Aus arbeitstechnischen Gründen höre ich im Hallenser Büro “Der Kurier des Zaren” von Jules Verne. Ich bin an der Stelle, als Michail Strogoff, gerade von den oberfiesen Tartaren geblendet, seine Nadja durch Sibirien trägt und mitm Floß nach Irkutsk schippern will, um Russland zu retten. Es eilt. Natürlich sieht Michail Strogoff auch noch geblendet, halb verhungert und frierend unverschämt gut aus. Plötzlich sagt ein Kollege neben mir: “Da war ich auch schon!” Genau diese Strecke ist er abgefahren. Und Bären hat er auch gesehen. Er erzählt, dass es total verrückt ist, wenn man mit dem Boot vom Baikalsee in die Angara reinfährt. Der Baikalsee ist ja irre tief, niemand weiß es ganz genau, was da unten so vor sich geht. Die Angara ist auch irre tief. Aber an der Grenze der ineinander übergehenden Gewässer gibt es einen hellen Streifen im Wasser. Weil genau da ein Gebirgsstreifen viel höher liegt als der restliche Untergrund und es sieht aus, als ob man über einen Tellerrand fährt. Von einer Suppenschüssel in die andere. Und in einem klitzekleinen sibirischen Dorf steht ein Mini-Theater, in dem regelmäßig alle 60 Einwohner zusammen finden und so eine Art Wissotzki-Typ singt Lieder und am Ende heulen alle. Wahnsinn! So was werde ich von unserem diesjährigen Urlaub am Plauer See wohl nicht berichten können.
Immer fahren alle weiter weg als ich. Die nächste Kollegin verabschiedet sich nach Tomsk, die andere schwärmt von ihrem Israel-Aufenthalt. Eine andere tourt drei Wochen durch Amerika, ein völlig Verrückter radelt einmal um die Ostsee. Ich kenn sie alle. Und ich werde dann am Plauer See stehen, meinen Blick in die Ferne schweifen lassen, während das Süßwasser meine Zehen umspielt. Sonnengegerbt werde ich mich durch kniehohe Melde und wilde Möhren schlagen und von der Ferne träumen.
Und ihr so? Jemand zufällig demnächst am Baikalsee unterwegs?




























