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Fernweh

Freitag, 20. Juli 2012

Aus arbeitstechnischen Gründen höre ich im Hallenser Büro “Der Kurier des Zaren” von Jules Verne. Ich bin an der Stelle, als Michail Strogoff, gerade von den oberfiesen Tartaren geblendet, seine Nadja durch Sibirien trägt und mitm Floß nach Irkutsk schippern will, um Russland zu retten. Es eilt. Natürlich sieht Michail Strogoff auch noch geblendet, halb verhungert und frierend unverschämt gut aus. Plötzlich sagt ein Kollege neben mir: “Da war ich auch schon!” Genau diese Strecke ist er abgefahren. Und Bären hat er auch gesehen. Er erzählt, dass es total verrückt ist, wenn man mit dem Boot vom Baikalsee in die Angara reinfährt. Der Baikalsee ist ja irre tief, niemand weiß es ganz genau, was da unten so vor sich geht. Die Angara ist auch irre tief. Aber an der Grenze der ineinander übergehenden Gewässer gibt es einen hellen Streifen im Wasser. Weil genau da ein Gebirgsstreifen viel höher liegt als der restliche Untergrund und es sieht aus, als ob man über einen Tellerrand fährt. Von einer Suppenschüssel in die andere. Und in einem klitzekleinen sibirischen Dorf steht ein Mini-Theater, in dem regelmäßig alle 60 Einwohner zusammen finden und so eine Art Wissotzki-Typ singt Lieder und am Ende heulen alle. Wahnsinn! So was werde ich von unserem diesjährigen Urlaub am Plauer See wohl nicht berichten können.

Immer fahren alle weiter weg als ich. Die nächste Kollegin verabschiedet sich nach Tomsk, die andere schwärmt von ihrem Israel-Aufenthalt. Eine andere tourt drei Wochen durch Amerika, ein völlig Verrückter radelt einmal um die Ostsee. Ich kenn sie alle. Und ich werde dann am Plauer See stehen, meinen Blick in die Ferne schweifen lassen, während das Süßwasser meine Zehen umspielt. Sonnengegerbt werde ich mich durch kniehohe Melde und wilde Möhren schlagen und von der Ferne träumen.

Und ihr so? Jemand zufällig demnächst am Baikalsee unterwegs?

 

Text-Burger in Bristol

Dienstag, 17. April 2012

Diesmal ist unsere Stadterkundung etwas abschüssig geraten und deswegen gibt es heute nicht lecker Leipzig, sondern lecker Bristol mit einem Schuss Bath. Wir residierten very british im Mini-Reihenhaus. Die Silhouette dieser Häuschen mit den Krönchen auf den Schornsteinen bestimmen das Stadtbild.

 

 

 

 

 

 

Banksy wurde in Bristol geboren und natürlich trifft man ihn öfter in den Straßen:

Aber auch andere Street Art Künstler bekommen in Bristol Chancen. Dafür wurde sogar eigens eine Straße abgeriegelt, damit diese in Ruhe zu Werke gehen konnten, hier rechts ein Beispiel:

In Leipzig dagegen tagte gerade die Anti-Graffiti-Konferenz, so gelesen bei Heldenstadt.de.

 

 

 

 

 

Bücher haben in Bristol ein besonders schönes Zuhause bekommen:

 

 

 

 

 

 

Wir wohnten gleich an der Gloucester Road, in Europa die längste Straße mit unabhängigen Läden. Buddhisten neben Katholiken, Osteopathen, Chiropraktiker, Chinesische Mediziner, Reiki-isten, Homöopathen… und alle tummeln sie sich in diesen kleinen entzückenden Häuschen:

 

 

Manche Hausbewohner mögen Tiere. Auch in der Werbung auf Smoothieverpackungen spielt die Katze eine Rolle:

 

 

 

 

 

 

 

 

Auch sonst bietet die Smoothieverpackung links heitere Kurzweil:

Im Museum sind zur Zeit 10 Zeichnungen von Leonardo da Vinci aus der Königlichen Privatsammlung zu sehen – da haben wir natürlich hingeschaut. Auch sonst ist das Museum ein Überflieger:

 

 

 

 

 

 

 

Und zum Schluss noch eine Prise Bath, wohin wir einen Sonntagsausflug machten. Auf dem größten Spielplatz dort haben wir übrigens diesen britischen Schauspieler gesehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Herr Schlönske hatte am Ende der Reise die englische Sprache begriffen: Achtung Ampel heißt “Achtung Ämpel”! Und Herr Urz attestierte den Briten eine Schwäche für blaue Autos: 143 Stück zählte er auf den Bristoler Straßen. Auch die von uns gesichteten Bristoler Fußballfans kleiden sich blau. Als Herr Urz angesichts ihrer ausrief: “Da hat wohl Schalke gespielt!”, kassierte er selbstverständlich eine Moppe auf den Hinterkopf. Also wirklich.

