen war ausgeflogen:                   Wer sagt, dass eine Straßenabsperrung keine Halterung für Blumenkästen sein kann? Auch wenn das vermooste Leben in den Blumenkästen sich selbst überlassen wurde: Natürlich ist der Leipziger Osten wild und gefährlich: Wunderschöner Mariannenpark (entstanden um 1913, nachzulesen hier).  Während wir ein Sonnenbad auf der Bank (rechts auf dem ersten der vier Park-Bilder) nehmen, beobachten wir zwei Jungs, die ein altes, rosafarbenes Laptop immer wieder die Treppen hinunterschmeißen und darauf herumtrampeln. Als wir wenig später auf dem Weg zu unseren Fahrrädern vorbei müssen, ruft der eine munter: "Hallo!" Wir halloen zurück. Der eine erklärt: "Ich lasse gerade meine Wut ab. Ich hab Wut auf meine Lehrer. Wir haben nämlich ein Mädchen mit ADHS in der Klasse, die darf alles machen, sogar in der Stunde telefonieren. Ich hab auch ADHS und ich darf nichts." Wir bekunden unser Empören über diese Ungerechtigkeit. Die beiden heißen Jonas (ca. 11) und Yassin (ca. 9). Als wir uns mit "Ingrid und Judith" vorstellen, sagt Jonas: "Cool!" Jonas erzählt viel. Dass er eine blöde Schwester von sechs Jahren hat, die ihn immer ärgert und voll geizig ist. Sie will ihm kein Geld von ihrem Ersparten borgen, damit er seine Tabletop-Figuren-Sammlung erweitern kann. Er hätte da nämlich Uruk-hai und Höhlentrolle von "Herr der Ringe" im Auge. Yassins Schwester ist auch blöd. Wir geben zu, dass Geschwister ganz schön nerven können, aber ganz ohne wär' s ja auch langweilig. Jonas gibt uns Recht. Jonas nimmt keine Medizin gegen ADHS, er reagiert sich oft mit einem Stressball ab. Seine Mutter hat gesagt, man muss ein Kind nicht mit Medizin vollpumpen. Sie hat ihn auf die Georg-Schumann-Mittelschule geschickt, weil das die beste in Leipzig ist, wie sie sagt. "Dabei gehen da voll viele Assis hin", weiß Jonas zu berichten, "Das geht ja gar nicht. Da kommen welche und hauen deinen Kopf einfach so gegen die Wand." Jonas hat sich heimlich ein TS bei Security besorgt, das ist wohl eine Art Schlagstock mit Teleskopstange. Damit wehrt er sich, wenn es hart auf hart kommt. Nun sind Ingrid und ich ein bisschen erschrocken und wir raten Jonas, bloß vorsichtig mit dem Ding zu sein. Ist er, beteuert er. Die beiden wünschen uns noch einen schönen Tag und winken uns hinterher. Wir tun dasselbe.                                 Zur Erinnerung habe ich zwei Tasten aus dem rosa Laptop mit nach Hause genommen: Auf der reichhaltigen Wiese fand sich etwas Kohlrabiähnliches, in das wir todesmutig hineinbissen. Falls es in Zukunft keinen weiteren Blogeintrag gibt, ist uns die Pflanze schlecht bekommen. Zur Warnung bilde ich sie schon mal vorsorglich ab:               Impressionen zwischen Monika und Eierkuchen:               Vor ein paar Jahren unterhielt ich mich mit Olav Petersen vom Saegewerkatelier über das alte Viadukt von 1875. Schon damals stand fest, dass es 2012 still gelegt wird. Petersen erzählte damals von seiner Vision, den Viadukt in einen kilometerlangen Radweg zu verwandeln - einfach Schienen runter und Beton drauf. So könnte der Leipziger Osten unmittelbaren Anschluss an das Zentrum bekommen. Mittlerweile ist auch hier die Rede vom Parkbogen Ost, eine Art High Lane Park, der sich an den Stadtteilen Reudnitz, Anger-Crottendorf, Stötteritz und Sellerhausen entlang schlängelt:

Das Leben im Park

Fundstück: eine hellblau-salbeifarbene Vogeleihälfte, Fundort: Abtnaundorfer Park Leipzig Seit dem Entstehen des Parks um 1750 herum, brechen hier die Vogeleier auseinander. Sag ich mal. Sei es, weil die Küken gewaltsam dem Leben entrissen werden oder sie höchstselbst dem Leben entgegen zu fliegen bereit sind. Gelebtes Leben steckt auch in diesem Schatten einer Figur aus Drahtgewebe der Künstlerin Franziska Möbius: Ich zitiere von der Seite www.stadt-land-kunst.org: "Durch das halbtransparente Material werden sie (die Figuren aus Drahtgewebe) zur Erscheinung, zur Ahnung davon, wie viele Menschen schon in diesem Park lustwandelten. Dazu gehörte auch Clara Schumann, die am 12. September 1840 Robert Schumann in der Schönefelder Dorfkirche geheiratet hatte." Clara Schumann heiratete ihren Robert gegen den Willen ihres Vaters. Wie oft ging sie wohl (die Schumanns lebten vier Jahre in Leipzig) durch den Park, fand dabei eine ebensolche Eierschale, hob sie auf und bewegte sie mit ihren langen, schmalen Klavierfingern hin und her und verfluchte dabei innerlich den strengen Übervater, der sie von Kindesbeinen an kontrolliert und getriezt hatte. Vielleicht stand sie an dem Teich und trat ihrem Vater in Gedanken in den Hintern. Vielleicht rannte sie übermütig mit Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt und Christian Andersen über die Wiesen und machte sich mit ihnen über dilettantische Musiker lustig. Hier dachte sie wahrscheinlich über die Verse von Shakespeare oder Goethe nach, die sie nun endlich - der Herrschaft des Vaters entronnen - lesen durfte. Und hier haderte sie mit sich, weil in der Ehe mit Robert einiges auch nicht so lief, wie sie sich das vorgestellt hatte. Und heute rennen wir hier rum. Treten anderen Leuten gedanklich in den Hintern, manchmal auch uns selbst. Denken über Gelesenes nach, planen Geschriebenes. Ich danke dem Kreuzer für diesen Spazier-Tipp.                             Dr. Traugott Thomasius hatte den Park in Abtnaundorf um 1750 herum als Rittergutspark angelegt. Ab 1789 gelangte das Rittergut in den Besitz der Familie Frege, die dem Park bis etwa 1920 immer wieder bebauten und veränderten. Sie hatten viel zu tun, denn z. B. wurden große Teile des Parks während der Völkerschlacht zerstört. Völlig kaputt ging dieses schöne Fleckchen unter der Naziherrschaft und während des Zweiten Weltkriegs. Einige Elemente der ursprünglichen Parkgestaltung haben es bis heute geschafft, so der Teich mit Insel und Tempel, ein Säulenstumpf am Teich, ein Gedenkstein im Wald, eine Bogenbrücke über die Parthe und die Kastanienallee.