Schlagwort-Archiv: Spielraum

Verschwundene Orte

Ich war in einem Kaufhaus, dass seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr existiert. Ich flunkere nicht. “PLAY! Leipzig”, das Performance-Festival zu Bewegung im Stadtraum hat es ermöglicht. www.playleipzig.de. Es handelte sich um das Kaufhaus Ury, dass von 1896 bis zur 1938 den Konsumenten offenstand. Heute schweigt hier ein verschwundener, überschriebener Ort. “PLAY! Leipzig” “markierte” das Kaufhaus Ury anhand des überlieferten Grundrisses  an seiner ursprünglichen Stelle. So sah das etwa aus:

Der ehemalige Eingang lag direkt an der sehr befahrenene Straße am Leuschner-Platz. Wir mussten durch die Autos durch, deren Fahrer leicht irritiert auf die Gruppe von Menschen starrte. Dann ging es hinein in ein großes Gebüsch. Logisch, dass da wenig Platz für unsere Gruppe von etwa 10 Mann blieb. Aber genau so sollte es sein, denn im Empfangsbereich tobte um ca. 1920 das Leben. Um das historisch korrekt zu imaginieren, mussten wir uns in unsere Gruppe bewegen: immer zwischen zwei anderen hindurch. Das ergab dann in etwa das Gedränge von damals. Was uns jedoch fehlte, waren die Blumenverkäuferinnen von damals, die hier ihr größtes Geschäft machten, aber deswegen – wie die Unterlagen erzählen – immer wieder Ärger mit der Polizei bekamen.

Wir besichtigten den Lichthof, die Stoffabteilung, Konfektionswaren, fuhren Fahrstuhl, suchten die Toiletten auf… Automatisch kam mir das Leben aus “Paradies der Damen” von Emile Zola in den Kopf.  Wir flanierten in auch die Büros der Gebrüder Ury. Heute hätten sie diesen Ausblick gehabt:

Nach einer halben Stunde war die Führung beendet. Und was hat es mir gebracht? Im Festval-Flyer steht, dass durch Gänge, Performances und Audiotouren politisch und kulturell bedeutende Orte, Erinnerungen und Geschichten der Stadt auf ungewohnte Weise erfahrbar gemacht, Spielräume eines Handelns im Öffentlichen durch theatrale Aktionen geschaffen und alltägliche Bewegungsformen zu ihrer urbanen Umgebung ins Verhältnis gesetzt werden. Uff, sehr ambitioniert. Für mich sieht es so aus: Immer wenn ich diesen Fahrradweg dort benutze, denke ich daran, dass ich gerade durch das Kaufhaus Ury fahre. Das ist doch schön.

Hier noch etwas Hintergrundinformation zum Kaufhaus: http://www.juedisches-museum-berlin.de/main/DE/03-Sammlung-und-Forschung/00-LPdetails/detail-21.php