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Warten

Sag ich zu Andrea Behnke, drüben von der Kladde, ich weiß nicht, worüber ich bloggen soll. Mein Hirn ist leer. Von Inspiration keine Spur. Sagt sie: „Schreib doch übers Warten“. Das mach ich einfach. „Ich warte wie kein zweiter, mein Warten das hat Stil, keiner kann es besser, ich warte sehr subtil“ – so sang Andreas Dorau vor langer Zeit einmal in einem seiner Lieder. Ich hab mich lange nicht um Andreas Dorau gekümmert, aber diese Zeile vergesse ich nie. Sie hat mich irgendwie gepackt. Denn wie sieht es wohl aus, wenn jemand subtil wartet? Schon mal ausprobiert? Einfach nur warten. Subtil warten. Nicht so einfach. Warten. Damit bin ich auch ständig beschäftigt. Auch um mich herum wird viel gewartet. Mein Kater sitzt seit Tagen auf dem Garagendach gegenüber von meinem Arbeitszimmerfenster und wartet darauf, dass er irgendwann ein Loch in den Dachteer sitzt, damit er endlich an das Vogelnest rankommt, in dem - schön gemütlich unterm Dachbalken – das Vogelleben tobt. Das Gefühl kenn ich. Als Freiberuflerin warte ich eigentlich immer auf etwas: Geld, Jobs, Termine, Schichten, Projektzuschläge, Antworten… Wie kann man das Warten erklären? Was geht da eigentlich vor sich? Wenn man verschiedene Fragestellungen im Zusammenhang mit Warten in die Suchmaschine eingibt, handeln die meisten Ergebnisse zum Thema Kinderkriegen. Das Warten auf ein Baby scheint ein Gemeinplatz des Wartens zu sein. Dabei ist das Warten auf ein Baby überhaupt nicht schlimm, denn nach ca. 40 Wochen kommt es mit ziemlich hoher Garantie. Ich meine eher das Warten, von dem man nicht weiß, wann es zu Ende geht – oder besser beendet wird, denn der Wartende ist dann abhängig von dem, auf das er wartet. Es ist nicht hoffnungslos, dieses Warten, aber sehr fordernd. Also, liebe Mediziner, welche Prozesse toben beim Warten in einem Körper? Das täte mich einmal interessieren. Ich tippe ja auf rein psychische Geschichten. Neurotische Zwänge, nervöse Ticks, irgendwann legt sich das Warten auf die Organe, Bauch- oder Rückenschmerzen sind die Folge oder ein ständiges Jucken. Unangenehm. Sicher gibt es ein Wartehormon, das Stoffe ausschüttet, die es hinkriegen, dass man sich nicht so richtig gut fühlt beim Warten. Vielleicht verlangsamt das Wartehormon einige Prozesse im Körper und verhindert Konzentration. Vielleicht aber könnten philanthropische Mediziner ein Mittel gegen Wartebeschwerden entwickeln, das wäre doch nett. Also, was passiert beim Warten? Meine Erklärung: Warten ist ein Zustand der Leere, den man ständig zu füllen versucht. Beispiel: Wenn ich etwas – entstanden in meinem Kopf – zur Begutachtung an andere Köpfe schicke, dann warte ich auf deren Antworten. Da diese Antworten aber lange auf sich warten lassen, frage ich mich natürlich ständig: Was werden sie sagen? Und da ich das nicht wissen kann, beginne ich, mögliche Antworten in meinem Kopf vorzuformulieren. Die Antworten sind so vielschichtig und ausgeklügelt, dass die echten Antworten – wenn sie denn mal eintreffen – vielleicht eine Enttäuschung sind. So, falls jemand darauf wartet, dass dieser Beitrag endlich zu Ende ist: Er sei erlöst. Es handelt sich um einen typischen Sommerloch-Beitrag und das, wo das Sommerloch gerade erst beginnt. Es kann also nur noch besser werden.

Wartekunst

Wartend auf dem Bahnsteig entdeckte ich letztens genau vor meinen Füßen diese Installation. Da hat sich jemand die Mühe gemacht, dicht an dicht lauter unterschiedliche Flaschendeckel in den harten Fliesenzwischenraum zu rammen. Nun frage ich mich, wie dieses Werk zustande kam? Hat jemand zu Hause die Deckel gesammelt und ging regelmäßig auf diesen Bahnsteig, um sein Vorhaben Stück für Stück umzusetzen? War es ein unglücklicher Schluckspecht, der es liebte, von genau dieser Stelle aus die ein- und ausfahrenden Züge zu beobachten und dabei gedankenverloren sein Tagespensum an Bier hier zu verewigen? Oder war es gar ein trauriger, womöglich verlassener Mensch, der hier in beginnender Verwirrung auf jemand wartete, vergeblich, denn dieser Jemand trieb sich längst auf anderen Bahnhöfen herum? Die Deckel sind abgetreten, womöglich handelt es sich um ein älteres Werk. Auf jeden Fall ist es unvollendet. Vielleicht sollte man das Erbe des ehemals Wartenden annehmen und das Muster zu Ende bringen. Vielleicht entdeckt man dabei ein Geheimnis, dass niemand je geahnt hätte...  am Bahnsteig 10?