Urlaubsansichten

Montag, 25. Juli 2011

Wir an einem See. Das erste Mal zelten – mit schmaler Ausrüstung. Mach ich nie wieder. Vor allem nicht bei solchem Wetter. Ihr seht es an den Wellen:

Während die anderen Camper in ihren haushohen Zelten auf schönen Stühlen sitzen, kauern wir auf der Erde. Wenn wir raus wollen, müssen wir unseren Körper hoch quälen (ächz) und in gebückter Haltung drei Reißverschlüsse öffnen und draußen wieder schließen (ungefähr 20 Mal am Tag). Draußen pustet die Windgeschwindigkeit sämtliche Haare in eine Richtung über den Kopf und lässt sie von selbigem im 45-Grad-Winkel abstehen. Aber das man beim Campen nicht gut aussieht, wusste ich schon vorher. Nachts rauscht der Wind so unerträglich laut in den Bäumen, dass es ohne Ohropax kein Stündlein Schlaf gibt. Direkt neben dem Zelt laufen die Camper lustig lärmend zum Gemeinschaftsklo. Schön, wenn man so dazu gehört.

Die meisten Leute finden das Campen trotzdem so schön, dass sie gewaltsam davon abgehalten werden, hier ohne Gebühr ihr Lager aufzuschlagen, wie man an dieser aggressiven Einstiegsbremse sehen kann:

Vielleicht liegt es daran, dass die Fische hier lustige Spiele spielen. Sie setzen sich Hütchen auf, damit wir am Strand auch was davon haben:


Wie ihr an den Sachen hier seht, ist auch Magnum grad im Wasser :-) Wir waren ganz diskret.

Es gab wunderschöne Sachen, die sind einfach so passiert. Hier haben wir nix dazu getan:

Bei anderen mussten wir konstruktiv dran arbeiten, damit es gut aussah. Die Wichtelwelt rund um den See hat sich sicher über unsere umfassenden Wald-Architekturen gefreut:

Besonders aufwühlend war der Blickkontakt mit den Dauercampern. Ich hatte mir nämlich erlaubt, einen ihrer verlassenen Strandstühle 12 Meter (nachgemessen!!!) zu verrücken. Da kam es zu einem Auflauf an der Wiese und man gab mir mit Händefuchteln zu verstehen, dass ich den Stuhl unverzüglich dort zurück zu stellen habe. Es hat sich aber keiner getraut, mir das direkt ins Gesicht zu sagen. Sicher weil der Wind meine Haare so aggressiv aufgestellt hatte. Dann liefen die Camperfrauen mit ihren starken Männern Patrouille um zu kontrollieren, ob ich das wohl auch richtig mache. Am nächsten Tag waren diese Stühle vorsorglich am Tisch verankert. Schön wie man sich hier noch um sein Eigentum kümmert! Die Dauercamper leben hier mindestens den ganzen Sommer und einige sogar das ganze Jahr. Natürlich haben sie einen super gepflegten Geranienvorgarten vor der Wohnlandschaft, eine Schüssel am Wohnwagen und ein Brett vorm Kopf. Ich hätte ihnen eine Schachtel Merci auf den Stuhl legen sollen, auf den ich mich einfach so gesetzt habe, eine Viertelstunde lang.

Das mit dem Zelt und mir wird nicht so schnell wieder was. Nur in Ausnahmefällen.

Pressemeldung des Tages heißt:

Dienstag, 12. Juli 2011
Die Deutsche Wildtier Stiftung warnt vor kokettierenden Ricken im Verkehr.

Wichtig für alle, die mit dem Auto in den Urlaub fahren: Es sind viele Rehmütter im Liebesrausch und deshalb auf den Straßen unterwegs. Schilder mit der Aufschrift “Wildwechsel” sind unbedingt ernst zu nehmen. Rehmütter gehen nämlich, obwohl der Nachwuchs noch im Nest liegt, gleich wieder auf Brautschau und locken mit Fiep-Tönen neue Böcke an. Sommerliche Gewitter bringen die Sexualhormone der Rehe in Wallung. Herrje!!! Da liegen die Rehkitze einsam im Wald und Mama macht die Böcke kalt.

Aber!!!  „Trotzdem ist die Ricke keine Rabenmutter“, sagt Dr. Andreas Kinser, Experte der Deutschen Wildtier Stiftung. „Im Gegenteil! Sie schützt den gut versteckten Nachwuchs durch ihre Abwesenheit! Wenn sie ständig in der Nähe des Kitz wäre, würden Fressfeinde wie der Fuchs schnell auf den Nachwuchs aufmerksam.“

Rehmütter schaffen also mühelos den Spagat zwischen Bedürfnis und Pflicht. Trotzdem leben sie im Risiko, denn viele Rehe werden Opfer des Straßenverkehrs. Also: Obacht! Sonst müsst ihr Rehkitze adoptieren.